Coronavirus

Homeoffice, Maske, Lockdown-Exit: Wie Corona-Experten die Maßnahmen beurteilen

Bund und Länder verlängern die Corona-Maßnahmen vorerst bis Mitte Februar. Pandemieexperten aus Wissenschaft und Medizin begrüßen die Beschlüsse grundsätzlich – üben aber auch Kritik.
Deutschland bleibt bis Mitte Februar bundesweit im Lockdown. © picture alliance/dpa/dpa-Zentralbild

Das war zäh. Bis spät in den Abend hinein haben die Ministerpräsidenten und Bundesministerin Angela Merkel am Dienstag um die Regeln, Maßnahmen und Strategieziele zur Eindämmung der Coronavirusansteckungen in Deutschland gerungen. Nun ist entschieden: Die eigentlich bis Ende Januar befristete­n Maßnahmen sollen bis vorerst zum 14. Februar fortgesetzt – und in Teilen verschärft werden.

„Es ist hart, was wir jetzt den Menschen noch einmal zumuten müssen, aber das Vorsorgeprinzip hat für uns Vorrang, und dem müssen wir jetzt auch Rechnung tragen, und dem haben wir heute auch Rechnung getragen“, betonte Merkel nach den langen Beratungen am Dienstagabend. Experten aus Wissenschaft und Medizin sind sich weitgehend einig, dass die Beschlüsse bei der derzeitigen Infektionsdynamik das richtige Signal sind, es aber angesichts der Lage auch keinen Spielraum für Lockerungsdebatten gab. Kritik gibt es allerdings vor allem an der Zielsetzung und Begründung der Maßnahmen.

Weiter die Marke 50 als Ziel für Lockerungen

„Wichtig ist doch, dass wir schnell auf die 50 kommen, damit wir dann über Öffnungen reden können“, betonte Bundeskanzlerin Angela Merkel bei der Verkündung der Beschlüsse. Ziel ist es also nach wie vor, die Zahl der Neuinfektionen wieder unter diese Schwelle bezogen auf 100.000 Einwohner in sieben Tagen zu bringen. Aktuell liegt dieser sogenannte Inzidenzwert im Bundesdurchschnitt bei 130.

„Ich hoffe sehr, dass die Fallzahlen zügig sinken und dass wir dann mit Bedacht lockern“, sagte die Physikerin Viola Priesemann vom Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation gegenüber dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND). „Andernfalls riskieren wir es, den Erfolg zu verspielen.“ Sie hoffe auch sehr, dass die Fallzahlen dann so niedrig sind, dass danach spezifisch und gezielt lokale Ausbrüche eingedämmt werden könnten und es „überall sonst mehr Freiheiten“ geben könne als in den vergangenen Wochen.

Damit spielt Priesemann auch auf ein den Politikern von mehreren Wissenschaftlern um die Virologin Melanie Brinkmann vorgelegtes Strategiepapier an. Darin wird allerdings statt der Senkung der Fallzahlen auf unter 50 Neuinfektionen innerhalb einer Woche auf 100.000 Einwohner eine No-Covid-Zielsetzung gefordert: also einmal durch einen harten Lockdown die Infektionen so gut wie komplett ausbremsen – um dann wieder auf lokaler Ebene gezielt gegen mögliche Ausbrüche vorgehen zu können. Ein Strategiewechsel ist durch die Beschlüsse von Bund und Ländern aber nicht angedacht.

„Lockerungen“ nicht gleichzusetzen mit Normalität

„Nach unseren Analysen ist die von der Politik anvisierte Grenze der „50er-Inzidenz“ für Lockerungen zu hoch angesetzt“, sagt auch Thorsten Lehr, Professor für Klinische Pharmazie an der Universität des Saarlandes, der mit seinem Forscherteam einen „Covid-Simulator“ entwickelt, der das Infektionsgeschehen in Deutschland berechnet und Prognosen liefert.

„Während den Peak-Zeiten der ersten Welle der Pandemie lag in Deutschland in Sieben-Tages-Inzidenz unter 50″, erläuterte der Experte dem RND. „Unsere Berechnungen zeigen, dass in der zweiten Welle das System umgeschlagen ist bei einer Sieben-Tages-Inzidenz von etwa 20, was in etwa 2000 Fällen pro Tag entspricht.“ Weiterhin sei nicht kommuniziert worden, dass „Lockerungen“ nicht gleichzusetzen seien mit Normalität.

„Wir rechnen damit, dass bei einer erfolgreichen Umsetzung der beschlossenen Maßnahmen eine weitere Kontaktreduktion um 30 Prozent möglich ist“, prognostiziert Lehr. Das sei mindestens erforderlich, um die 50er-Inzidenz bis Mitte Februar zu erreichen. Es sei damit zu rechnen, dass das Ziel in den einzelnen Bundesländern unterschiedlich schnell erreicht werde. Je nach Ausgangslage könnten dem Experten zufolge könnte beispielsweise Bremen bis zu drei Wochen vor Sachsen den Zielwert erreicht haben.

Mehr Homeoffice, keine Schule, kaum Kontakte

„Nachgebessert wurden die Maßnahmen im Großen und Ganzen an den richtigen Stellen: Die vielen nach wie vor offenen Betriebe werden verpflichtet, wo immer möglich Homeoffice zu ermöglichen und ermutigt, wirklich alle Mitarbeiter nach Hause zu schicken, die für ihre Arbeit nicht zwingend vor Ort sein müssen“, sagte der Virologe und mit Sars-CoV-2 befasste Experte Marco Binder vom Deutschen Krebsforschungszentrum dem RND.

„Hierdurch entspannt sich nun hoffentlich einerseits die Situation in den Betrieben, wo bislang nach wie vor viele Menschen zusammenkommen, aber ebenso wichtig: auch die Situation in Bussen und Bahnen beim Weg zur Arbeit und zurück.“

Ein wirkliches Problem sieht Binder noch bei der Homeoffice-Regelung selbst. Die Formulierung sei sehr weich und ohne echte Verpflichtung. „Es ist für mich fraglich, wie viele Unternehmen ihre Mitarbeiter wirklich aktiv ermutigen werden, ins Homeoffice zu gehen, aber ebenso, wie viele Mitarbeiter dieses Angebot annehmen würden, ist doch die Arbeit aktuell eine der wenigen Möglichkeiten, überhaupt die eigenen vier Wände zu verlassen“, kritisiert der Virologe.

Auch Lehr begrüßt die Nachschärfung beim Thema Homeoffice, „da hier noch ein großes Potenzial zur Kontaktreduktion vorliegt, sowohl am Arbeitsplatz als auch beim Arbeitsweg“. Auch die Aussetzung der Präsenzpflicht für Schüler sei ein wichtiges Zeichen, da inzwischen viele Studien den positiven Effekt von Schulschließungen nachgewiesen hätten.

FFP2 und OP-Maske: Abschied vom Mund-Nasen-Schutz

Neu ist, dass bei Fahrten in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen künftig Alltagsmasken aus Stoff nicht mehr ausreichen. Es sollen medizinische Masken oder sogenannte FFP2-Masken vorgeschrieben werden. Virologe Binder begrüßt den verpflichtenden Einsatz von medizinischen Masken im ÖPNV, Geschäften und Altersheimen, „wenn auch die Verfügbarkeit der Masken und die finanzielle Belastung von sozial schwächeren Bürgerinnen und Bürgern bedacht werden muss“. Es sei nachgewiesen, dass die Qualität der Schutzmaske einen Beitrag bei der Virenübertragung spielt.

Dem Epidemiologen Alexander Kekulé vom Universitätsklinikum Halle zufolge spricht für die FFP2-Maske zwar eine höhere Infektionssicherheit. Allerdings seien diese schwieriger anwendbar – etwa wegen kürzerer zu empfehlender Tragedauer, wenn sie – etwa wegen eines Barts – undicht sitzt oder sich Feuchtigkeit bildet. Aber auch manche Alltagsmasken seien konstruktionsbedingt undicht, zudem würden diese öfters „Nase frei“ getragen, räumt Kekulé ein.

„Andererseits waren in Studien viele Alltagsmasken genauso gut wie OP-Masken, teilweise sogar so gut wie FFP2″, erläuterte Kekulé dem RND. „In Asien sind viele Länder erfolgreich mit Alltagsmasken.“ Seines Wissens gebe es kein Land, in dem OP-Masken vorgeschrieben wurden. „Jetzt stellt sich die Frage, wie die Menschen reagieren werden, die sich mit ihrer selbst genähten Alltagsmaske ‚angefreundet‘ haben. Es ist nicht auszuschließen, dass dadurch ein weiterer Teil der Bevölkerung zu den Maßnahmen auf Distanz geht“, fürchtet der Experte.

Begründung für Verschärfungen: Die Mutationen

„Jetzt ist die Zeit, um der Gefahr, die in diesem mutierten Virus steckt, vorzubeugen. Es geht also um Vorsorge“, begründete Merkel die Beschlüsse. Die neuen Virusvarianten aus Großbritannien und Südafrika machten exakte Vorhersagen zum Pandemieverlauf gerade wirklich schwierig, sagt der Mathematiker Jan Fuhrmann, der am Forschungszentrum Jülich Modelle zu Lockdown-Szenarien errechnet. Da die Datenlage zu den neuen Virusvarianten „noch sehr lückenhaft“ sei, sei es umso schwieriger abzusehen, wie wirksam die Kontakteinschränkungen sein müssen, um die Ausbreitung der britischen Variante B.1.1.7. einzudämmen.

„Klar ist nur: Falls sie wirklich deutlich leichter übertragbar ist, wird ihre Ausbreitung sicher nicht gebremst werden, wenn die Kontaktbeschränkungen nicht einmal für die Eindämmung der vorherigen Variante reichen“, sagte Fuhrmann dem RND.

Besonders bedenklich sei die Situation der Lockerung, wenn sich die Eigenschaften der B1.1.7-Mutante bewahrheiten sollten und diese sich in Deutschland weiter ausbreitet, fürchtet hingegen Experte Lehr. „Dann zeigen unsere Simulationen, dass selbst leichte Lockerungen zu einem rasanten Wiederanstieg der Infektionen führen. Wir müssen daher weiter mit angezogener Handbremse fahren, bis ausreichend Impfstoff verimpft wurde.“

Hilft der verschärfte Lockdown den Kliniken?

Alles, was die Kontakte zwischen vielen Menschen aktuell minimiert, könne aus Sicht des Mediziners derzeit nur begrüßt werden, sagt Gernot Marx, Vorsitzender der Interdisziplinären Vereinigung der Intensiv- und Notfallmedizin (Divi). „Unsere Intensivstationen sind voll, und auch wenn wir gerade einen ersten leichten Rückgang der Covid-19-Patienten in ganz Deutschland sehen, liegen immer noch 5000 auf den Stationen“, berichtete der Aachener Mediziner dem RND.

„Wir werden mindestens bis Ende Februar oder Anfang März benötigen, wenn die Maßnahmen wie jetzt zu beobachten greifen, um die Patientenzahl auf den Hochpunkt der ersten Welle zu drücken – knapp unter 3000.“ Das zeigten die Prognosemodelle sehr deutlich.

Es gebe derzeit nur zwei Möglichkeiten zur Bekämpfung: Inzidenzzahlen runter – und so schnell impfen wie möglich. „Mitte Februar wird aus unserer Sicht nicht ausreichen, um von den hohen Inzidenzzahlen herunterzukommen“, betont Marx. „Da sollten wir uns keine Illusion machen. Wir werden nicht Mitte Februar wieder die Innenstädte öffnen oder im Restaurant sitzen.“ Immerhin sei davon auszugehen, dass die Menschen in Alten- und Pflegeheimen bis Ende Februar weitestgehend geimpft sind.

Appell für einheitliche Beschlüsse mit klaren Regeln für alle in ganz Deutschland

Allerdings sei für eine höhere Impfgeschwindigkeit mehr Pragmatismus nötig. „Wenn ich höre, dass am Abend in einem Impfzentrum das so kostbare Impfserum weggeworfen wird, statt es der ansässigen Polizei oder Feuerwehr zu impfen, weil das eine willkürliche Auswahl von Impflingen wäre, dann werde ich richtig wütend“, berichtet Marx.

„Wir hoffen und appellieren vor allem, einheitliche Beschlüsse mit klaren Regeln für alle in ganz Deutschland zu verabreden“, fordert Marx. Es sei etwa für die intensivmedizinischen Patienten aus Sachsen um die Weihnachtszeit herum ein großes Glück gewesen, dass die Fallzahlen im Norden deutlich niedriger waren – so hätten viele Patienten aus dem Osten für die Behandlung in den Norden verlegt werden können. „Wir alle müssen gemeinsam und zusammen die Zahlen drücken“, forderte Marx eindringlich auf. „Damit wir Intensivmediziner, falls die Mutante dann kommt, auch alle Patienten gut versorgen können. „

Wieso verschärfen, wenn Inzidenzen bereits fallen?

Nach einem starken Anstieg der Fallzahlen Anfang Dezember, einem Rückgang während der Feiertage und einem erneuten Anstieg in der ersten Januarwoche „sinken die Fallzahlen in den meisten Bundesländern (jedoch nicht allen) nun leicht“, heißt es im Situationsbericht des Robert-Koch-Instituts (RKI) vom Dienstag (19. Januar).

Ein positives Anzeichen für die Wirksamkeit der bereits seit Mitte Dezember verschärften Beschlüsse meldete auch der Verband Akkreditierte Labore in der Medizin. Er teilte am Dienstag mit, dass der Anteil positiver Corona-Tests in der vergangenen Woche gesunken sei. Wenn die Infektionsdynamik also bereits dabei ist, abgebremst zu werden – wieso braucht es da trotzdem verschärfte Maßnahmen?

Laut Mathematiker Fuhrmann sei klar, dass derzeit wirklich keine Zeit für Lockerungen sei. „Wir hatten ja bereits im November davor gewarnt, dass selbst bei kurzfristigem Erreichen niedriger Inzidenzen keine Entwarnung gegeben werden kann“, sagte Fuhrmann gegenüber dem RND. „Dies gilt nun angesichts einer teils angespannten Situation bei den Intensivbetten – auf Kreisebene liegt Anzahl der freien Betten vielerorts unter 10 Prozent – und den nur schwer einzustufenden neuen Virusmutationen natürlich umso mehr.“

Wie wirksam die einzelnen Maßnahmen in den kommenden Wochen für sich sind, ist Datenkennern zufolge nur schwer abzuschätzen. „Das hängt zum einen damit zusammen, dass wir nicht genau wissen, wo und wann die Mehrzahl der Ansteckungen stattfindet“, erklärt Fuhrmann. Die Studienlage hierzu sei bestenfalls uneindeutig, schlimmstenfalls widersprüchlich.

Zudem hänge die Wirksamkeit auch der effektivsten Maßnahmen immer von der Umsetzung ab. Krankenhauspersonal sei im Homeoffice zum Beispiel nur schwer vorstellbar. Einige Regeln könnten auch nicht akzeptiert werden und führten „womöglich zur Verlagerung von Kontakten in alternative Bereiche, in denen die Ansteckungsgefahr vielleicht sogar noch höher ist als zuvor“, fürchtet Fuhrmann.

Schulen öffnen – mit mehr Schnelltests?

Sollte das Ziel der niedrigen Inzidenz erreicht sein, kann Experten zufolge nicht einfach alles sofort wieder öffnen. Binder sieht allerdings „sehr großes Potenzial für gute und sehr einfach verfügbare Schnelltests.“ Etwa verpflichtend in größeren Betrieben, für jedermann in der Apotheke oder irgendwann vielleicht sogar für die Selbstanwendung zu Hause.

„Nur so können wir das ‚dunkle Infektionsgeschehen‘ in den Griff bekommen, also jene ahnungslos Infizierten finden und idealerweise isolieren, die uns bislang entgehen, die aber für die große Anzahl an Fällen verantwortlich sein dürften, bei denen es den Angesteckten und den Gesundheitsämtern schleierhaft bleibt, woher die Infektion rührt“, erklärt der Virologe.

Auch Alexander Kekulé befürwortet einen umfangreicheren Einsatz von Schnelltests, wenn sonstige Konzepte nicht greifen. „Kitas und Grundschulen können nur dann geöffnet werden, wenn diese engmaschig überwacht werden“, sagt der Wissenschaftler. Er schlägt vor, dort zweimal die Woche zu testen und das Abwasser auf Virenspuren zu kontrollieren. „Falls sich dabei herausstellt, dass es doch häufiger Ausbrüche gibt, müssen diese geschlossen werden.“

Besser kommunizieren und motivieren

Die beschlossene Verlängerung des Lockdowns sei grundsätzlich sinnvoll, so Kekulé. „Allerdings erkenne ich nicht, auf welcher Basis das bereits jetzt bis zum 15. Februar festgelegt wurde.“ Es sei zumindest nicht auszuschließen, dass bereits vorher eine Phase erreicht werde, in der man auf ein kontinuierliches Kontrollkonzept übergehen könne. Es könne auch sein, dass die jetzt beschlossenen Maßnahmen vorher noch einmal nachgebessert werden müssen.

„Ich vermisse Ansätze, mit denen die Bevölkerung – also wir alle – auf positive Weise motiviert werden, aktiv an der Bekämpfung und dem Zurückdrängen des Virus mitzuwirken“, sagt dazu Virologe Binder. Wenn es gelänge, dass die große Mehrzahl – und zwar in allen Bevölkerungsschichten – noch einmal richtig mit anpackt und alles umsetzt, was es auch bislang schon als Vorgaben und Empfehlungen gebe, könne es wirklich gelingen, das Coronavirus bis Februar massiv zu bremsen und die Fallzahlen drastisch zu senken.

„Hier brauchen wir mehr optimistische Aufbruchsstimmung“, so der Experte. „Und zu guter Letzt müssen wir besser erklären, wie es nach dem Erreichen des Ziels weitergehen soll, ohne dass die Zahlen sofort nach den ersten Lockerungen wieder in die Höhe schnellen.“

RND

Der Artikel "Homeoffice, Maske, Lockdown-Exit: Wie Corona-Experten die Maßnahmen beurteilen" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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