Coronavirus

Ein Jahr Verschwörungserzählungen: Die bekanntesten Corona-Mythen sind nie eingetreten

Bis heute feiern Verschwörungserzählungen zur Corona-Pandemie Hochkonjunktur. Die Verbreiter genießen das Vertrauen ihrer Anhänger, obwohl ihre bekanntesten Voraussagen nie eingetreten sind.
Verschwörungsideologen warnen vor einer Zwangsimpfung. Bis heute wird jedoch eine Impfpflicht nicht einmal diskutiert. © picture alliance/dpa

In einer Krise feiern Verschwörungserzählungen Hochkonjunktur – das hat die Corona-Pandemie mehr als deutlich gemacht. Mal waren es Erzählungen von Aluhutträgern, die behaupteten, das Virus würde durch Mobilfunkmasten übertragen. Mal waren es Esoteriker, die gar nicht erst an die Gefahr von Covid-19 glaubten. Und mal wurde Panik vor harmlosen Stoffmasken geschürt.

Bis heute werden diese Geschichten in den sozialen Netzwerken verbreitet – und das, obwohl sie inzwischen hinlänglich widerlegt wurden. Und die krudesten dieser Corona-Voraussagen sind niemals eingetreten.

„Neue Weltordnung ab 15. Mai 2020“

Dieser Mythos gehörte sicherlich zu den bizarrsten – vor allem deshalb, weil niemand so genau wusste, was er eigentlich bedeuten sollte. Für Attila Hildmann allerdings war er der Grundstein für dessen Verschwörungskarriere:

Er behauptete in seiner Telegram-Gruppe, am 15. Mai 2020 solle eine „neue Weltordnung“ in Kraft treten, gegen die er sich zur Not mit Waffengewalt zur Wehr setzen wolle. Zudem kündigte er an, er wolle sich in den Untergrund zurückziehen und dort, falls nötig, eine Armee aufbauen.

Wie wir heute wissen, war nicht nur der 15. Mai 2020 ein ziemlich normaler Tag, sondern auch alle darauffolgenden. Von einer angeblichen „neuen Weltordnung“ ist bis heute nicht viel zu spüren – das allerdings macht die Erzählung nicht weniger gefährlich.

Der ehemalige Vegankoch Attila Hildmann verbreitet seit einem Jahr Verschwörungsmythen und antisemitische Theorien. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Tatsächlich handelt es sich hierbei nämlich um einen antisemitische Verschwörungsmythos, der bereits seit den Neunzigerjahren von Rechtsextremen verbreitet wird.

Dabei geht es um angebliche „dunkle Mächte“ und um eine angebliche Machtübernahme einer globalen Elite. Auch die „Wall Street“, „Hochfinanz“, „globale Finanzeliten“ oder „Bilderberger“ werden von Antisemiten häufig als Synonyme für die angeblichen „Eliten“ verwendet. Gemeint sind damit Juden – auch, wenn das so explizit nie gesagt wird.

Hildmann selbst bemüht sich inzwischen gar nicht mehr, das zu verstecken. Auf seinem Telegram-Kanal leugnet er mittlerweile ganz offen den Holocaust.


„Angebliche Impfpflicht ab dem 15. Mai 2020“

Warum genau der 15. Mai so häufig von Verschwörungsideologen genannt wurde, ist bis heute nicht ganz geklärt. Tatsächlich sollte an diesem Tag aber nicht nur die neue Weltordnung, sondern auch eine angebliche „Impfpflicht“ eingeführt werden – zumindest wenn es nach dem Tanzcoach Detlef D! Soost geht.

Dieser schrieb damals auf seiner Facebook-Seite: „Impfpflicht ab 15.5??? Ohne die Möglichkeit, selbst für meine Kinder, für meine Family entscheiden zu können, ob wir das wollen oder nicht?????!!! Begrenzung der Grundrechte, wenn ich das nicht tue??? Ohne dass ich mich dazu äußern kann, ohne dass ich mich frei entscheiden kann in diesem Land??? Sind wir demokratisch oder diktatorisch????? Wie seht ihr das?????“

Seit Dezember wird in Deutschland geimpft – eine Impfpflicht gibt es jedoch nicht. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Viele Fragen, viele Fragezeichen. Die von Soost propagierte Impfpflicht kam jedoch nie – und schon gar nicht am 15. Mai 2020. Denn an diesem Tag sollte es noch ganze acht Monate dauern, bis in Deutschland überhaupt ein Impfstoff zugelassen wurde – bis heute warten Millionen Menschen auf ein Impfangebot.

Über eine Impfpflicht wird ebenfalls bis heute nicht diskutiert – sehr wohl aber über mögliche Vorteile für Geimpfte. Geht es beispielsweise nach Vizekanzler Olaf Scholz (SPD), würden Beschränkungen für Menschen, die bereits gegen das Coronavirus geimpft sind, zügig aufgehoben werden. Das sagte er der „Süddeutschen Zeitung“.

„Ich kann mir gut vorstellen, dass der Impfnachweis wie ein negativer Schnelltest genutzt werden kann. Geimpfte erhalten Zugang zu all jenen Orten, die ansonsten nur mit einem Schnelltest zugänglich sind“, so Scholz. Demnach könnten Geimpfte Theater, Kinos, Sportanlagen oder Biergärten besuchen, ohne einen tagesaktuellen Test vorlegen zu müssen.

„Angebliche Gefahr durch Masken“

Vor allem in Querdenker-Kreisen war diese Erzählung sehr beliebt: Angeblich sei das Tragen von Masken gesundheitsgefährdend – etwa, weil dadurch angeblich Sauerstoffmangel auftrete. Viele Verschwörungsideologen ließen sich von Ärzten Atteste zur Befreiung von der Maskenpflicht ausstellen, gegen einige dieser Ärzte wird inzwischen ermittelt.

Und auch Geschichten über angeblich verstorbene Kinder erfanden die Querdenker. Bodo Schiffmann beispielsweise saß zeitweise sogar heulend vor der Kamera, um seinen Followern mitzuteilen, dass wieder mal ein Kind gestorben sei, weil es eine Maske getragen habe.

All diese angeblichen Fälle sind bis heute widerlegt. Und auch sonst ist kein einziger Fall bekannt, dass tatsächlich jemand durch das Tragen eines Mund-Nasen-Schutzes gestorben oder ersthaft verletzt worden sei. Im Gegenteil:

Das Tragen einer Maske bedeutet nach Einschätzung von deutschen wie internationalen Gesundheitsorganisationen keinerlei Gefahr für Menschen nahezu aller Altersgruppen, sofern sie die Bedeckung korrekt tragen können und keine grundsätzlich beeinträchtigende Vorerkrankung etwa der Atemwege haben.

„Corona ist nicht gefährlicher als eine Grippe“

Vor allem in der Anfangszeit der Pandemie war diese Theorie eine weitverbreitete – nicht zuletzt auch auf den Social-Profilen vieler Prominenter: Corona sei nicht gefährlicher als eine Grippe, hieß es da. Die Moderatorin Sonja Zietlow suggerierte gar, das A und O gegen das Virus sei ein intaktes Immunsystem – solche Behauptungen sind jedoch bis heute nicht belegt.

Tatsächlich gibt es jedoch inzwischen zahlreiche Studien, die belegen, wie gefährlich Covid-19 im Vergleich zur Influenza ist: Eine Gruppe französischer Forscher der Universitätsklinik Dijon analysierte etwa die Daten von fast 90.000 hospitalisierten Covid-19-Patienten, die zwischen März und April 2020 erkrankt waren.

Diese Daten wurden schließlich mit fast 46.000 Patienten verglichen, die zwischen Dezember 2018 und Ende April 2019 wegen saisonaler Influenza hospitalisiert worden waren. Die Sterberate lag bei den Covid-19-Patienten mit 16,9 Prozent um den Faktor drei höher als bei Influenza mit 5,8 Prozent.

Und nicht nur das: Ein größerer Anteil der Covid-19-Patienten musste zudem intensivmedizinisch betreut werden. Sie mussten zudem doppelt so häufig beatmet werden und ihr Aufenthalt auf der Intensivstation war doppelt so lang.

Auch eine Studie der Saint-Louis-Universität aus den USA kommt zu diesem Ergebnis. Demnach ist sowohl die Sterbe- als auch die Komplikationsrate deutlich höher als bei der saisonalen Grippe.

„Corona wird durch 5G übertragen“

Während die einen noch immer Corona leugneten, waren die anderen einen ganzen Schritt weiter: Zwar erkannten sie die Existenz des Virus an, jedoch glaubten sie, hinter seiner Verbreitung stecke ein finsterer Plan. Zur abstrusesten dieser Erzählungen gehörte im Frühjahr 2020 die 5G-Theorie. Demnach sollte das Virus angeblich durch die neue Mobilfunktechnik und seine Masten übertragen werden. Diese wurden von einigen Verschwörungsgläubigen kurzerhand sogar abgefackelt.

Heute dürfte selbst dem letzten Aluhutträger klargeworden sein: An diesem Mythos ist nichts dran. Corona wird durch Tröpfcheninfektionen und Aerosole übertragen. Auch eine Übertragung über Oberflächen ist nicht auszuschließen. Dass ein Virus durch Mobilfunkmasten übertragen wird, ist technisch jedoch überhaupt nicht möglich.

Einige Stimmen schwenkten mit der Zeit deswegen um. Nicht das Virus werde durch 5G übertragen – vielmehr schwäche die Strahlung unser Immunsystem und mache uns daher für das Virus angreifbar. Forscher, wie etwa der Zellbiologe der Universität von Reading, Simon Clarke, bezeichnen diese Behauptung als „Quatsch“. Zwar könne Strahlung grundsätzlich den Körper aufheizen. Aber das Energieniveau von 5G-Strahlen sei nicht annähernd stark genug, um das Immunsystem zu beeinflussen.

„Bill Gates will die Menschen zwangsimpfen und überwachen“

Mit den Corona-Impfungen ging auch der Verschwörungsmythos einher, die Vakzine enthielten Mikrochips. Eine weitverbreitete Erzählung: Microsoft-Gründer Bill Gates wolle uns alle impfen und damit überwachen lassen. Als vermeintlicher Beweis wurde dabei beispielsweise das Patent eines Mannes aus Saudi-Arabien für eben solche Chips angeführt, das jedoch bereits vor mehr als zehn Jahren abgelehnt wurde.

Bill Gates steht im Fokus von Verschwörungsideologen. © picture alliance/dpa © picture alliance/dpa

Über Gates kursieren bis heute die absurdesten Erzählungen. Häufig werden dabei Zitate des Microsoft-Managers aus dem Zusammenhang gerissen, und die Zusammenarbeit seiner Stiftung mit anderen Institutionen wird als ein dubioses, geheimnisvolles Netzwerk dargestellt.

Rein theoretisch wäre es zwar möglich, Mikroimplantate unter die eigene Haut zu setzen, jedoch sind diese erwiesenermaßen nicht im Corona-Impfstoff enthalten. Eine angebliche „Zwangsimpfung“ kommt derweil ohnehin nicht infrage, da die Corona-Impfung freiwillig ist (siehe oben).

Einen kleinen Seitenhieb an die Verschwörungsideologen lieferte kürzlich übrigens Jennifer, die Tochter von Bill und Melinda Gates. Die Medizinstudentin hatte sich bereits impfen lassen und schrieb dazu auf Instagram: „Leider ist mir die Genialität meines Vater mit der Impfung nicht implantiert worden.“

„Schwere Langzeitfolgen durch Impfstoffe“

Zur Corona-Impfung existieren inzwischen mehr Verschwörungsmythen als zum Virus selbst. Die Sache mit den Mikrochips ist schnell als Humbug zu enttarnen – andere Befürchtungen klingen jedoch zunächst einmal plausibel. Beispielsweise ist häufig von starken Nebenwirkungen oder Langzeitfolgen zu lesen, die angeblich durch Corona-Impfstoffe ausgelöst würde. Schließlich wurde der Impfstoff in Rekordzeit entwickelt. Kann das überhaupt sicher sein?

Tatsächlich ist auch diese Befürchtung unbegründet, erklärt die Wissenschaftsjournalistin Mai Thi Nguyen-Kim auf ihrem Youtube-Kanal MaiLab. Bereits seit Sommer 2020 laufen Studien zu den Corona-Impfstoffen – bis jetzt haben sich keine verspäteten Nebenwirkungen eingestellt. Mögliche Langzeitfolgen von Impfstoffen würden sich laut Nguyen-Kim meist nach einigen Wochen oder Monaten zeigen, bislang sei das nicht passiert.

Grundsätzlich werden Impfstoffe mit einem Restrisiko für seltene Nebenwirkungen zugelassen. In den vergangenen Wochen gab es auch immer wieder Berichte, etwa den eines Rettungssanitäters, der über starke Nebenwirkungen nach einer Astrazeneca-Impfung klagte und prompt von Verschwörungsideologen vor den Karren gespannt wurde. Dem Mann allerdings geht es inzwischen wieder besser, zudem empfiehlt er selbst die Corona-Impfung.

Nguyen-Kim erklärt das so: Schwerere Nebenwirkungen, die ernsthafte Schäden hinterließen, seien bei Impfungen äußerst selten. „Das Risiko, dass völlig unerwartet verspätete Nebenwirkungen auftreten, die man bis jetzt nicht auf dem Schirm hat, ist so klein, dass es in keinem Verhältnis steht zu den Risiken von Covid-19″, betont die Wissenschaftlerin. „Wer jetzt eine Impfung ablehnt und lieber noch wartet, ist risikofreudiger als jemand, der ein Impfangebot annimmt.“

„Der Impfstoff verändert unsere Gene“

Eine andere Behauptung, die schnell zum Impfstoff im Umlauf war, lautete, das Vakzin könne unser Erbgut verändern. Dieser Mythos allerdings wurde längst widerlegt – denn das ist biologisch gar nicht möglich.

Die mRNA der Impfstoffe etwa von Biontech/Pfizer und Moderna komme mit unserer DNA gar nicht in Kontakt, erklärt Mai Thi Nguyen-Kim in ihrem Video. Zudem könne die RNA auch nicht ohne Weiteres in DNA umgeschrieben werden. „Das Coronavirus bringt selbst seine RNA in unsere Zellen, wenn wir uns damit infizieren. (…)

Das heißt, wer Angst vor Virengenen hat, müsste mehr Angst vor Corona haben als vor der Impfung“, erklärt die Wissenschaftsjournalistin. Auch diese Angst sei laut Nguyen-Kim aber unbegründet. In beiden Fällen – bei der Corona-Infektion und bei der Impfung – würden unsere Gene nicht verändert.

Bei DNA-Impfstoffen, etwa von Astrazeneca, sehe das grundsätzlich ein wenig anders aus. Hier werde nicht RNA, sondern DNA in die Zelle eingeschleust. Ohne bestimmte Enzyme könne das aber trotzdem nichts an der DNA ändern. Und diese notwendigen Enzyme seien auch nicht in dem Impfstoff enthalten. Zudem zählten die eingeschleusten Viren zu den „nicht integrierenden Viren“. Das heißt, sie verändern in unseren Zellkernen nichts, sondern liegen einfach neben unserer DNA, erklärt Nguyen-Kim.

Der Artikel "Ein Jahr Verschwörungserzählungen: Die bekanntesten Corona-Mythen sind nie eingetreten" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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