Ana Petrovic kam zum Geldverdienen und verliebte sich in Oeding

mlz50 Jahre in Oeding

50 Jahre ist es her, dass Ana Petrovic ganz allein mit dem Bus nach Oeding kam. Heute sieht sie sich als echte Oedingerin und hat den Schritt in die Fremde nie bereut.

Südlohn

, 31.08.2020, 18:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Als Ana Petrovic im April 1970 in Oeding aus dem Bus steigt, ist sie gerade einmal 16 Jahre alt und 1450 Kilometer von ihrem Heimatort Samac im damaligen Jugoslawien (heute Bosnien-Herzegowina) entfernt. Ganz allein. In ihrer Heimat hatte sie sich damals als Näherin von der Firma Gebrüder Schulten anwerben lassen. „Ich wollte Geld verdienen“, sagt die heute 67-jährige Oedingerin.

„Als Teenager hat man ja Träume“, ergänzt sie beim Rückblick. Und ihr Traum war eine funkelnagelneue Vespa. Dass sie einmal in Oeding Wurzeln schlagen würde, daran hätte sie in diesem Moment keinen Gedanken verloren.

Zehnmal soviel Geld wie in Jugoslawien

„Hier konnte man zehnmal so viel verdienen wie in Jugoslawien“, erinnert sie sich. Dort auf dem Balkan sei es für junge Menschen schwierig gewesen zu überleben. „Deswegen sind wir ja alle hergekommen“, sagt sie. Doch auch in Deutschland war Geld zunächst knapp: Ein paar Lohnzettel von damals hat sie aufgehoben. Gerade einmal rund 450 Mark verdiente sie im Monat.

„Und das auch erst nach der Einarbeitung“, erklärt sie lächelnd. 300 Mark gab es als Vorschuss, der Rest wurde je nach Schichten spitz abgerechnet. „Wie ich davon damals gelebt habe, weiß ich heute selbst nicht mehr“, fügt sie hinzu und muss herzhaft lachen.

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An die erste Zeit in der Fremde kann sie sich noch gut erinnern. „Ich hatte in Jugoslawien zwar ein Jahr Deutsch in der Schule gelernt, aber viel mehr als ‚Guten Morgen‘ und ‚Auf Wiedersehen‘ konnte ich nicht, als ich herkam“, sagt sie. Gemeinsam mit 400 oder 500 anderen jungen Menschen aus ganz Jugoslawien war sie zu den Gebrüdern Schulten gekommen. „Man brauchte uns damals“, sagt sie.

Mutter unterschrieb ihren Pass schweren Herzens

Weil sie noch minderjährig war, musste ihre Mutter sogar noch ihren Pass unterschreiben. „Nach einigem Hin und Her hat sie das schweren Herzens gemacht“, erzählt die Oedingerin. „Meine Idee war damals ja, dass ich hier ein paar Jahre Geld verdienen wollte, um dann in die Heimat zurückzukehren“, erinnert sie sich. Und so waren dann auch die ersten Monate in einer Sammelunterkunft ein notwendiges Übel. „Wir haben zu sechst in Stockbetten in einem Zimmer geschlafen“, erzählt sie. Doch die meiste Zeit habe sie ja ohnehin gearbeitet.

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Dort lernte sie auch ihren ersten Mann kennen. 1973 heirateten sie. Gemeinsam bekamen sie zwei Kinder. Doch das Glück blieb Ana Petrovic nicht hold. Ihr Mann verunglückte tödlich. „Mit 28 war ich plötzlich verwitwet und musste mich um meine beiden Kinder kümmern“, sagt sie und kämpft dabei mit den Tränen. Ein Wendepunkt in ihrem Leben. Gleich mehrfach.

Sprache als Schlüssel zur Integration

„Zu dieser Zeit wurde mir bewusst, dass ich die Sprache besser lernen musste“, sagt sie. „Ich war allein und habe immer wieder einen Dolmetscher gebraucht.“ Doch deren Übersetzungen vertraute die junge Mutter nicht. „Ich hatte immer das Gefühl, dass sie etwas anderes übersetzten, als ich gesagt habe“, erklärt sie. Weil sie in Oeding bleiben wollte, führte kein Weg an einem Sprachkurs vorbei. „Integration ist wichtig. Das muss man aber auch selbst in Angriff nehmen. Man darf nicht darauf warten, dass einen jemand abholt“, erklärt sie.

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Sie heiratete wieder, bekam noch zwei Kinder. Heute ist sie vielen Oedingern dankbar: „Ich wurde hier überall offen und freundlich aufgenommen“, sagt sie. Dennoch sei es gerade am Anfang nicht immer einfach gewesen. Ohne die Sprache hätte sie nie in der Gemeinde Fuß gefasst.

Doch mit den ersten Deutschkenntnissen kam auch die Verbindung in den Ort: Zu Verbänden, zur Kirchengemeinde, zur Nachbarschaft und dem Kegelclub. „Was man hier eben so macht“, sagt sie – wieder mit einem breiten Lächeln. Dazu zählt natürlich auch ehrenamtliches Engagement.

Sie hat Kranke im Krankenhaus besucht, Flüchtlingen in der Gemeinde geholfen. Gerade erst hat sie eine handvoll Masken für das Henricusstift genäht. „Ich habe selbst gemerkt, wie schwer es ist, wenn man alleine ist und einem nicht geholfen wird. Das wollte ich für andere Menschen verhindern“, sagt sie.

Rückkehr war bei Ausbruch des Kriegs kein Thema mehr

Bis in den 1990er-Jahren der Balkankrieg ausbrach, habe sie immer mal wieder mit dem Gedanken gespielt, noch einmal zurückzugehen. Dann kam der Krieg. Ein Haus in der alten Heimat wurde zerstört. Ana Petrovic holte auch ihre Mutter nach Deutschland. Bosnien ist nun „nur“ noch ihr Geburtsland. „Wir haben das Haus dort wieder aufgebaut“, sagt sie. Ihre Familie fahre regelmäßig dorthin in den Urlaub. Aber zurückkehren? Das käme für sie heute nicht mehr in Frage. „Ich fahre gerne dorthin und genieße die Natur“, sagt sie. Aber ihr Zuhause liegt an der Winterswyker Straße.

Ihr 50-jähriges Jubiläum in der Gemeinde wollte sie eigentlich groß feiern. Doch auch diesem Fest machte das Coronavirus einen Strich durch die Rechnung. Ob sie das nachholt, wenn es wieder möglich ist, mag sie im Moment noch nicht abschätzen.

„Ich bin Oedingerin!“

Ana Petrovic hat den Schritt nach Oeding nie bereut. „Hier bin ich zu Hause. Ich bin Oedingerin“, sagt sie. Nur ihren Traum von der nagelneuen Vespa, den hat sie sich nie erfüllt.

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