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Sleep In und Backyard

Wenn nichts anderes mehr bleibt

Wenn Jugendliche nicht wissen wohin, stehen ihnen die Türen im Sleep In und im Backyard offen. Dafür erhält der Trägerverein VSE den Sonderpreis Dortmunder Engagement 2020.
Im Backyard können Jugendliche ihr Handy aufladen, etwas essen oder kickern. © Jan Schmitz

Es geht nicht weiter nach unten. Jugendliche, die an der Tür der Notübernachtungsstelle „Sleep In“ klingeln, haben meistens alle anderen Möglichkeiten bereits hinter sich gelassen. Oft fing ihr Weg in einem Elternhaus an, in dem sie Gewalt ausgesetzt waren – oder sich mit dem neuen Partner eines Elternteils nicht vertragen haben. Es folgte ein Weg durch betreute Wohngruppen, Pflegefamilien oder das Wohnen bei nahezu Fremden. „Vor allem Mädchen finden oft noch irgendeinen Platz zum Schlafen“, sagt Jenny Möllers. Bei einem älteren Mann zu wohnen, sei dann aber kein wünschenswerter Weg. Möllers ist eine der hauptamtlichen Mitarbeiterinnen in der Notunterkunft und genau wie ihre Kollegen froh, dass das „Sleep In“ dieses Jahr durchgängig geöffnet haben konnte.

„Es war auf jeden Fall eine große Herausforderung“, erinnert sie sich an die Anfangszeit. Mittlerweile herrscht im „Sleep In“ fast überall Maskenpflicht, nur fünf Jugendliche dürfen gleichzeitig im Aufenthaltsraum sein. Aber das „Sleep In“ hat den Vorteil, dass die Jugendlichen kommen und gehen könnten, wie sie wollten. Unter anderem Ausgangsbeschränkungen in Wohngruppen hätten einige Neuankömmlinge dieses Jahr als Grund angegeben, lieber im „Sleep In“ zu schlafen. „Sie haben die Einengung einfach nicht ausgehalten“, sagt Möllers.

Der Enge der Wohngruppe entfliehen

Pro Jahr ist das Haus am Körner Hellweg Anlaufstelle für etwa 100 bis 200 Jugendliche zwischen 14 und 18 Jahren. Wer zwischen 18 und 21 Jahren alt ist, darf hier nur schlafen, wenn ein Platz frei ist. Oft sei in dem Alter die Hemmschwelle noch sehr groß, in eine Unterkunft für Erwachsene zu wechseln. „Dort sind die Regeln anders und die Leute viel älter“, sagt Möllers. Im „Sleep In“ gibt es eine Etage mit zwei Zweibettzimmern für Mädchen und eine mit drei Zweibettzimmern für Jungen. Während nachts eine Nachtwache Ansprechpartner ist, kümmern sich morgens hauptamtliche Mitarbeiter wie Möllers um die Jugendlichen.

Jeweils in Zweierzimmern sind Jugendliche im Sleep In untergebracht. © Jan Schmitz © Jan Schmitz

„Morgens checke ich als erstes auf unserer Tafel, welche Jugendlichen da sind“, sagt sie. Oft seien es bekannte Namen, die Wochen und Monate auf dieser Tafel stehen, regelmäßig aber auch Neuanmeldungen, die sie dann morgens erfasst. Beim Wecken und Frühstückmachen versucht sie, mit den Jugendlichen ins Gespräch zu kommen, etwa zu klären, wie ihr Plan ist. „Ich versuche dann auch herauszufinden, ob heute für sie vielleicht ein guter Tag ist, nochmal mit dem Jugendamt in Kontakt zu treten“, sagt sie. Denn sehr oft tauchen Jugendliche hier auf, weil sie schlechte Erfahrungen mit dem System gemacht haben. „Uns ist es sehr wichtig, dass die Jugendlichen freiwillig zu uns kommen, sie können auch einfach wieder gehen“, sagt Möllers. Auch wenn man dabei manchmal aushalten müsse, dass die Jugendlichen sich für ein Leben auf der Straße entscheiden.

Jugendliche bleiben auch mehrere Monate

In diesem Jahr sei es teilweise besonders schwierig gewesen, weil Krankheitsausfälle und Quarantäne bei Jugendämtern alle Prozesse verlangsamt hätten. Möllers, die seit 2016 im „Sleep In“ arbeitet, kann eine Dynamik beobachten. Oft ist in der Unterkunft die gleiche Kerngruppe von Jugendlichen. Mal kommt einer dazu, manchmal verschwindet einer. Nach einiger Zeit ist dann plötzlich die ganze Gruppe weg und neue Leute kommen. Es passiert dabei auch, dass Jugendliche nach zwei Jahren wieder auftauchen. „Aber eigentlich wissen wir nie, wer kommt“, sagt Möllers. Im Kern ist die 2000 eröffnete Unterkunft für Dortmunder Jugendliche gedacht. Es kommen aber immer wieder welche aus umliegenden Städten. Auch sie werden nicht abgewiesen, wenn ein Platz frei ist.

Wichtig ist nur, dass sie um zehn Uhr morgens das „Sleep In“ verlassen. Zurückkommen dürfen sie erst ab 19 Uhr. Die Zeit dazwischen müssen sie selbst überbrücken, denn die wenigsten von ihnen besuchen eine Schule. Im Sommer sei das ein geringeres Problem. Anders ist es im Winter: In der Thier-Galerie fordert die Security sie auf, zu gehen – am Bahnhof die Bundespolizei. „Ab und an müssen sie mal auf die Toilette, das Handy aufladen oder sich einfach aufwärmen“, sagt Möllers.

Das Backyard hat an drei Tagen pro Woche geöffnet. © Jan Schmitz © Jan Schmitz

Um ihnen diese einfachen Dinge zu ermöglichen, haben die Mitarbeiter des „Sleep In“ eine zweite Anlaufstelle gegründet. Das Backyard ist – abgesehen vom Lockdown im Frühjahr – an drei Tagen pro Woche drei Stunden lang offen. „Die Idee hatten wir schon vor längerer Zeit“, erinnert sich Jenny Möllers. Als eine andere Einrichtung des basisdemokratischen Trägervereins VSE einen Standort 2019 schloss, nutzten die Mitarbeiter die Chance und betrieben das Backyard zunächst ehrenamtlich. Mittlerweile sind auch hier feste Mitarbeiter tätig. Es gibt allerdings einen großen Unterschied zum „Sleep In“. Das Backyard finanziert sich größtenteils durch Spenden, während im „Sleep In“ viele Kosten durch die Stadt gedeckt werden. „Im ,Sleep In‘ müssen wir die Feinheiten mit Spendengeldern bezahlen, im Backyard geht es um die bloße Existenz“, erklärt Jenny Möllers.

Im Backyard auf die Toilette gehen

Der mit dem Sonderpreis Dortmunder Engagement 2020 verbundene Betrag wird in beiden Einrichtungen vor allem zu Weihnachten zum Einsatz kommen. „Für niemanden ist es schön, in einer Notunterkunft Weihnachten zu verbringen“, sagt Jenny Möllers. Dennoch versuchen die Mitarbeiter es, den Jugendlichen so schön wie möglich zu machen. Deko, ein Baum und sogar Geschenke. Spenden werden aber das ganze Jahr über gebraucht. Sie werden zum Beispiel eingesetzt, um Jugendlichen, ein ÖPNV-Ticket zu kaufen, wenn sie einen Termin beim Jugendamt haben. „Sie selbst erhalten ja keinerlei Gelder“, erklärt Möllers.

Im Backyard gab es vor Corona durch Spenden finanzierte Freizeitangebote, wie gemeinsame Kinobesuche. Das könnten sie diese Jugendlichen selbst gar nicht leisten. Die Einrichtung hat aber auch einen anderen Vorteil: Hier tauchen Besucher auf, die noch nie im „Sleep In“ waren. Dann nutzen die Mitarbeiter die Chance, ins Gespräch zu kommen. Allerdings immer mit Vorsicht. „Wir wollen vor allem, dass sie sich bei uns wohlfühlen und wissen, dass sie immer zu uns kommen können“, sagt Jenny Möllers.

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