Andreas Dawo von der Schuldnerberatungsstelle der Caritas hatte vor einem Jahr einen starken Anstieg der Anträge auf Privatinsolvenz prognostiziert. Die aktuellen Zahlen bestätigen ihn. © Bastian Becker
Privatinsolvenzen

Folgen der Coronakrise? „Immer mehr Menschen kommen finanziell nicht klar“

Die Zahl der Privatinsolvenzen steigt im Vergleich zum Vorjahr stark an. Bei der Schuldnerberatung der Caritas ist die Warteliste für Beratungen lang. Wie sieht der Bedarf in Südlohn aus?

Die Prognosen bestätigen sich: Die Zahl der Privatinsolvenzen steigt im Vergleich zum Vorjahr deutlich. Eine Erklärung ist sicher eine Gesetzesänderung zum 1. Oktober des vergangenen Jahres. Andreas Dawo von der Schuldnerberatungsstelle der Caritas für das Dekanat Ahaus-Vreden erkennt darin auch die Folgen der Coronakrise.

Aber: „Das Gros der Beratungen erfolgt coronaunabhängig“, erklärt er. Rein prozentual liege die Größenordnung der Anträge in Südlohn im Durchschnitt. Im dortigen Jobcenter ist ein spürbarer Anstieg der Beratungen allerdings nicht zu spüren.

Die Zahlen sind markant: Im Juni 2021 wurden bei den Amtsgerichten in Nordrhein-Westfalen 2650 Anträge auf Eröffnung von Insolvenzverfahren gestellt. Wie Information und Technik Nordrhein-Westfalen als Statistisches Landesamt anhand vorläufiger Ergebnisse mitteilt, waren das 37,5 Prozent mehr als im Juni 2020.

Noch auffälliger: Die Zahl der Insolvenzverfahren von Verbrauchern – dazu zählen Arbeitnehmer, Rentner oder Erwerbslose – stieg gegenüber Juni 2020 gar um 49,5 Prozent auf 1840 Anträge. „Bei uns lag die Steigerung zum Vorjahr am 30. Juni sogar nahezu bei 100 Prozent“, betont Andreas Dawo. In jüngerer Vergangenheit hätten sich immer neue Rekordzahlen bei den Beratungsfällen ergeben.

Gesetzesänderung zur Restschuldbefreiung wirkt

Eine mögliche Ursache für den Anstieg könnte – wie gesagt – das Ende 2020 beschlossene Gesetz zur weiteren Verkürzung der Restschuldbefreiung sein. Infolgedessen könnten insbesondere überschuldete Privatpersonen vor allem im zweiten Halbjahr 2020 ihre Insolvenzanträge zurückgestellt und diese dann nach dem Jahreswechsel gestellt haben.

Ein Indiz hierfür ist die Zahl der Verbraucherinsolvenzen des ersten Halbjahres 2021, die in NRW im Schnitt deutlich über dem Durchschnitt der ersten sechs Monate des Jahres 2020 lagen. Diese Entwicklung hatte Andreas Dawo vor exakt einem Jahr auch prognostiziert.

Im Jobcenter der Gemeinde Südlohn kann man hingegen einen spürbaren Anstieg der Beratungen nicht nachvollziehen. Das hat Matthias Lüke, Leiter des Fachbereichs Ordnung und Soziales, auf Rückfrage in der Abteilung festgestellt. Die Zahlen pendelten sich ein. Er schränkt dabei ein, dass „man natürlich auch nicht immer die Gründe der Zwangslage hinterfragt“.

Viele Zwangslagen sind unverschuldet

Andreas Dawo weist darauf hin, dass die Probleme bei vielen Menschen vielfältig sind, der Beratungsbedarf steige allgemein weiter. „Natürlich haben wir auch coronabedingte Fälle. Aber in der überwiegenden Anzahl der Fälle sind es Klienten, die zum Beispiel vom Arbeitgeber, von Rechtanwälten oder auch Banken geschickt werden“, so Dawo.

Begründet seien die finanziellen Zwangslagen weiter meist in Schicksalsschlägen wie Krankheit, Todesfall oder auch Trennung. „Diese Krisen sind dann meist unverschuldet“, erklärt Dawo. Natürlich gebe es auch selbst verschuldete Fälle, wenn man zum Beispiel gutgläubig etwas „blind unterschrieben“ hat.

Die Situation im Kreis Borken ist keine besondere: „Unsere Beratungsstellen berichten von deutlich mehr Klienten“, sagt Ute Cappenberg im Caritas-Diözesancaritasverband Münster. Schon bislang gab es mehr oder weniger lange Wartelisten.

Diese arbeitet auch Andreas Dawo mit seinem Team ab: „Wir sind für die Menschen da und wollen schnell helfen. Personell ist die Situation aber weiter dünn“, wünscht er sich eine bessere Förderung der Schuldnerberatung. Denn: „Immer mehr Menschen kommen finanziell nicht klar und wollen auch professionelle Hilfe in Anspruch nehmen.“

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