Coronavirus

Das vertrackte Corona-Jahr: Fünf Eltern erzählen, wie sie 2020 erlebt haben

Die Corona-Pandemie hat das Jahr für Eltern zu einer Herausforderung gemacht, auf ganz verschiedene Art und Weise. Fünf Eltern erzählen, wie sie das Jahr 2020 erlebt haben.
Durch die Corona-Pandemie mussten Kinderbetreuung und Home-Office gleichzeitig stattfinden. © picture alliance/dpa/KEYSTONE

Das Jahr 2020 hat Eltern vor große Herausforderungen gestellt. Schulen und Kitas blieben lange Zeit geschlossen – und viele Mütter und Väter mussten Kinderbetreuung und Arbeit unter einen Hut bringen. Und im ohnehin schon anstrengenden Leben als Eltern mussten sie teilweise auch im Beruf unter verschärften Bedingungen arbeiten. Die Nerven lagen oft blank – doch 2020 hatte auch seine schönen Seiten. Fünf Eltern haben dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) erzählt, wie sie das Jahr überstanden haben.

Die beste Freundin war die Retterin in der Not

Franzi, 35, alleinerziehende Mutter von zwei Kindern

„Ohne meine beste Freundin wäre ich verloren gewesen in diesem Jahr. Sie hat einfach über Wochen meine Kinder betreut. Während des ersten Lockdowns habe ich die Kinder samt Brötchen morgens bei ihr abgeliefert und nachmittags hab ich bei ihr noch was zu essen und einen Kaffee bekommen, bevor ich die Kinder wieder mit nach Hause genommen habe.

Dadurch sind auch die Kinder so gut durch diese Zeit gekommen und haben jetzt beim zweiten Lockdown gleich wieder gefragt: Dürfen wir wieder zu Marlene? Und auch ihre Tochter hat davon profitiert, in dieser Zeit nicht alleine sein zu müssen. Das Corona-Jahr hat unsere Freundschaft noch mal ganz besonders gestärkt. Ich weiß, ich kann sie Tag und Nacht anrufen. Das gibt mir ein gutes Gefühl und nimmt mir wahnsinnig viel Druck.

Denn auf der Arbeit habe ich eine Chefin, die keine Ahnung hat, was es bedeutet, Kinder zu betreuen, geschweige denn, was es heißt, alleinerziehend zu sein. Manchmal frage ich mich: Sehen die gar keine Nachrichten?! Dass die Schulen jetzt schließen und was das für mich bedeutet, haben sie überhaupt nicht verstanden. Mir ist es aber auch wichtig, auf der Arbeit zu sein. Ich arbeite in einem Steuerbüro, sehe die vielen Schicksale gerade. Die Leute sind darauf angewiesen, dass ich meinen Job mache, damit sie ihr Geld bekommen.

Auch von der Kommune fühle ich mich oft im Stich gelassen. Wir Alleinerziehenden werden oft einfach nicht gesehen. Für die Notbetreuung musste ich beim Jugendamt auf den Tisch hauen. Dafür braucht man also auch noch Kraft.

Was mich immer begleitet, ist die Frage: Werde ich allen gerecht? Meiner Arbeit, aber eben auch den Kindern. Für die tut es mir oft besonders Leid, dass die Situation ist, wie sie ist. Meine Jüngste ist in der ersten Klasse. All das Schöne, was Schule ja ausmacht, kennt sie gar nicht. Ausflüge, Weihnachtsfeiern, Theaterbesuche, das erlebt sie nicht. Die Große wiederum ist in der vierten Klasse und ihr wird gerade bewusst, was sie alles verpasst.

Dass ihre Grundschulzeit vielleicht ohne all diese Dinge endet. Das macht mich traurig. Gleichzeitig versuchen wir aber immer, auch die positiven Seiten zu sehen. Die Kommunion und die Einschulung fielen in diesem Jahr viel kleiner aus als geplant, waren dadurch aber auch viel persönlicher und ja, eigentlich auch schöner als gedacht.“

Die wohltuende Entschleunigung in Zeiten der Pandemie

Enver, 47, Vater von drei Kindern und leitender Arzt im Krankenhaus

„Mit sehr ambivalenten Gefühlen blicke ich auf dieses Jahr 2020 zurück. Als Arzt fühle ich Anteilnahme, aber auch Wut. Anteilnahme unseren Patienten gegenüber, aber auch den Wirten zum Beispiel, die gerade in großen Existenznöten sind. Besonders genervt hat mich aber dieser Alarmismus in diesem Jahr. Die Situation ist ernst genug, diese Angstmacherei brauchen wir dafür nicht.

Im Frühling war klar, dass vieles von dem, wovor sich viele fürchten, nicht passieren wird. Was mich geärgert hatte, war, dass sie die italienische Situation als Blaupause nehmen für das, was uns bevorsteht. Das hatte was mit den Bildern zu tun, die medial so sehr verbreitet wurden und die Leute in Angst versetzt haben. Auch das Klinikpersonal ist seit Monaten fixiert auf die Gefahr. Das schlaucht auf Dauer.

Jetzt ist die Situation anders als im Frühjahr und ich bin auch beunruhigt. Deswegen bin ich froh, dass sich was tut, sonst wird es auf den Intensivstationen wirklich eng. Aber können wir von einem Lockdown sprechen, wenn die Schulen schließen, die Förderbänder in den Fabriken aber weiterlaufen? Ich glaube, da wird der Fokus falsch gesetzt. Für meine Kinder jedenfalls finde ich es sehr schade, dass sie in diesem Jahr auf so vieles verzichten mussten. Mein ältester Sohn ist nicht zum Schüleraustausch gefahren, hatte keine Abschlussfeier in der Grundschule und keine richtige Einschulungsfeier in der weiterführenden Schule. Das ist schon schade.

Ich persönlich habe in diesem Jahr aber auch viele Momente genießen können, weil ich ganz froh darüber bin, den Fokus mal nicht auf Konsum und Massenvergnügen zu richten. Ich fand es sogar richtig entspannend, nicht auf eine große Hochzeitsfeier gehen zu müssen und die Wochenenden zu Hause bei den Kindern verbringen zu können. Die Entschleunigung tat mir gut. Auch in der Klinik hatten wir übrigens weniger zu tun als sonst.

Was uns jetzt wieder Probleme bereitet, ist das fehlende Personal. Was vor allem daran liegt, dass viele in Quarantäne sind. Fürs nächste Jahr hoffe ich, dass die Maßnahmen greifen und wir schon im Januar sehen, dass die Infektionszahlen runtergehen. Für uns als Familie freue ich mich einfach, wenn wir Ostern ein paar Tage Urlaub machen können.“

Schule im sozialen Brennpunkt: „Für die Kinder ist das Jahr eine Katastrophe“

Marc, 42, verheiratet und Vater dreier Kinder, arbeitet als Lehrer an einer Hauptschule in einem sozialen Brennpunkt

„Für die Kinder an unserer Schule ist das Jahr eine Katastrophe. Für viele ist die Schule das einzig Regelmäßige in ihrem Leben, das Einzige, was ihnen Struktur gibt. Seit dem Lockdown kommen viele nicht mehr oder nur noch unregelmäßig. Und für fast alle Kinder ist es ein verlorenes Jahr. Vieles können sie so gar nicht mehr aufholen. Obwohl wir versuchen, ihnen das Material zur Verfügung zu stellen.

Schon während des ersten Lockdowns haben wir aber, wenn überhaupt, nur die Hälfte unserer Schüler erreicht. Wir sind sogar mit dem Fahrrad herumgefahren, um den Kindern die Materialien zu bringen, aber manche haben ja nicht einmal einen Briefkasten. Und dann haben die wenigsten Kinder Eltern zu Hause, die ihnen dabei helfen können. Das ist in gewisser Weise natürlich unser täglich Brot, aber seit Corona ist das deutlich schwieriger geworden. Zwei Kinder sind im Lockdown ins Frauenhaus verschwunden, weil der Vater gewalttätig wurde. Die habe ich gar nicht mehr gesehen.

Zwei weitere kommen seit Corona nicht mehr, weil ihre Eltern Angst vor dem Virus haben. Von den 17 Kindern in meiner Klasse hatte ich in diesem Jahr im Schnitt etwa acht täglich im Unterricht. Und davon wiederum sind es vielleicht vier, fünf, die wirklich immer da waren. Gerade um diese Lichtblicke tut es mir besonders Leid. Denn die sind es ja, die die Betreuungs- und Beratungsangebote von unserer Schule eigentlich annehmen – die wir ihnen aber gerade aufgrund der Hygieneverordnung gar nicht anbieten konnten. Kein Schülerclub, keine Sportangebote, keine Hausaufgabenhilfe.

Für mich selbst war es dagegen ein eher entspanntes Jahr. Bei uns sind viele Kollegen ausgefallen, so dass wir den Nachmittagsunterricht streichen mussten und nur noch bis mittags unterrichten konnten. Ich war also jeden Tag schon eher zu Hause als sonst. Ich gehe wirklich gerne arbeiten und gerade jetzt in der Corona-Krise haben wir doch gesehen, wie privilegiert der Lehrerberuf eigentlich ist.

Ich habe weder Betreuungsprobleme in den Sommerferien für meine Kinder, noch Existenzsorgen. Bevor ich im Quereinstieg Lehrer geworden bin, war ich jahrelang Lkw-Fahrer mit Sportdiplom. Außerdem bin ich wirtschaftlich besser abgesichert als ein Großteil der meisten Menschen – das weiß ich durchaus zu schätzen.“

„Am Ende dieses Jahres fühle ich mich so leer, so fertig“

Linda, 36, verheiratet und Mutter zweier Jungs, arbeitet in einer Krankenhausverwaltung

„Rückblickend betrachtet war das Jahr einfach scheiße. Für die Kinder war es Mist, weil so viel weggefallen ist. Schwimmen, Handball, all so was halt. Das stört mich gravierend, denn im Leben eines Sechsjährigen gehört es einfach dazu. Die Jungs schlagen sich zwar tapfer, aber die Sorglosigkeit fehlt. Neulich haben sie sich beim Abendessen über Schnell- oder PCR-Tests unterhalten und der Große sagte: “Weißt du noch damals, als man keine Masken tragen musste?”

In solchen Momenten wird mir bewusst, wie lang dieser Zeitraum im Leben eines Kindes wirklich ist, und das macht mich sehr traurig. Hinzu kommen ja die Ängste. Einmal die reale Angst, meine Eltern anstecken zu können, aber auch die Angst vor der Schuld. Den Kindern wird ständig suggeriert, ein Risikofaktor zu sein. Was ist, wenn sich tatsächlich jemand ansteckt? Für die Kinder wäre das doch traumatisierend. Das wurde bei dieser ganzen Diskussion immer völlig außer Acht gelassen.

Das Jahr war und ist aber auch für unsere Ehe eine Herausforderung. Wir stehen beide so enorm unter Druck auf der Arbeit, müssen gerade aber nach einer zweiwöchigen Quarantänezeit jetzt im Lockdown schon wieder mit einem Zwei- und einem Sechsjährigen von zu Hause aus arbeiten. Mein Mann und ich streiten uns nur noch, weil wir hier alle aufeinander hocken und jeder von uns Erwachsenen versucht, sich Freiräume zum Arbeiten zu erkämpfen. In der ersten Lockdownzeit war im Krankenhaus auch noch so unfassbar viel los, da habe ich wirklich jeden Abend hier geheult.

Und inzwischen verteufelt der Große meine Arbeit richtig und sagt, dass andere Mütter ja viel mehr Zeit hätten für ihre Kinder. Am Ende dieses Jahres fühle ich mich so leer, so fertig. Ich spüre die Unzulänglichkeit auf allen Kanälen. Und ich weiß, dass wir alle unter dieser Situation leiden – ohne zu wissen, wann sich das nachhaltig ändert. Auch die Großeltern, die eigentlich mal ein wesentlicher Teil unseres Betreuungskonstruktes waren, werden ja weiterhin ausfallen und uns daher auch nicht entlasten können.

Wenn ich Ende 2019 hätte ahnen können, was in diesem Jahr auf uns zukommt, wäre ich lieber in der Elternzeit geblieben. Manchmal bin ich richtig neidisch auf die Mütter, die nicht arbeiten müssen. Es wäre nie mein Rollenmodell gewesen, aber nach diesem Jahr denke ich manchmal: Das ist auch schön, wenn der Mann so viel verdient, dass ich zu Hause bleiben könnte.“

Schwangerschaft in der Pandemie: Ohne Mann und Kind zur Vorsorge

Miriam, 34, hat in der Corona-Zeit ihren dritten Sohn zur Welt gebracht

„Das ganze Jahr über ging es uns eigentlich sehr gut. In der Schwangerschaft hatte ich ein Beschäftigungsverbot und damit viel Zeit für die Kinder. Der Lockdown im Frühjahr hat unser Leben total entschleunigt. Statt Verabredungen und Sportverein gab es viele Waldspaziergänge – und das war wirklich schön. Wir haben gesehen, wie der Frühling so langsam erwachte. Noch nie habe ich eine Jahreszeit so bewusst wahrgenommen wie in diesem Frühjahr. Entscheidend dazu beigetragen, dass sich dieses Jahr so gut anfühlt, hat aber auch unser Haus.

Hätten wir 2020 noch in unserer Mietwohnung in der Stadt gelebt, wäre ich durchgedreht. Trotzdem war es auch anstrengend mit den Kindern zu Hause. Jörg musste im Kinderzimmer sitzen und arbeiten und die Jungs mussten leise sein. Ich denke, jeder kann sich vorstellen, wie gut das geklappt hat. Übers Jahr wurde es auch immer nerviger zu sagen: Das geht nicht, das darfst du nicht, darauf müssen wir verzichten. Mein Corona-Bild ist ein Foto von Yunes, meinem Ältesten, wie er eine Pusteblume pustet, und im Hintergrund sieht man das Flatterband vom abgesperrten Spielplatz. Das macht mich immer noch traurig.

Was mir aber wirklich das Herz gebrochen hat, war, dass Yunes nicht mit zum Ultraschall kommen konnte. Er hatte es sich so sehr gewünscht, aber er durfte einfach nicht mit. Und das ist so unwiederbringlich. Was die Schwangerschaft betrifft, hat sich Corona schon sehr ausgewirkt. Zum Beispiel durfte mich mein Mann zu keiner Vorsorgeuntersuchung begleiten. Ich finde es so rückschrittig, die Männer in diesem ganzen Schwangerschaftsprozess jetzt wieder außen vor zu lassen. Und auch für die Frauen ist es doch furchtbar! Manche haben vielleicht auch schlimme Nachrichten bei der Diagnostik erhalten und saßen dann ganz alleine da.

Corona war auch der ausschlaggebende Punkt, warum ich im Geburtshaus entbunden habe. Ich hatte Sorge, dass Jörg bei dem ganzen Prozedere im Krankenhaus die Geburt verpasst. Und wenn mir jemand im Kreißsaal die Maske aufgesetzt hätte, ich weiß nicht, was ich mit dem gemacht hätte. Eigentlich wollte ich beim dritten Kind noch einmal alles genießen. Das war schon bei der Schwangerschaft kaum möglich und jetzt werden Babyschwimmen und die ganzen anderen Kurse vermutlich auch ausfallen. Auch das kommt ja nicht wieder. Trotzdem glaube ich, dass diese gezwungene Entschleunigung uns allen unterm Strich vor allem guttut.“

RND

Der Artikel "Das vertrackte Corona-Jahr: Fünf Eltern erzählen, wie sie 2020 erlebt haben" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.