André Overkämping (34) besetzt eine Nische: Individuelle Fanschals „made in Südlohn“

mlzUnternehmensportrait

Vom maßangefertigten Strickpullover zum individuellen, hochwertigen Fanschal: Die Strickerei Overkämping hat sich als eines der letzten Textilunternehmen der Region ihre Nische gesucht.

Südlohn

, 30.09.2019, 12:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Zwei Generationen arbeiten in der Strickerei Overkämping – für unterschiedliche Generationen. Der Wandel in der ehemals im Westmünsterland starken Textilbranche setzt sich fort. Auch in dem Unternehmen an der Ramsdorfer Straße in Südlohn: Dort werden Strickpullover nach Maß gefertigt. Da die Nachfrage sinkt, setzt André Overkämping auf eine andere Strickware: Fanschals.

Die Fanschals aus der Strickerei Overkämping haben gleich mehrere Alleinstellungsmerkmale. Das wichtigste: Er hat keine Seitennaht. André Overkämping hat eigens eine Rundstrickmaschine entwickelt.

Der Textilingenieur tüftelte, am Ende stand die Maschine, die mit 208 Nadeln dreifarbige Schals stricken kann. Mit Magneten und Wippen werden die einzelnen Nadeln hochgedrückt, versucht er dem Laien die Strickmaschine zu erklären.

André Overkämping (34) besetzt eine Nische: Individuelle Fanschals „made in Südlohn“

Ein Blick auf die Nadeln der von André Overkämping entwickelten Rundstrickmaschine © Anne Winter-Weckenbrock

Die Stricknadeln sind im Kreis angeordnet und das Garn wird von einem anderthalb Meter entfernten Ständer abgespult. Das ist gut zu erkennen. Alles wird – natürlich – digital gesteuert, das Muster zuvor im Laptop eingegeben.

Am Ende entsteht ein Schal, der sich wirklich gut anfühlt. Das liegt am verwendeten Hochbauschgarn. „Ich benutze nur EU-Ware“, betont der 34-Jährige, und in die fein gestrickten Schals kommt ihm kein Acryl oder Polyacryl.

Den Schal per Konfigurator online zusammenstellen

Der Standardschal ist 1,50 Meter lang, es ginge aber auch länger. Er wiegt rund 200 bis 210 Gramm. Nur die Breite ist auf 16,5 Zentimeter festgelegt.

Wie die Schals aussehen, bestimmt der Kunde in der Regel selbst. Und das zuhause vor dem Rechner. Dem Schal-Konfigurator auf der Internetseite der Firma sei Dank. Wie groß das Vereinswappen werden und wohin es soll, ist genauso dort festzulegen wie die Schriftzüge und Farben. Eine Telefonnummer gleich daneben bietet aber auch menschliche Hilfe an.

Wer ordert denn Fanschals „made in Südlohn“? André Overkämping zählt auf: „Karnevalsvereine, Fanklubs, Sportvereine, Stammtische...“ Und das macht seine Nische aus: Er fertigt in kleineren Stückzahlen – und das schnell.

„Ich mache das, was sich im Ausland nicht lohnt“, bringt André Overkämping es auf den Punkt. Manche Karnevalsvereine legen jede Session aufs Neue Wert auf Schals, „manchmal stehen Events drauf, manchmal auch das Datum“, erzählt der Textilingenieur.

André Overkämping (34) besetzt eine Nische: Individuelle Fanschals „made in Südlohn“

Einige Nähmaschinen stehen in dem Gebäude der Strickerei Overkämping an der Ramsdorfer Straße. Mitte der 1980er-Jahre waren alle Nähmaschinenarbeitsplätze besetzt. © Anne Winter-Weckenbrock

Bei Fanschal liegt der Gedanke an Bundesligaklubs natürlich nahe. Wenn in Südlohn für die Bundesliga gefertigt wird, dann ist das nicht nach außen sichtbar, erklärt André Overkämping. Das Merchandising der Klubs würden diese sich selbst oder Agenturen vorbehalten. Aber für die Bundesligavereine zu produzieren, würde dem Südlohner natürlich gefallen.

Den Fuß in der Tür hat er schon bei einigen Agenturen, die Musikfestivals veranstalten. Gerade hat er einen 5000er-Stück-Auftrag. Aber auch auf diesen Schals, die manchen Musikfan vielleicht gut gefallen, weil sie sich gut anfühlen, wird dieser nicht lesen können, wer sie hergestellt hat. „Aber wenn die Agenturen zufrieden sind und sich das rumspricht, ist das auch gut“, meint André Overkämping.

André Overkämping (34) besetzt eine Nische: Individuelle Fanschals „made in Südlohn“

Hier strickt eine Maschine ein Muster, aus dem ein Maßpullover gefertigt wird. © Anne Winter-Weckenbrock

Er ist mit dem Betrieb aufgewachsen, den sein Großvater Heinrich Overkämping 1948 in Südlohn gegründet hat. „Die Tradition: 100% Made in Germany, hat sich bis heute nicht verändert“, heißt es zur Historie auf der Internetseite.

1951 erste motorbetriebene Strickmaschine

1951 wurde die erste motorbetriebene Strickmaschine angeschafft. Zuvor war alles per Hand gefertigt worden. Günter Overkämping, der Sohn des Firmengründers, absolvierte 1977 die Ausbildung zum Strickeinrichter.

Das Unternehmen läuft, die alte Bauernschule in Hundewick wird gekauft und die Strickerei dorthin verlegt. Die Näherei bleibt am Vitusring in Südlohn.

Mitte der 1980er-Jahre steigt Günter Overkämping mit ins Unternehmen ein, die H+G Overkämping GbR wird gegründet. In der Hundewicker Schule wird es zu eng, 1986 wird in Südlohn in der Ramsdorfer Straße neugebaut.

„Das waren gute Zeiten“, blickt Günter Overkämping zurück. Viele Kunden nutzten das in Deutschland einzigartige Angebot, in Südlohn vermessen zu werden und sich einen passenden Pullover stricken zu lassen.

André Overkämping (34) besetzt eine Nische: Individuelle Fanschals „made in Südlohn“

Auf der Strickmaschine, auf dem die Pullover gestrickt werden, sind die Garne postiert. © Anne Winter-Weckenbrock

„Unsere Kunden kamen und kommen aus einem Umkreis von 100 Kilometern“, erzählt der Seniorchef. Wer eine Übergröße hat oder zu kurze oder zu lange Arme für die Pullover „von der Stange“, nutzt das Angebot der Overkämpings gern. Denn auch Farbe und Muster kann ja selbst gewählt werden. Aber die Kundschaft wird älter, die Jüngeren orientieren sich anders.

Die Overkämpings versuchten es mit einem Online-Shop. Aber Maßanfertigung und Onlinebestellung, bei der der Kunde selbst messen muss: „Das machte keinen Sinn“, mussten Günter und André Overkämping schnell feststellen.

Auch die Serienfertigung stellte Günter Overkämping vor zehn Jahren ein. Er war skeptisch, ob sein Textilunternehmen noch Zukunft habe. „Früher gab es weit über 1000 Strickereien in Deutschland, jetzt keine 100 mehr“, schätzt er. Die Fertigung sei vielfach ins Ausland verlagert worden.

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Martha Gladen, geborene Overkämping, beim Aufbügeln eines bei Overkämping gestrickten und genähten Maßpullovers. © Anne Winter-Weckenbrock

Sein Sohn war und ist optimistischer: Er studierte an der Fachhochschule Niederrhein in Mönchengladbach Textil- und Bekleidungstechnik, schloss als Diplom-Ingenieur ab. 2012 stieg er ins Unternehmen ein.

Er kümmert sich um die Fanschals, seine Eltern Brigitte und Günter Overkämping sowie Günter Overkämpings Schwester Martha Gladen sind für die Pullover zuständig. Auch sie haben einen Technikwandel miterlebt, den Wechsel von den motorbetriebenen auf die elektronischen Maschinen.

Papp- und Stahlkarten fürs Muster hatten ausgedient. „Der Aufwand war immens“, weiß Günter Overkämping noch. Er zeigt einen Kassettenrekorder aus den 1980er-Jahren: „Auf den Kassetten waren die Muster drauf. Damit war man viel flexibler.“

Auch heute werden auf modernen Maschinen Pullover gestrickt, nach Maß zusammengenäht und aufgebügelt. Sieben Mitarbeiter hat das Familienunternehmen. André Overkämping ist beim Blick in die Zukunft optimistisch. „Die Welt ist rund. Alles kommt wieder“, sagt er und schmunzelt.

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