Wie Jugendamtsmitarbeiter Eltern und Kindern bei Problemen und Notlagen helfen

mlzAllgemeiner Sozialer Dienst

Sie wurden bedroht und stehen aktuell enorm unter Druck. Auch sonst aber erleben die Mitarbeiter in der Jugendamts-Nebenstelle Stadtlohn tagtäglich einen sehr spannungsreichen Dienst.

Stadtlohn

, 22.08.2019, 10:57 Uhr / Lesedauer: 3 min

Der Alltag ist immer anders als man denkt“, sagt Brigitte Watermeier, Fachbereichsleiterin Jugend und Familie beim Kreis Borken, und hat dabei nicht die negativen Aspekte der Jugendamtsarbeit im Blick. Im Gegenteil. Sie und ihre Kollegen sind fest davon überzeugt, dass sie „viel hilfreiche Arbeit“ leisten. Trotz vieler belastender Schicksale und Lebensumstände – oft mit Extremen und Gewalt – in die sie ihr Aufgabenpaket als „Allgemeiner Sozialer Dienst“ (ASD) zwangsläufig führt.

Hilfestellung in Not und Krisen

Schließlich ist es ja die Hilfestellung in schwierigen oder sogar krisenhaften Situationen, für die Jugendämter zuständig sind. Bis hin zur Trennung von Kindern und Eltern, wenn zu deren Schutz die Inobhutnahme von Kindern angeordnet wird.

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Dass das auch für die 16 Sozialarbeiter in Stadtlohn emotional durchaus belastend ist, bestätigt neben Brigitte Watermeier auch Josef Rolvering, Leiter der Stadtlohner Nebenstelle. Sie beide betonen, dass auf der anderen Seite die „erfolgreiche Arbeit“ stehe. Sozialarbeiterin Gisela Paus: „Es geht uns wie einem Arzt, der nicht das schlimme Leid seines Patienten vor allem sieht, sondern was man tun muss, dass es ihm besser geht.“

Im Extremfall entscheidet das Gericht

Außerdem spielen gerade extrem belastende Fälle in den wöchentlichen Teamsitzungen und regelmäßigen Supervisionen eine wichtige Rolle. Die Jugendamtsleiterin betont aber auch, dass es nur ganz selten zu solchen dramatischen Entscheidung wie der Wegnahme der Kinder komme: „Das sind ganz wenige Einzelfälle, dann wenn es kein mildes Mittel mehr gibt.“

Die Jugendamtsleiterin nennt Gründe für akuten Handlungsbedarf. Eine Nachbarin meldet, dass ein Kind ständig schreit. Die Mutter öffnet die Tür nicht und schließlich findet man sie mit Drogen zugedröhnt, Kind und Wohnung verwahrlost vor. Was dann passieren soll, entscheidet aber ein Gericht, nicht das Jugendamt, wie viele fälschlicherweise glaubten.

Weg von vielfältigen Klischees

Überhaupt will man sich auch gegen vielen anderen Klischees, die mit einem Jugendamt verknüpft sind, wehren. So stehe bei jedem Aspekt ihres Aufgabenpaketes die Kooperation mit den Eltern im Vordergrund. „Oft gibt es für Problemlagen ja gute Gründe, und es geht ja auch überhaupt nicht um Schuld“, sagt Gisela Paus, Sozialarbeiterin. Vielmehr wolle man Eltern wieder in die Lage versetzen, ihr Leben und das ihrer Kinder selbst in die Hand zu nehmen. Ein Begleitungsauftrag, der oft Monate, sogar Jahre dauern könne.

Wichtig ist Kollege Maximilian Reick, dass man mit größtmöglicher Offenheit den Eltern gegenüber tritt: „Wir sagen nicht, das und das müsst ihr ändern. Wir schauen gemeinsam, was sich ändern soll.“ Aber auch das macht ihnen ihre Arbeit inzwischen schwerer: „Wir haben mehr mit psychischen Krankheiten zu tun.“ Und: „Die Eltern sind heute viel unsicherer, oft rutschen sie aus ihrer Elternrolle raus und sind Kumpel ihrer Kinder, aber erziehen nicht mehr.“ Außerdem fehle es oft einfach an früher selbstverständlichen Erziehungs-Basics.

Umwelt ist sensibler geworden

Gleichzeitig sei aber auch das Umfeld sensibler geworden, gebe es früher Hinweise auf Auffälligkeiten bei den Kindern. Und dennoch gibt es solche schlimmen Vorfälle wie auf dem Campingplatz in Lügde? Die Kritik an Mitarbeitern der zuständigen Jugendämter möchte Brigitte Watermeier nicht näher kommentieren, sieht aber ein grundsätzliches Problem in mangelnder Kommunikation der beteiligten Behörden. Personalmangel aber, wie er im Missbrauchsfall von Lügde häufig als Grund für spätes Reagieren auftauchte, schließt Brigitte Watermeier für ihren Bereich jedenfalls aus. Aber: „Trotz größtmöglicher Sorgfalt lässt sich so etwas nie gänzlich verhindern.“

Daher sei man immer auf Meldungen, Beobachtungen von außen angewiesen. Wenn ein Kind ständig blaue Flecke hat, zum Beispiel. Gleichwohl komme es auch vor, dass Gewalt- oder Missbrauchsvorwürfe erhoben würden, nur, um die Gegenseite ins schlechte Licht zu rücken. Fakten von Fakes zu unterscheiden, gehört daher auch zum Auftrag des ASD.

Um die nach wie vor vorhandene Skepsis zu entkräften, ist der Soziale Dienst auch vor Ort im Einsatz. Bei offenen Sprechstunden in den sechs Orten und auch im Austausch mit Schulen und Kitas. Und das immer auf Augenhöhe mit den Betroffenen.

Sprachlich ist aus dem Jugendamt Kreis Borken inzwischen der Fachbereich Jugend und Familie geworden. Die Aufgaben sind aber im Kern geblieben. So stellt der Allgemeine Soziale Dienst des Fachbereichs die Hilfs- und Unterstützungsleistungen des Kreises auf der Basis des Kinder- und Jugendhilfegesetzes sicher. Die Nebenstelle Stadtlohn ist zuständig für Vreden, Legden, Schöppingen, Heek, Südlohn und Stadtlohn. Die Aufgaben sind:
  • Einzel- und Gruppenberatung;
  • sozialpädagogische Familienhilfe;
  • Hilfen zur Erziehung; soziale Gruppenarbeit;
  • Vollzeitpflege;
  • Erziehung in einer Tagesgruppe;
  • Trennungs- und Scheidungsbereatung;
  • Jugendgerichtshilfe;
  • Kinderschutz;
  • Betreuung von Pflegekindern und vieles mehr.
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