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Terroranschlag in den USA

11. September 2001: Terror, Angst, Nachrichtengeschäft – Erinnerungen eines Chefredakteurs

Wie die gesamte Welt stand auch unsere Nachrichtenredaktion am 11. 9. 2001 unter Schock. Der Tag begleitet die Kollegen emotional noch viele Jahre. Der damalige Chefredakteur erinnert sich.

8.46 Uhr Ortszeit in New York. Es ist der 11. September 2001. Es ist der Tag, der die Welt für immer verändert. Während eine Boeing 767, Flug American Airlines 11, in den Nordturm des World Trade Centers rast, fahre ich mit meinem Wagen auf der A2 in Richtung Gladbeck, um eine Geschichte zu recherchieren … und George W. Bush möchte in einem Klassenraum in Florida Schüler fürs Lesen zu begeistern. Der Präsident der Vereinigten Staaten von Amerika wird informiert von seinem engsten Berater und will wohl nicht wahrhaben, dass gerade unser aller Leben aus den Fugen gerät. In aller Ruhe plaudert er mit einer Schülerin über seinen Hund Barney.

30 Minuten nach der Eilmeldung im Radio bin ich zurück im Pressehaus. Längst jagen Nachrichtenagenturen die ersten Horrornachrichten um die Welt, Live-Bilder schocken Milliarden Fernsehzuschauer.

Ein ahnungsloser Fotograf, der vom Lokaltermin kommt, wundert sich, dass die Kollegen in den Redaktionen auf die Bildschirme starren. Was für ein schlechter Science-Fiction-Film, witzelt er, als immer und immer wieder das Flugzeug von United Airlines in den Südturm kracht, als sich Menschen kopfüber aus 411 Metern Höhe in die Tiefe stürzen, als Explosionen die beiden Wahrzeichen der amerikanischen Wirtschaftsmacht erschüttern und die Türme zusammenbrechen.

Eine Montage des russischen NTV-Senders. Auf der ganzen Welt waren solche Bilder immer und immer wieder im Fernsehen zu sehen. © picture-alliance / dpa/dpaweb © picture-alliance / dpa/dpaweb

Erste Redaktionskonferenz, nur im kleinen Kreis, eine schnelle Entscheidung: Wir produzieren eine Sonderausgabe. Auf der Titelseite mit einer Überschrift über alle sieben Spalten und in fetten Buchstaben, darüber ein riesiges Foto: Der Nordturm steht schon in Flammen, die zweite Maschine steuert auf den zweiten Turm zu. Auch die Bilder auf den anderen drei Seiten schocken. Sie zeigen Manhattan ohne die Zwillingstürme; die Freiheitsstaue, die im Rauch versinkt; entsetzte Menschen, die vom Boot aus auf die Skyline schauen, sie wird niemals wieder so stolz leuchten wie zuvor; einen Mann mit Anzug und Krawatte, das Gesicht voller Staub, wohl ein Banker, der vor dem Terror, vor der giftigen schwarzen Wolke wegläuft.

Ein Feuerwehrmann begleitet einen Mann im Anzug weg vom Ort des nach dem Terroranschlags auf das World Trade Center. © picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire Service © picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire Service

Bei Redaktionsschluss noch keine Infos zur vierten Maschine

Wir veröffentlichen Texte über die Boeing 575 der American Airlines, die am Pentagon in Washington zerschellt. Aber wir wissen beim eiligen Redaktionsschluss der Extraausgabe noch nicht, was für eine Tragödie sich an Bord der vierten entführten Maschine, ebenfalls einer 757 der United Airlines, abspielt. Passagiere leisten Widerstand, versuchen vergeblich ins Cockpit zu gelangen, um die Attentäter zu überwältigen, die vermutlich Kurs auf das Weiße Haus nehmen wollen. So aber stürzt die 757 auf einem freien Feld bei Pittsburgh ab. Alle 44 Insassen sterben, einige rufen in den letzten Sekunden ihres Lebens Angehörige an.

Redaktion, Vertrieb und Druckerei arbeiten Hand in Hand, und der Verleger gehört zu den Freiwilligen, die schon 45 Minuten nach der Blitzkonferenz Exemplare in die Zustellertasche packen und in der Innenstadt kostenlos verteilen.

Schnell ist uns Redakteuren klar: Der Terror, der New York, der Amerika schockt, lässt auf der ersten Seite in der morgigen Ausgabe keinen Platz für irgendwelche andere Nachrichten, schon gar nicht für Lottozahlen und Wetter, Börse und Fußball-Ergebnisse.

In den Redaktionen beginnt das Blattmachen gegen die Zeit, gegen die eigenen Gefühle. Wir müssen unsere Emotionen, unser Entsetzen verdrängen, um uns auf unsere Arbeit zu konzentrieren. Wir müssen Berge von Fotos, Grafiken, Texten sichten, bewerten, auswählen.

Sechs Sonderseiten zu den Anschlägen

Erst planen wir vier, später fünf, dann sogar sechs Sonderseiten, geordnet nach Themenfeldern.

Wir berichten über den Terror in New York und Washington, über den heldenhaften Kampf der Passagiere über den Wolken, analysieren die möglichen Motive der brutalen Drahtzieher. Wir fassen die Reaktionen der Politiker zusammen und zitieren Kanzler Gerhard Schröder („Es ist ein schwarzer Tag in der Geschichte für uns alle.“) und SPD-Fraktionschef Peter Struck: „Heute sind wir alle Amerikaner.“

Abgeschirmt von der Hektik, von immer neuen unfassbaren Nachrichten, sitzt Kollege Gerd Vogelsang allein in einem Raum. Er kommentiert den „Angriff auf die freie Welt“, und sein erster Satz in den Momenten der Fassungslosigkeit wird in den nächsten Monaten, ja bis heute, zur brutalen Realität: Nichts ist mehr, wie es war.

Feuerwehrleute klettern über die Trümmer des Marriott-Hotels und des in sich zusaamengefallenen zweiten Turms nach dem Terroranschlag auf das World Trade Center. © picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire Service © picture alliance/dpa/ZUMA Press Wire Service

Wir sind uns einig. In der Überschrift auf der Titelseite hat das Wort Krieg nichts zu suchen. Unsere Schlagzeile am nächsten Tag: Terror stürzt USA in die Katastrophe.

Ein stolzer Chefredakteur: Alle Redaktionen packen mit an

Was mich stolz macht als Chefredakteur: Kolleginnen und Kollegen, die an diesem Dienstag eigentlich freihaben, kommen ungefragt in die Redaktion, machen mit. Auch die Teams aus anderen Redaktion packen mit an. Alle bleiben bis zum Redaktionsschluss weit nach Mitternacht.

Zu tun gibt es genug. Immer wieder kommen aktuelle Texte und Bilder, die wir unbedingt noch in der Ausgabe vom 12. September haben wollen. Bilder, die um die Welt gehen. Die New Yorkerin im Kostüm, die über und über mit Staub bedeckt ist. Zwei Feuerwehrleute, die eine junge Frau aus den Trümmern geborgen haben und zum Rettungsbus bringen. Aber auch Palästinenserinnen in einem Flüchtlingslager nahe Beirut. Sie jubeln über die feigen Anschläge auf die USA.

Unglaublich wie blamabel: In der Champions League müssen Schalke in der Arena und der BVB in Kiew Fußball spielen; die schon damals geldgierigen Funktionäre der Uefa zwingen die Vereine. Über das Borussen-Spiel bringen wir nur einen kurzen Spielbericht, und auf das sonst übliche Foto mit einer Spielszene verzichten wir. Stattdessen zeigen wir, wie BVB-Präsident Dr. Gerd Niebaum unserem Redakteur Klaus Bäcker seinen Unmut über die Entscheidung des Verbands deutlich macht, die Spiele nicht abzusetzen. „Das ist doch eine Frage der Ethik und Moral.“

Die Schalker Athener Spieler trauern am Abend des 11. Septembers während einer Schweigeminute um die Opfer der Anschläge in den Vereinigten Staaten. Die Uefa wollte die Spiele an diesem Tag nicht absetzen. © picture-alliance / dpa/dpaweb © picture-alliance / dpa/dpaweb

Wir müssen drucken, viel später als sonst, und doch zu früh. Einige treffen sich danach in der Kneipe an der Ecke. Durchpusten, abschalten? Unmöglich. Im Lokal flimmern die schrecklichen Bilder immer und immer wieder über die Bildschirme. Und keiner von uns ahnt in diesem Moment, wie viele Geschichten, Fotos und Videos wir bearbeiten werden, verarbeiten müssen: Bilder vom völlig erschöpften Firefighter, der um seine Kollegen trauert.

„Stahl hat kein Gedächtnis“

Sie verloren ihr Leben, um andere zu retten. Vom Wachmann, der fassungslos vor abgebrochenen Trägern der Türme steht, die aus einem Trümmerhaufen ragen. „Stahl hat kein Gedächtnis“, wird jemand sagen. Vom eng umschlungenen Pärchen, das auf die Absturzstelle nahe Pittsburgh schaut. Für jeden unschuldigen Passagier brennt ein Licht. Vom US-Verteidigungsministerium in Washington, teilweise zerstört nach den Angriffen. Selbst diese Zentrale der Macht war vor den Terroristen nicht sicher.

Erst Monate später sind die Opfer identifiziert, gezählt: Es sind 2.996 Menschen, die an einem einzigen Tag aus dem Leben gerissen wurden.

Es ist mehr als nur ein Hauch von Licht, von Zuversicht, das durch die schwarze Wolke und den Trümmerberg schimmert. Es ist die beeindruckende Solidarität der Menschen, die grenzenlose Hilfsbereitschaft, die gemeinsame Trauer um die Toten. Drei Tage nach dem 11. September, den die Amerikaner Nine Eleven nennen, rufen wir, wie viele andere Verlage, zu einer Spendenaktion auf, die alle Erwartungen übertrifft. Unsere Leser helfen mit 708.000 Mark 24 Familien, die keine mehr sind, weil Väter und Ehemänner als Feuerwehrleute im World Trade Center ihr Leben verloren.

Feuerwehrmänner aus New York bei einer Schweigeminute im Oktober 2001 auf dem Ground Zero. © picture-alliance / dpa/dpaweb © picture-alliance / dpa/dpaweb

Mein Kollege Uwe Becker und ich besuchen vor dem ersten Jahrestag der Anschläge Diana Hetzel und ihre kleine Tochter Amanda in ihrem Haus im Stadtteil Queens. Alles im Haus erinnert an Thomas, den unerschrockenen Firefighter: die Fotos an der Kühlschranktür, in Uniform, mit Diana und Amanda, ein Kreuz im Wohnzimmer, zusammengeschweißt aus Stahl von Ground Zero, die eingerahmte Traueranzeige an der Wand im Flur, die Nachbildung des Helms, die Holzstühle auf der Terrasse vor dem Haus. Hier hat Amanda mit ihrer Mutter gesessen, hat jeden Abend auf ihren geliebten Papa gewartet. Am 11. September kam er nicht heim.

Ich finde den Namen, den ich suche

Vier Jahre ist es her, da hat unser Kreuzfahrtschiff an der Pier 148 in New York angelegt. Von da aus ist es nicht weit bis zu Ground Zero. Wo einst die Twin Towers standen, fließt nun Wasser in zwei großen Becken. Auf den Rändern sind die Namen der 2.996 Opfer vom 11. September 2001 und der sechs Toten beim Anschlag von 1993 eingraviert.

Herrmann Beckfeld war vor Ort in New York und sprach unter anderem mit Diana Hetzel. Der Besuch berührte ihn sehr.

Ich finde, was ich suche: den Namen von Thomas Hetzel, einem von vielen Helfern und mutigen Menschen am Tag, der die Welt veränderte. Thomas Hetzel, der Mann von Diana, der Vater von Amanda. Eine Szene, für die ich kein Foto brauche, um sie nie zu vergessen. Diana, mit Amanda auf dem Arm, bringt Uwe Becker und mich zur Tür, sagt zum Abschied: „Mir schaudert, wenn ich an den Jahrestag denke. Am liebsten würde ich flüchten.“ Als wir uns ein letztes Mal umdrehen, sind die beiden im Haus verschwunden. Auf der Terrasse stehen die Holzstühle.

9.29 Uhr Ortszeit New York: George W. Bush gibt auf der Bühne in der Schulbibliothek in Florida sein erstes Statement zur Katastrophe ab. Die Kinder, die hinter Bush stehen dürfen, lachen nett in die Kameras und Fotoapparate. „Meine Damen und Herren“, sagt der Präsident. „Wir haben es mit einer nationalen Tragödie zu tun. Aber Terrorismus gegen unser Land wird keine Zukunft haben.“

Nach den Anschlägen vom 11. September wird der mächtigste Mann der Welt einen „War on Terror“ proklamieren. Am 7. Oktober 2001 begann der Krieg in Afghanistan mit dem Ziel, die seit 1996 herrschende Taliban-Regierung zu stürzen und Al-Qaida zu bekämpfen. Zehn Jahre später, am 2. Mai 2011, tötet eine US-Spezialeinheit Al-Qaida-Gründer Osama Bin Laden bei der Operation Neptune Spear. Den Irakkrieg 2003 begründet die US-Regierung ebenfalls mit den Anschlägen. Laut Studien sterben im „Krieg gegen den Terror“ mehr als eine Million Menschen.

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