Coronavirus

Corona-Massenimpfung: Was sind die Ziele und welche Risiken gibt es?

Wer wird zuerst geimpft? Und dürfen Geimpfte nach dem Aufbau eines Impfschutzes auf Maske und Abstand verzichten? Massenimpfungen könnten bald auch in Deutschland starten. Was jetzt wichtig ist.
Der Biontech-Impfstoff könnte als erstes Mittel in Deutschland verimpft werden. © picture alliance/dpa/BioNTech SE

Gesundheitsminister Jens Spahn (CDU) erwartet, dass das Coronavirus im Herbst kommenden Jahres in Deutschland unter Kontrolle ist. Er sei zuversichtlich, dass dies wegen der bevorstehenden Massenimpfungen möglich sei, sagte Spahn am Samstag bei einer Informationsveranstaltung in Berlin. Im Raum steht die Erwartung eines absehbaren Sieges über das Virus. Wichtige Fragen und Antworten dazu im Überblick:

Wann endet die Coronavirus-Pandemie?

Auch Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) sagt in ihrem Videopodcast vom Samstag mit Blick auf die Hoffnung auf mehrere Impfstoffe: „Dann können wir Schritt für Schritt das Virus besiegen.“ Doch was heißt besiegen? Der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, mahnt: „Schon die Botschaft ‚Wer geimpft ist, kann nicht an Covid-19 erkranken und ist immun‘ stimmt nicht.“

Spahn zeigt sich zuversichtlich, „dass der nächste Herbst, Winter wieder deutlich normaler sein wird, (…) wir bis dahin die Pandemie unter Kontrolle haben, weil ausreichend Impfstoff da ist und wir über die Praxen im Übrigen die Möglichkeit haben, sehr, sehr viele Menschen im hohen zweistelligen Millionenbereich in Deutschland zu impfen“. Der Präsident des Robert Koch-Instituts (RKI), Lothar Wieler, meint: „Der Impfstoff ist der entscheidende Game-Changer.“ Er verkürze die Pandemie um Jahre, wenn weltweit geimpft werde.

Wann starten erste Impfungen?

Im Einklang mit Spahn sagt der Präsident des mit zuständigen Paul-Ehrlich-Instituts (PEI), Klaus Cichutek, dass wohl „noch im Dezember oder Anfang des Jahres“ erste Impfstoffprodukte zugelassen würden. Die Europäische Arzneimittel-Agentur Ema will über das Vakzin der Mainzer Firma Biontech und des US-Konzerns Pfizer bis spätestens 29. Dezember, über das des US-Konzerns Moderna bis 12. Januar entscheiden. Großbritannien prescht vor und verimpft das Biontech-Serum BNT162b2 schon ab dieser Woche in 50 Krankenhäusern des nationalen Gesundheitsdienstes NHS.

Warum startet Deutschland später als Großbritannien?

Auch in Deutschland wäre laut Spahn eine entsprechende Notzulassung möglich. „Das hat nichts mit dem Brexit zu tun, wir machen sie aber nicht, weil wir von Anfang an den Ansatz hatten: Vertrauen ist wichtig.“ Deswegen warte man in der EU die auch sonst übliche Impfstoff-Bewertung ab, auch wenn diese dieses Mal im Schnellverfahren erfolge. Der Vorteil des EU-Wegs laut PEI-Präsident Cichutek: Die Zulassung beruhe auf Daten zu mehreren zehntausend Probanden, jede einzelne Charge werde auf ihre Qualität überprüft, mögliche Nebenwirkungen würden akribisch beobachtet.

Was nährt die Sorgen über Nebenwirkungen besonders?

BNT162b2 und das Moderna-Serum beruhen auf einer neuen Technologie. Sie sind sogenannte mRNA-Impfstoffe. Diese Impfstoffe enthalten kein Virus, sondern sogenannte Boten- oder messenger-RNA. Die Entwicklung dieser Technologie startete laut Cichutek lange vor Corona, hat wegen der Fokussierung der Forscher hierauf nun aber einen Sprung gemacht.

Welche möglichen Nebenwirkungen gibt es?

Laut den obersten zuständigen Behördenleitern Cichutek und Wieler keine anderen als üblich bei Impfungen: vorübergehende Kopfschmerzen, Müdigkeit, Schmerzen an der Injektionsstelle, leichtes Fieber, Muskelschmerzen. Sie räumen ein: Langzeiterfahrungen gibt es nicht. Doch mit den Tests vor der Zulassung gibt es Erfahrungen über drei bis vier Monate. „Es deutet nichts darauf hin, dass es hier Besonderheiten gibt oder irgendwelche schweren Nebenwirkungen“, sagt Cichutek. Dies beruhe nicht nur auf den Tests an Patienten, sondern auch auf Untersuchungen an Affen und weiteren Studien zu möglichen Folgen.

Kann jemand, der geimpft ist, noch anstecken?

Möglich, aber weniger wahrscheinlich. „Wir gehen nicht davon aus, dass die Impfung komplett steril schützt“, sagt Cichutek. Das ist aber laut Wieler normal: „Sterile Impfungen – das gibt’s praktisch gar nicht.“ Laut Cichutek kann man sich auch nach einer Impfung noch anstecken, die Aufnahme und Weitergabe von Viren wird aber deutlich reduziert. Die unteren Atemwege sind dann wohl nicht mehr betroffen. Es gebe vielleicht noch leichte Symptome, aber keine schweren Verläufe mehr. Den bisherigen Analysen zufolge schützt BNT162b2 mit 95-prozentiger Wirkung vor einer Covid-19-Erkrankung. Der Impfschutz dürfte Cichutek „relativ lange anhalten“. Daten würden noch folgen.

Wann tritt der Impfschutz ein?

Eine erste Impfung bringt laut Cichutek eine Grundimmunisierung. Dann brauche man ein Zeitfenster von drei bis vier Wochen. Danach erfolge eine zweite Impfung. Voraussichtlich zwei bis drei Wochen nach der Zweitimpfung sei voller Schutz aufgebaut. Menschen mit Vorerkrankungen können sich laut Wieler ohne Bedenken impfen lassen.

Wer wird zuerst geimpft?

Risikogruppen, also Ältere und Kranke, sowie Beschäftigte im Gesundheitsdienst und in zentralen Bereichen wie der Polizei. Das hatte der Deutschen Ethikrat, die Nationale Wissenschaftsakademie Leopoldina und die Ständigen Impfkommission am RKI empfohlen, und diese Gruppen hatte die Koalition in einem Gesetz bereits genannt. Doch das ist noch ungenau. Laut SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach können in den ersten drei Monaten nur bis zu vier Prozent der Bevölkerung geimpft werden. Senioren, chronisch Kranke und medizinisches Personal machten aber schon 30 Prozent aus.

Wer kommt also wirklich zuerst zum Zug?

Das ist noch offen. Immer wieder werden die Hochbetagten in Pflegeheimen genannt, auch Menschen mit transplantierten Organen. Zuerst wird in Impfzentren und von dort angesiedelten mobilen Teams für die Heime geimpft. Die Bundesregierung will Regeln per Verordnung aufstellen. Eine feinere Bestimmung der Priorisierung wollen die Wissenschaftsorganisationen bis Jahresende vornehmen. Lauterbach mahnt in der „Bild am Sonntag“ zur Eile: „Der Impfgruppen-Priorisierung steht nichts im Wege.“

Wird alles reibungslos ablaufen?

In den Impfzentren gibt es laut Spahn Probeläufe. Die Kosten für die Massenimpfung insgesamt taxiert er auf bis zu sechs Milliarden Euro. Trotz aller Vorbereitungen: Wegen der anfänglichen Knappheit der rettenden Stoffe erwartet Spahn Emotionen, weil nicht jeder Impfwillige gleich dran kommt. „Es wird ja nicht umsonst an Konzepten gearbeitet, bis hin zu polizeilichem Schutz der Impfzentren.“ Patienten mit Vorerkrankungen dürften Bescheinigungen von ihrem Haus- oder einem Facharzt bekommen. Wieler betont bei allen Detailfragen: „Warten wir die Empfehlung der Ständigen Impfkommission ab.“ Bis zum Sommer kann laut Spahn dann wohl immer lockerer priorisiert werden. Mit genügend Impfstoff für Massenimpfungen rechnet er im Sommer 2021.

Gelten die Hygiene-Einschränkungen dann auch noch für Geimpfte?

Zunächst ja. Sagt zumindest die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) in der „Bild am Sonntag“. Alles andere würde die Gesellschaft spalten. Alle müssten sich auch weiter an die Maskenpflichten halten. Sonderveranstaltungen wie Konzerte nur für Geimpfte dürfe es ebenfalls nicht geben. Wieler sagt, auch jene, die geschützt seien, sollten sich verantwortungsbewusst verhalten.

RND

Der Artikel "Corona-Massenimpfung: Was sind die Ziele und welche Risiken gibt es?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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