Immer mehr Fälle von „Schulhof-Kinderpornografie“

Fälle von sexueller Gewalt gegen Kinder erschüttern immer wieder. Doch strafrechtlich relevant sind auch weniger drastische Taten. Hierbei sind die Verdächtigen oft selbst noch minderjährig.
Bei Kinderporngrafie ermittelt die Polizei immer öfter auch gegen Minderjährige. © picture alliance/dpa

Plötzlich klingelt die Polizei an der Tür. Der Vorwurf: Verbreitung von Kinderpornografie. Unter Verdacht: der Vater, auf ihn läuft der Internetanschluss. Doch dann stellt sich heraus: Der 15-jährige Sohn hat in einer Chatgruppe das Bild weitergeleitet, auf dem ein Mann ein kleines Mädchen vergewaltigt.

Es sind Fälle wie diese, die die Polizei zunehmend beschäftigen. Volker Olbrisch, Leiter der Ermittlungsgruppe Kinderpornografie beim Polizeipräsidium Offenburg, schilderte am Freitag eindrücklich die Konsequenzen: „Oftmals müssen wir beruhigend auf die Menschen einwirken.“ Die Beamten beschlagnahmen sämtliche Geräte wie Laptops und Smartphones – zu Homeschooling-Zeiten führt das zu weiteren Problemen. Die Verdächtigen werden dann auf dem Präsidium vernommen. Ganz zu schweigen vom Ruf in der Nachbarschaft.

Schadenersatzforderungen und Einträge ins Führungszeugnis

Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung kinderpornografischer Bilder oder Videos sind strafbar und können auch mit Freiheitsstrafen geahndet werden, wie die Leiterin des Referats Prävention, Susanne Steudten, deutlich machte. Kinder und Jugendliche, aber auch Eltern müssten sich über mögliche Konsequenzen wie Schadenersatzforderungen und Einträge ins Führungszeugnis im Klaren sein.

Etwa drei von vier Kinderpornografie-Fällen im Zuständigkeitsbereich der Offenburger Polizei gingen auf „Schulhof-Kinderpornografie“ zurück, sagte Olbrisch. Ein wachsendes Problem, bestätigen das Innenministerium und der Opferschutzverein Weißer Ring in Baden-Württemberg. Oft seien sich die Verbreiter der strafrechtlichen Relevanz nicht bewusst, erklärte ein Ministeriumssprecher. Aus Sicht des Präventionsbeauftragten des Weißen Rings, Günther Bubenitschek, fehlt es an Aufklärung: Viele wüssten schon nicht, dass Whatsapp gemäß Nutzungsbedingungen erst ab 16 Jahren erlaubt sei.

Und das Weiterleiten sei kein Kavaliersdelikt, mahnte der Leiter der Kriminaldirektion, Wolfgang Jaeger. „Das hat nichts damit zu tun, dass ich mal einen Lippenstift klaue.“ Schon die Nacktaufnahme einer 13-Jährigen, die das Mädchen als vermeintlichen Liebesbeweis an ihren Freund schickt, gelte nach dem Gesetz als Kinderpornografie. Kinder und Jugendliche verbreiteten solche oder schlimmere Bilder, weil sie das cool fänden oder als Mutprobe, sagte Jaeger.

Die Polizeiliche Kriminalstatistik (PKS) erfasst Zahlen insgesamt, also nicht nur Fälle von „Schulhof-Kinderpornografie“. 9239 Straftaten gegen die sexuelle Selbstbestimmung listet die PKS für das vergangene Jahr in Baden-Württemberg auf. Darunter waren 2416 Mal Verbreitung, Erwerb, Besitz oder Herstellung von Kinderpornografie.

Die Dunkelziffer ist nach Expertenmeinung riesig

Die Zahlen steigen ebenso wie die der Tatverdächtigen seit Jahren auf mehrere Tausend. Dabei ist die Dunkelziffer nach Einschätzung von Experten riesig. „Die PKS kann nur eine Annäherung an die Wahrheit sein“, sagte Bubenitschek der Deutschen Presse-Agentur.

Der Anstieg sei insbesondere auf die seit Jahren zunehmende Zahl von Verdachtsmeldungen der US-amerikanischen Nichtregierungsorganisation National Center for Missing and Exploited Children (NCMEC/auf Deutsch: Nationales Zentrum für vermisste und ausgebeutete Kinder) zurückzuführen, erklärten die Polizei und das Ministerium. Diese leite Hinweise zu Kinder- und Jugendpornografie mit Bezug nach Deutschland an die hiesigen Strafverfolgungsbehörden weiter.

Wenn Chatgruppen auffliegen, in denen Videos oder Fotos von sexueller Gewalt an Kindern verbreitet werden, ermittle die Polizei gegen alle Mitglieder. „Dies hat innerhalb kürzester Zeit eine hohe Anzahl von Tatverdächtigen zur Folge“, erklärte der Ministeriumssprecher.

Da es in der digitalen Welt keine regionalen Grenzen gibt, führten die Ermittlungen nicht selten zu einer Vielzahl von bundesweit oder gar international vernetzten Tatverdächtigen – und eben auch nach Baden-Württemberg. „Solch umfangreiche Missbrauchsfälle, wie sie in Münster, Lügde und Bergisch-Gladbach zu Tage traten, verdeutlichen die möglichen Dimensionen derartiger Täternetzwerke eindrücklich.“

Im Kampf gegen Kinder- und Jugendpornografie hat die Polizei in Baden-Württemberg sowohl beim Landeskriminalamt als auch bei jedem der 13 Polizeipräsidien spezielle Ermittler. Für die technische Aufrüstung hat das Land laut Ministerium im vergangenen Jahr rund drei Millionen Euro ausgegeben. Speziell für die Bekämpfung der Kinderpornografie floss eine weitere Million in ein Sonderprogramm.

Mehr Aufklärung gefordert

Aus Sicht von Bubenitschek vom Weißen Ring „sind wir auf einem guten Weg“. In den vergangenen Jahren habe sich viel getan, was zum Beispiel die Rechtslage angeht. Vergangene Woche billigte der Bundesrat ein Gesetz, wonach Kindesmissbrauch künftig auch rechtlich als Verbrechen gilt. Wer Kinder sexuell misshandelt oder Aufzeichnungen solcher Inhalte beschafft, verbreitet oder auch nur besitzt, soll mit mindestens einem Jahr Gefängnis bestraft werden.

Ab Februar 2022 sind zudem Anbieter sozialer Netzwerke in Deutschland verpflichtet, Behörden strafbare Inhalte wie Kinderpornografie zu melden. Das Ministerium rechnet mit deutlich steigenden Fallzahlen.

Bubenitschek fordert mehr Aufklärung – auch von Eltern und Lehrern, die Kinder im Umgang mit Medien schulen. Die Polizei hat mehrere Präventionsmaßnahmen, um Kinder und Jugendliche im Umgang mit oftmals selbst angefertigten Inhalten zu sensibilisieren.

Auch der Kinderschutzbund Baden-Württemberg fordert eine bessere Präventionsarbeit. „Es ist wichtig, dass überall dort, wo Kinder leben, lernen, betreut und gefördert werden, sie über ihre Rechte aufgeklärt werden und sich Erwachsene aktiv für ihren Schutz einsetzen“, erklärte Geschäftsführerin Julia Wahnschaffe.

Große Defizite im ländlichen Raum

Für Opfer von Kindesmissbrauch und -pornografie sollten auch mehr Beratungs- und Therapieangebote geschaffen werden. Große Defizite gibt es Wahnschaffe zufolge vor allem im ländlichen Raum. Kinderschutzzentren und Beratungsstellen gegen sexualisierte Gewalt im Südwesten seien seit Jahren unterfinanziert. Bubenitschek nennt die sogenannten Childhood-Häuser als gute Anlaufstelle für Kinder, die körperliche oder sexualisierte Gewalt erlebt haben. Eines gibt es in Heidelberg, ein zweites im Südwesten sei in Offenburg geplant.

RND

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