Pandemie führte vor 100 Jahren zu dramatischen Szenen an der Grenze in Oeding

mlzSpanische Grippe

Geschichte wiederholt sich manchmal in Varianten. Schon vor hundert Jahren überrollte eine Pandemie die Welt. Die Spanische Grippe hinterließ auch in der Grenzgemeinde ihre Spuren.

Südlohn

, 20.03.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Siegfried Osterholt, der Vorsitzende des Heimatvereins der Grenzgemeinde, hat ein bedrückendes Beispiel dafür gefunden, dass Pandemien keine neue Erscheinung sind: Ziemlich genau vor 100 Jahren, in der Zeit von 1919 bis 1921, ist die Welt von der „Spanischen Grippe“ überrollt worden – in drei nacheinander folgenden Wellen. Die Historiker berichten, dass damals ein Drittel der Weltbevölkerung erkrankte und es zwischen 50 und 100 Millionen Tote gegeben haben soll.

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Bis in die kleine Grenzgemeinde hat das damals Auswirkungen gehabt. Siegfried Osterholt hat als Belege alte Fotos und Berichte gefunden. Die niederländische Regierung schloss in jenen Jahren wegen der Spanischen Grippe die Grenze zu den deutschen Nachbarn. Und das hatte für die not- und hungerleidende deutsche Bevölkerung unmittelbar nach dem Ersten Weltkrieg dramatische Folgen. Ging es den Menschen im ländlich geprägten westlichen Münsterland selbst noch einigermaßen gut, wurden die kleinen Dörfer mit ihren Grenzübergängen von den Menschen aus dem Ruhrgebiet nahezu überrollt.

Dramatische Szenen an der Grenze

Am Grenzübergang an der heutigen Winterswijker Straße wie auch in Hemden und in Gaxel müssen sich in den Jahren um 1920 dramatische Szenen abgespielt haben: Die Menschen waren mit dem Zug aus dem Ruhrgebiet bis nach Burlo gefahren. Weiter durften sie nicht. Von dort fuhren nur noch die Kohlezüge bis nach Winterswijk.

Siegfried Osterholt hat im Archiv Aufzeichnungen zur Spanischen Grippe gefunden, die vor hundert Jahren weltweit Millionen Opfer forderte.

Siegfried Osterholt hat im Archiv Aufzeichnungen zur Spanischen Grippe gefunden, die vor hundert Jahren weltweit Millionen Opfer forderte. © Georg Beining

Am Burloer Bahnhof bauten viele ihre Bollerwagen zusammen und machten sich zu Fuß auf den Weg nach Oeding, um an der Grenze Lebensmittel zu erwerben. Die Niederländer waren darauf eingerichtet. Das Land war im Ersten Weltkrieg neutral geblieben, daher ging es den Einwohnern etwas besser als ihren östlichen Nachbarn.

Hunderte Menschen in langen Schlangen warteten tagtäglich an der mit Baumstämmen verrammelten Grenze, um auch mal wieder Kaffee, Tee, Schokolade und sogar Zigaretten erstehen zu können.

Tonwerke gingen pleite

Nicht nur humanitäre Auswirkungen hatte diese weltumspannende Seuche bis in die Grenzgemeinde hinein: Deren erster Industriebetrieb, die „Niederländisch-Westfälischen Tonwerke“, ging infolge der Spanischen Grippe Pleite, Die Ziegelei hatte ihren Rohstoff aus den Tongruben im benachbarten Kotten auf niederländischer Seite bezogen. Von dem war sie durch die Grenzschließung abgeschnitten. Die Fabrik wurde schließlich Ende 1919 durch Sprengung dem Erdboden gleichgemacht.

Siegfried Osterholt ist durch Zufall ein Buch in die Hände gefallen, das die damaligen Verhältnisse eindrücklich schildert: „1918 Die Welt im Fieber – Wie die Spanische Grippe die Gesellschaft veränderte“ von Laura Spinney.

„Das sollte man lesen. Dann wird klar, warum viele Leute heute so in der Krise reagieren“, urteilt der Heimatfreund.

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