Peter Hecker erlebte Montagsdemo in Leipzig mit

25 Jahre Mauerfall

Wenige Tage vor dem Fall der Berliner Mauer hat der Oedinger Peter Hecker in Leipzig miterlebt, wie die Deutsche Demokratische Republik zugrunde ging. Am 30. Oktober 1989 ist er bei der bis dahin größten Montagsdemonstration gewesen. Im Interview mit Vanessa Dumke spricht er über seine Erfahrungen und darüber, wie er die Ereignisse heute wahrnimmt.

OEDING

, 08.11.2014, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min
Peter Hecker hat eine der größten Montagsdemonstrationen in Leipzig miterlebt. Zehn Tage später fiel die Mauer. In einem Artikel hat er kurz danach seine Erfahrungen geschildert.

Peter Hecker hat eine der größten Montagsdemonstrationen in Leipzig miterlebt. Zehn Tage später fiel die Mauer. In einem Artikel hat er kurz danach seine Erfahrungen geschildert.

Wenn ich heute darüber nachdenke, frage ich mich, ob ich leichtsinnig war. Es hätte keinen gewundert, wenn die die Demo niedergeschlagen hätten. Was meinen Sie, wie meine Frau geschimpft hat? Ich hatte ja auch den Jungen dabei. Aber Eberhard kannte sich aus und wir waren an Plätzen, wo man nicht rausgefischt wurde.

Die Volkspolizei hat Demonstranten verhaftet. Das hat keine Minute gedauert, dann waren die weg. Haben Sie das gesehen? Ja. Wir standen auf der Brücke am Hauptbahnhof. Ich habe ohne Blitz fotografiert und dann kamen zwei, die haben mit Blitz fotografiert. Die haben sie rausgezogen. Die Sicherheitsleute standen überall mit Kameras und haben geguckt, was passiert.

Angespannt. Die Leute haben ja überall Militär gesehen, das nur auf einen Befehl gewartet hat. Das war eine Bedrohung.

Ein Stück Wut war sicherlich auch dabei. Wir kennen sowas nicht. Wir können hier für jeden Mist demonstrieren und es passiert nichts. Passiert ist bei der Demonstration glücklicherweise auch nichts.

Das war unter anderem der Verdienst von Pfarrer Christian Friedrich Ernst Führer aus der Nikolaikirche. Er hat zum gewaltfreien Demonstrieren aufgerufen und alle haben sich dessen angenommen. Es gab keinen Schuss, keiner ist verprügelt worden. Eigentlich verwunderlich, dass das so friedlich verlief. Ja, das war kurz vor knapp. Die Brigaden in den Straßen waren bereit, gegen ihr eigenes Volk zu kämpfen. Aber weil es so nicht kam, wollte sich danach niemand mehr ausmalen, was passiert wäre, wenn der Aufstand niedergeschlagen worden wäre. Sie klingen, als hätten Sie ein Szenario im Kopf. Das hätte keiner mehr unter Kontrolle gehabt. Das wäre ein Blutbad geworden. Mit Sicherheit. Wenn die Militärs und Sicherheitsleute in die Massen gegangen wären, wären auch die friedvollen Demonstranten ausgerastet.

Die wollten, dass Schluss ist und dass die Mauer fällt. Die schrien zwar immer „Wir sind das Volk!“, aber sie wollten neu anfangen. Die wussten ja auch, dass die Botschaften in Tschechien und Ungarn geöffnet waren. Aber viele waren der Meinung: Warum abhauen, wenn wir das auch hier durchziehen können?

Jeder wusste, dass es mit der DDR zu Ende geht. Aber die haben gedacht, dass ein eigener deutscher Staat weitergeführt wird. Mit der Wiedervereinigung sind sie überrannt worden.

Ich habe nie daran geglaubt, dass es eine Wiedervereinigung geben wird, so wie wir sie heute haben. Meine Generation hat sich mit der Teilung abgefunden. Ich kann auch nicht verstehen dass die Politiker heute sagen, sie hätten immer daran geglaubt. Das haben die nicht. Die Wiedervereinigung kam also entgegen aller Vermutungen.

Es ist ein Glück, dass das Land wieder zusammengewachsen ist. Den Ausruf „Baut die Mauer wieder auf!“ halte ich für Schwachsinn. Sind Sie nach dem Mauerfall noch mal in die ehemalige DDR gefahren? Ja, schon kurz danach, weil ich es einfach so geil fand, ohne Kontrolle über die Autobahn da rein fahren zu können. Und jetzt mache ich dort gern Urlaub, da liegen die schönsten Regionen Deutschlands.

Das hat für mich zu starken Volksfestcharakter. Die Ernsthaftigkeit und die Andacht gehen dabei verloren. Wir haben Riesenglück, dass wir so frei leben dürfen. Nicht jedes Land hat das. Herr Gauck ist einer der wenigen Politiker, der das so vermittelt.

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