Coronavirus

„Hexenjagd“: Wie die Corona-Notbetreuung zum moralischen Dilemma für Eltern wird

Kitas und Schulen laufen im Notbetrieb – und der moralische Druck auf Eltern wächst. Sie berichten vom schlechten Gewissen, das ihnen gemacht wird, wenn sie die Notbetreuung in Anspruch nehmen.
Kitas und Schulen laufen im Notbetrieb – und der moralische Druck auf Eltern wächst. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Wenn die ersten drei Buchstaben im Wort Notbetreuung groß geschrieben werden und darauf drei Ausrufezeichen folgen, scheint der Druck groß zu sein – in der Betreuungseinrichtung selbst, aber auch bei den Eltern. „Mir wird ein richtig schlechtes Gewissen gemacht, wenn ich mein Kind bringe“, sagt Marie aus der Nähe von Dortmund.

Die letzten Urlaubstage des Jahres hatte sich die Alleinerziehende für die Weihnachtstage aufgespart. Die anderen Urlaubstage waren schon nach dem ersten Lockdown im Frühjahr aufgebraucht. Seit Montag nun steht Marie wie Millionen weiterer Eltern vor dem Problem: Wohin mit meinem Kind?

Die Kitas und Schulen der Republik laufen seit dieser Woche im Notbetrieb. In Sachsen blieben schon am Montag die Einrichtungen weitgehend geschlossen. Nordrhein-Westfalen hat die Präsenzpflicht in den Schulen aufgehoben, lässt sie aber bis zum 18. Dezember geöffnet. Danach gibt es überall die Möglichkeit einer Notbetreuung für die jüngeren Kinder. Eltern hätten also eine Lösung für Betreuungsprobleme – aber nicht immer mit einem guten Gefühl.

Moralischer Druck – doch Sonderurlaub ist kaum drin

Anders als im ersten Lockdown im Frühjahr wird die Notbetreuung diesmal nicht an Bedingungen geknüpft. Eltern sollten nach bestem Gewissen entscheiden, finden die Politiker. Was nach flexiblen Lösungen klingt, geht in der Umsetzung mit einigen Konflikten einher. Der moralische Druck ist mitunter enorm.

Ob sie ihre Tochter denn wirklich in den Offenen Ganztag bringen müsse, wurde Marie am Montag beim Abholen ihrer Tochter gefragt. Was bliebe ihr anderes übrig, entgegnete Marie. Sie ist nicht nur allein mit einem Kind und einem ganzen Berg an Arbeit; angesichts der Leere auf ihrem Konto kann sie auch nicht den kurzfristig auf den Weg gebrachten Sonderurlaub beantragen, denn dann bekäme sie nur 67 Prozent ihres Nettolohns. „Ganz ehrlich: Ich hab schon am 8. des Monats meist kein Geld mehr auf dem Konto. Jetzt ist mein Kühlschrank kaputt. Ich kann mir so einen Sonderurlaub nicht leisten, schon gar nicht auf Dauer“, sagt die 40-Jährige.

Dabei würde sie ihre siebenjährige Anna so gerne zu Hause lassen, auch aus Angst vor Ansteckung. „Mir macht Corona wirklich große Sorgen und ich bin neidisch auf Eltern, die ihre Kinder zu Hause betreuen können“, sagt Marie. Sie führt ein Argument nach dem anderen an, warum es gerade nicht anders geht. Es ist das Gefühl, sich rechtfertigen zu müssen, das sie in diesem Jahr besonders intensiv spürt – und das sie mit vielen teilt.

„Hexenjagd“ durch andere Eltern

Inzwischen sei sie am Ende, sagt auch Sarah, Mutter dreier Kinder aus einer nordrhein-westfälischen Großstadt. Neulich war eines ihrer Kinder in Quarantäne. Die anderen Kinder hätten weiter in die Betreuungseinrichtungen gehen können. Eltern aus der Nachbarschaft aber machten Druck auf die Schulleitung. Sarah sollte die Geschwisterkinder trotz negativen Tests nicht mehr bringen dürfen. Gleichzeitig spürt sie den Druck bei der Arbeit im Krankenhaus. Die Schulleitung gab nach und am Ende hatte Sarah nicht nur den anderen Erstklässler, sondern auch das Krabbelkind parallel im Homeoffice.

„Das war wie eine Hexenjagd“, erzählt die Mutter, „die mich auch heute noch betroffen macht.“ Geht der Lockdown über den 10. Januar hinaus, wird sie unbezahlten Urlaub nehmen müssen. „Noch einmal schaffe ich es nicht, Homeoffice zu machen und gleichzeitig die Kinder hier zu haben.“ Eine Notbetreuung aber, in der sie sich auch nicht erwünscht fühle, käme für sie auch nicht infrage. „Das Schreiben zur Betreuung war derart eindeutig formuliert, dass klar war: Hier sollten am besten gar keine Kinder kommen.“ Dabei wäre eine sensible Kommunikation so wichtig, findet Sarah. Das würde Eltern schon so viel Druck nehmen.

Erzieherin: Eltern legen teils unmögliches Verhalten an den Tag

Es gebe sie halt, die Eltern, die alles ausnutzen, sagt Katharina, Erzieherin in einer Kindertagesstätte. Sie wird bis zum 23. Dezember in der Kita arbeiten, ihre eigenen Kinder betreut gerade ihr Mann im Homeoffice. „Natürlich kennen wir unsere Pappenheimer. Aber das sind in der Regel Eltern, bei denen wir auch froh darüber sind, dass ihre Kinder von früh bis spät bei uns in der Einrichtung sind“, erzählt die Erzieherin. Die allermeisten Eltern versuchten Lösungen zu finden, um die Ansteckungsgefahr für alle zu reduzieren. Gerade einmal fünf Kinder zählt ihre Gruppe noch. „Viele Eltern sind wirklich verzweifelt. Wenn sie dann auch noch aus den Einrichtungen herauskomplimentiert werden, finde ich das unmöglich.“ Was Katharina, aber auch Mütter wie Marie ärgert: „Statt vernünftige Rahmenbedingungen zu schaffen, werden die Probleme einfach auf uns abgewälzt.“

„Was macht diese Krise nur mit uns?“

Was sind denn triftige Gründe für eine Notbetreuung? Diese Frage stellt sich auch Yasemin. Gerade hat sie ihr Medizinstudium beendet, ist aber noch zu Hause. Aus beruflichen Gründen hat sie kein Betreuungsproblem, „aber die Kinder wollten sich einfach auch von ihren Lehrern und Erziehern verabschieden. Auch das ist doch ein legitimer Grund, finde ich.“ Im ersten Lockdown war keine Zeit für Abschied. Die Kinder verließen die Klassenräume auf unbestimmte Zeit.

Die Trennung von Lehrerin und Mitschülern sollte diesmal etwas behutsamer laufen, deswegen gingen sie zu Wochenbeginn noch einmal in die Einrichtung. 21 Kinder saßen in der Klasse – sehr zum Ärger jener, die ihre Kinder bereits zu Hause betreuten. Der Whatsapp-Chat der Eltern eskalierte. „Was macht diese Krise nur mit uns?“, fragt sich Yasemin. Sie würde übrigens gerne arbeiten, als Ärztin. „Anfangen kann ich aber erst, wenn die Betreuung meiner Kinder gesichert ist“, sagt die 34-Jährige. Das wäre wohl erst im Frühjahr.

Der Artikel "„Hexenjagd“: Wie die Corona-Notbetreuung zum moralischen Dilemma für Eltern wird" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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