Landwirtschaft

Corona unter Saisonarbeitern: Hotspot Spargelernte?

Erneut rücken die Arbeits- und Lebensbedingungen von Saisonarbeitern in den Fokus. Denn auf Niedersachsens größtem Spargelhof wütet das Coronavirus. Das sorgt für Unmut.
Erntehelfer könnten durch das Coronavirus besonders gefährdet sein. (Symbolbild) © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Wer sich dieser Tage im Landkreis Diepholz umhört, bekommt viel Zorn zu spüren. Zorn auf Spargelbauern, auf osteuropäische Saisonarbeiter und auf die Politik. Denn ein Corona-Ausbruch auf Niedersachsens größtem Spargelhof hält die Region in Atem. Und wie bei der Fleischindustrie im vergangenen Jahr geht es auch um die Frage, ob die Arbeits- und Lebensbedingungen von migrantischen Beschäftigten eine Ausbreitung des Coronavirus erleichtern.

Dieses Mal betroffen sind Erntehelfer aus Osteuropa. Etwa 300.000 arbeiten laut jüngsten Zahlen des Netzwerks der Spargel- und Beerenverbände in Deutschland. 1000 sind auf dem betroffenen Spargelhof tätig, 120 haben sich mittlerweile nachweislich mit dem Coronavirus angesteckt. Die Infizierten sind isoliert, die anderen werden regelmäßig getestet und dürfen nur zur Arbeit ihre Unterkünfte verlassen. „Die sinkenden Zahlen der Neuinfektionen im betrieblichen Umfeld lassen erkennen, dass die bisher getroffenen Maßnahmen der letzten Tage Wirkung zeigen“, sagte eine Landkreissprecherin am Donnerstag.

Die Wut wächst

Doch vorerst hat der Corona-Ausbruch die Sieben-Tage-Inzidenz drei Tage lang über 100 gedrückt – weshalb seit Mittwoch die Corona-Notbremse greift. Geschlossene Schulen und Geschäfte, dazu eine Ausgangssperre – das kommt nicht gut an. Auch wurden Erntehelfer trotz Quarantäne in Supermärkten gesichtet, womöglich weil die Verpflegung nicht klappt. Doch seitdem berichten Diepholzer, dass bei einem Teil der Bevölkerung die Wut auf die Migranten wächst.

Anwohner schildern aber auch, große Reisebusse voller Erntehelfer auf dem Weg zu den Feldern des Spargelhofs gesehen zu haben – ein möglicher Infektionsherd, aber aus Sicht des Landkreises kein Verstoß gegen den Arbeitsschutz. „Abstände, ausreichende Belüftung, das Tragen von Masken und weitere Hygienemaßnahmen können, dort wo dies erforderlich ist, eingehalten werden“, fasste die Landkreissprecherin die Ergebnisse einer Kontrolle nach Bekanntwerden der ersten Fälle zusammen. Sie betonte, dass zwischen Fehlverhalten des Arbeitgebers und Fehlverhalten der Arbeitnehmer im Privatbereich differenziert werden müsse.

Ausbruch „keine Überraschung“

„Man mutet Migranten bei uns zu, zu Konditionen zu arbeiten, die nicht vertretbar sind, weil sie gesundheitsgefährdend sind, weil Menschen ausgebeutet werden und weil sie in erbärmlichen Behausungen leben müssen“, sagt hingegen Peter Kossen. Der katholische Geistliche, der lange im nahe Diepholz gelegenen Vechta lebte, erklärte weiter: „Deswegen überrascht es mich nicht, dass es nun nach der Fleischindustrie und der Paket- und Logistikbranche auch auf Spargelhöfen zu Ausbrüchen kommt.“

Aber droht nun, ein Jahr nach der Aufregung um die Corona-Infektionen in Schlachthöfen, eine Infektionswelle unter Spargelstechern? Allzu groß sind die Risiken aus Sicht von Medizinern nicht, weil die Gegenmaßnahmen besser geworden sind. „Einen solchen Ausbruch bekommen wir relativ gut unter Kontrolle“, sagte Tobias Welte, Lungenfacharzt an der medizinischen Hochschule Hannover, jüngst dem NDR.

RND

Der Artikel "Corona unter Saisonarbeitern: Hotspot Spargelernte?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland