Vom Berkelstrand an den Pazifik

Stadtlohnerin wird Australierin

Christiane Wagner hat zum Weihnachtsfest ihre alte Heimatstadt Stadtlohn besucht. Die heute 53-jährige ist 2011 nach Australien ausgewandert - und freut sich seither jeden Tag über diesen großen Schritt.

STADTLOHN

, 30.12.2016, 17:42 Uhr / Lesedauer: 3 min

Den Moment vergisst Christiane Wagner nie. Wie sich nach 24 Stunden Flug rund um den halben Globus die Flugzeugtür öffnet. Wie ihr auf der Gangway die tropische Wärme entgegenschlägt. Sie hört fremde Vogelstimmen. Und noch bevor sie die letzte Stufe hinabgeschritten ist und aus-tralischen Boden berührt, steht für die Stadtlohnerin fest: „Das fühlt sich so gut an – das ist mein Land.“ Das war der Urlaubsbeginn vor zehn Jahren. Jetzt ist Cairns im Nordosten Australiens ihre Zuhause. Die 53-Jährige steht kurz davor, die australische Staatsangehörigkeit anzunehmen. „Niemand hat geglaubt, dass wir das schaffen.“

15.000 Kilometer entfernt

Weihnachten 2016. Heimatbesuch. Auf dem Sofa im Wohnzimmer ihrer Mutter Hedwig Ratering erzählt die sonnengebräunte Tochter die Vorgeschichte ihrer Auswanderung: Nach der Trennung von ihrem ersten Mann lernte sie 2004 ihren jetzigen Mann Kurt Wagner kennen. Zu Anfang ihrer Beziehung stellte sie klar: „Ich bleibe vielleicht nicht hier. Ich könnte mir vorstellen, auszuwandern.“ Er antwortete: „Das hört sich gut an.“

Christiane Wagners Mutter erinnert sich: „Von da an haben die beiden sich hochgeschaukelt.“ Aber woher kam die Sehnsucht, auszuwandern? „Das war schon immer so. Schon als Kind wollte sie nach Südafrika auswandern, weil unsere Nachbarn mal dort gelebt haben.“ Ihre Mutter sagt auch: „Für mich war das anfangs ganz schön schwer, als die Pläne wahr wurden.“ Aber sie hatte Verständnis: „Nach dem Krieg wollte ich ja selbst mit Verwandten nach Kanada auswandern. Ich war erst 16. Meine Mutter hat es mir verboten.“

Auch Christiane Wagners Sohn (30) und Tochter (26) haben zunächst schwer daran zu knacken, dass ihre Mutter nun 15 000 Kilometer entfernt am anderen Ende der Welt lebt. „Aber wir sind trotzdem sehr nah“, sagt Christiane Wagner. Auch im Alltag – Whatsapp sei Dank. Aber wie sieht der Alltag in einem Land aus, das Christiane Wagner immer wieder „traumhaft schön“ nennt? Der Tag beginnt früh, zwischen halb sechs und halb acht. „Da ist es am Strand am schönsten“, sagt. Mit dem Fahrrad fahren die Wagners dorthin, trinken einen Kaffee – und freuen sich seit Jahren jeden Morgen bis halb elf über dieses Glück, begleitet vom Rauschen der Pazifikwellen. „Ich liebe den Ozean“, sagt Christiane Wagner.

Papaya aus dem eigenen Garten

Klingt das nicht zu schön, um wahr zu sein? Müssen die Wagners denn nicht arbeiten? Oh doch. Die gelernte Krankenschwester arbeitet im eigenen Haus selbstständig als Physiotherapeutin und vertreibt Naturkosmetik. Ihr Mann, ein gelernter Programmierer und Elektroingenieur, verdient sein Geld nun als selbstständiger Handwerker. Es läuft, sagt Christiane Wagner. „Wir brauchen ja auch keinen teuren Luxus.“ Der Luxus der Wagners ist ja umsonst: die Sonne, das Meer, das Great Barrier Reef vor der Haustür, die Mahlzeiten ganzjährig im Freien, Ananas, Bananen und Papaya aus dem eigenen Garten, das Meer – und vor allem die Menschen.

Wie sind denn die Menschen in Australien? „Inspirierend und irgendwie relaxter“, sagt Christiane Wagner und ihre Augen strahlen. Die australische Sonne reicht offenbar bis in ihre Herzen. Die Australier seien entspannter und ließen sich nicht mal in der bedrohlichen Wirbelsturmsaison aus der Ruhe bringen. „Wie macht ihr das?“, fragte die angesichts des Zyklons sorgenvolle Deutsche einen australischen Freund. Seine Antwort: „That‘s how it is – very easy“. „Es kommt wie es kommt – nimm‘s nicht zu schwer.“

Harter Weg ins Paradies

Der Weg in dieses kleine Paradies war aber mehr als beschwerlich. „Ab 50 ist er sogar utopisch“, sagt Christiane Wagner. Ihrem Dauervisum ging ein drei Jahre langer Papierkrieg voraus. Viele Auflagen für den Aufenthalt. Und harte Arbeit als angestellte Physiotherapeutin auf einer Touristenplattform auf dem offenen Meer. „Das war wirklich schlimm. Ich war ein Jahr lang seekrank.“ Das schlimmste aber war die bohrende Ungewissheit, möglicherweise doch wieder gehen zu müssen. Nur wenige Tage vor ihrem 50. Geburtstag erreicht sie die erlösende Nachricht – natürlich am Strand: Dauervisum. „Ich habe noch nie in meinem ganzen Leben so laut geschrien. So groß war das Glück. Die Menschen dort müssen mich für völlig verrückt gehalten haben.

Und wie ist es, an Weihnachten zuhause in Stadtlohn zu sein? Bekommt man da nicht ein wenig Heimweh? „Nein!“, sagt Christiane Wagner lachend: „Mein Zuhause ist in Cairns. Weihnachten bei 30 Grad am Beach ist wunderbar. Ich will nie mehr frieren.“   

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