Hubert Thies: Im Trabbi-Stau vor dem Schlagabaum

Mauerfall

SÜDLOHN 20 Jahre ist es her, als die Mauer fiel und die Grenzen sich öffneten. Für Hubert Thies aus Südlohn, Leiter eines Büromaschinenhandel, der damals Kopiergeräte in die DDR lieferte, sind die Erinnerungen daran frisch geblieben. Er schildert seine Eindrücke von den Geschehnissen, die die Welt bewegten.

06.11.2009, 07:04 Uhr / Lesedauer: 3 min

Gegen 14 Uhr fuhr ich von Hamburg in Richtung Berlin und bekam ein dreimonatiges Visum bei der Einreise in die DDR. Das einzige Problem war, dass ich noch ein Telefax und ein kleines Kopiergerät, das ich später in Vechta ausliefern wollte, im Auto hatte. Ich hatte also Gerätschaften dabei, für die ich keine Papiere besaß. Deswegen sollte ich bis um 24 Uhr ins Zollamt nach Berlin-Marzan fahren und die Sachen abstempeln lassen. Auf dem Weg nach Berlin hörte ich Musikkassetten und so entging mir die politische Entscheidung, die zu der Zeit getroffen wurde. Mein Autotelefon durfte ich auch nicht benutzen, da der Betrieb in der DDR strengstens verboten war, außerdem hatte man auf dem Weg nach Berlin ohnehin keinen Empfang.

Als ich gegen 18.30 Uhr an die Schranke des Braunkohlekraftwerkes in Berlin Rummelsburg heranfuhr, machte mir ein älterer Herr die Schranken auf und hatte dabei Tränen in den Augen. Wir hatten uns schon einige Male gesehen, und so fragte ich ihn, was los sei. Er antwortete glücklich, dass er morgen ausreisen und seine Verwandtschaft besuchen könnte. Ich war ganz perplex, schaltete mein Autoradio ein und lauschte der Dinge, die da passierten. Gegen 21 Uhr auf dem Weg nach Berlin-Marzan, wo ich noch die Dokumente für meine Waren abstempeln lassen musste, wurden die Beträge im Radio immer konkreter. Es hieß, dass ab morgen, dem 10. November 1989, die Bürger der DDR einen Ausreiseantrag stellen dürften. Nachdem meine Papiere abgestempelt waren, war es circa 22 Uhr und ich wollte zum Alexanderplatz fahren, um mir ein Zimmer zu suchen.

Die Nachrichten über einen Mauerfall hörten gar nicht auf und es hieß, dass auf der Westseite der Mauer schon Leute stehen, die es gar nicht abwarten konnten. Bei der Vorstellung, ein Grenzer würde seinen Anweisung Folge leisten, wurde mich ganz flau in der Magengegend, und ich beschloss, lieber direkt nach Helmstedt zu fahren, um ganz schnell wieder heraus zu kommen.“ Nur einmal um den Schlagbaum fahren

„Es war etwa 0 Uhr. Während ich an der Grenze Marienborn wartete, kamen mehrere Trabbis angefahren. Einer war besetzt mit vier jungen Leuten. Der Fahrer kurbelte sein Fenster herunter, so dass wir uns unterhalten konnten. Ich fragte ihn, was sie vorhatten. Und der Fahrer antwortete, dass sie nur einmal um den Schlagbaum fahren wollen. Der junge Mann, der hinter dem Fahrer saß, schrie laut: „35 Jahre habt ihr uns eingesperrt lasst uns endlich raus.“ Daraufhin drehte der Fahrer schnell seine Scheibe wieder rauf, denn ein Grenzer kam auf uns zu. Ich stieg aus, es war bereits nach 0 Uhr, drehte mein Autoradio lauter und sagte den Grenzern, dass sie in Berlin schon über die Mauer gehen und sie uns deshalb raus lassen sollten.

Daraufhin kamen zwei Grenzer mit ihren Maschinenpistolen im Anschlag und forderten mich auf meine „westliche Propagandistenmaschine“ auszumachen. Damit meinten sie mein Radio. Angesichts der Maschinenpistolen schlotterten mir die Knie, sofort machte ich das Radio aus. Im Auto sitzend, forderte ich etwas später den Grenzer auf, mich wenigstens herauszulassen. Der Trabbi-Fahrer stieg daraufhin aus und sagte, dass sie mit mir zusammen rausfahren würden.“

„Keiner wusste mehr, was los war. Auch die Grenzbeamten waren vollkommen irritiert. Es dauerte noch mehrere Minuten, mittlerweile war es ca. 0.40 Uhr, da kam der Grenzer und meinte, dass wir die Zählkarten ausfüllen sollten. Damit konnten die aus der DDR gar nichts anfangen, also stieg ich aus und sagte ihnen, dass sie, wenn sie die Karten ausgefüllt hätten, raus könnten. Ein Jubel mit Hupkonzert ging durch die Menge, die aus 50 bis 60 Wagen bestand. Daraufhin ließen sie mich durch, ich fuhr langsam durch die Grenzanlage. Schon im Niemandsland (zwischen Ost und West) standen westliche Reporter und Menschen mit Begrüßungsgetränken, die mich anhielten und fragten, ob es stimmen würde, dass es eine Schlange von 50 Kilometern gäbe, die hinaus wollen würden. Ich antwortete ihnen, dass es nur ca. 50 bis 60 Wagen seien. An der westlichen Zollstelle angekommen, fragten sie mich, was los sei. Ich erzählte das mit den Zählkarten und fuhr weiter. Völlig übermüdet, da ich fast 24 Stunden wach war, fuhr ich zu meinem Onkel nach Braunschweig, den ich aus dem Bett klingelte mit den Worten: „Die Welt ändert sich gerade und du schläfst. Ich war mittendrin statt nur dabei.“  

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