Impfung

Impfabstand bei Astrazeneca verkürzen? Was das für die Wirksamkeit des Impfstoffes bedeutet

Bund und Länder haben beschlossen, dass der Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung mit Astrazeneca verkürzt werden kann. Studien legen aber nahe, dass dann die Wirksamkeit geringer ausfällt.
Die größte Wirksamkeit zeigt der Corona-Impfstoff von Astrazeneca, wenn zwischen der Erst- und Zweitimpfung zwölf Wochen vergehen. © picture alliance/dpa/Lehtikuva

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) und die Gesundheitsminister der Länder haben sich am Donnerstag auf einen neuen Umgang mit dem Corona-Impfstoff von Astrazeneca geeinigt. AZD1222 soll in den Arztpraxen ab sofort für alle Impfwilligen zur Verfügung stehen – ohne Priorisierung nach Alter, Vorerkrankung oder Berufsgruppe. Zudem wird es den Hausärzten freigestellt, in Absprache mit ihren Patienten den Abstand zwischen der Erst- und Zweitimpfung innerhalb eines Zeitraumes von vier bis zwölf Wochen festzulegen.

Die Ständige Impfkommission (Stiko) empfiehlt aktuell, mit dem Vektorvakzin des britisch-schwedischen Pharmakonzerns primär Menschen über 60 Jahre zu impfen – mit einem zeitlichen Abstand von zwölf Wochen zwischen der ersten und zweiten Impfdosis. So sei „sowohl eine sehr gute individuelle Schutzwirkung als auch ein größerer Effekt der Impfung auf Bevölkerungsebene zu erzielen“, schrieb das Expertengremium, das am Robert Koch-Institut angesiedelt ist, Ende April im Epidemiologischen Bulletin (16/2021). Wird das Zeitintervall zwischen Erst- und Zweitimpfung verkürzt, könnte das die Wirksamkeit des Vakzins reduzieren, warnen führende Impfstoffexperten.

Je kürzer der Impfabstand, desto geringer die Wirksamkeit

„Studien haben klar gezeigt, dass die Effektivität bei einem Abstand von weniger als sechs Wochen nur 55 Prozent beträgt und erst bei einem Abstand von zwölf Wochen bei über 80 Prozent liegt!“, machte Prof. Carsten Watzl, Generalsekretär der Deutschen Gesellschaft für Immunologie, gegenüber dem Science Media Center deutlich. „Daher muss man den Menschen klar sagen: Wenn Sie Ihren Impfabstand bei Astrazeneca verkürzen, um damit schneller in den Genuss von Lockerungen zu kommen, machen Sie das auf Kosten Ihres Immunschutzes!“

Die Einschätzung des Immunologen basiert auf einer Analyse der Universität Oxford, die Mitte Februar im Fachmagazin „The Lancet“ erschienen ist. Sie umfasst Daten aus den klinischen Studien des Astrazeneca-Impfstoffes, die in Großbritannien, Brasilien und Südafrika durchgeführt wurden. Die Oxford-Forscher stellten fest, dass die Wirksamkeit des Vektorvakzins je nach Dosisintervall variiert.

Phase-3-Studie: 76-prozentige Wirksamkeit bei vierwöchigem Impfintervall

Prof. Anke Huckriede, Professorin für Vakzinologie am niederländischen Institut für Medizinische Mikrobiologie der Universität Groningen, verweist dagegen auf Daten einer Phase-3-Studie aus den USA. Diese deuten darauf hin, dass ein kürzeres Zeitintervall die Wirksamkeit des Astrazeneca-Impfstoffes nur geringfügig reduziert. Bei einem vierwöchigen Abstand zwischen Erst- und Zweitimpfung lag der Schutz gegen eine symptomatische Covid-19-Erkrankung bei rund 76 Prozent.

„Auf Basis dieser gut ausgeführten Studie gibt es also Hinweise dafür, dass es nicht nachteilig sein muss, das Intervall zu verkürzen“, sagte Huckriede. Sie weist jedoch darauf hin, dass die Daten seit März noch nicht publiziert wurden – das heißt, sie wurden noch nicht von unabhängigen Experten begutachtet.

„Meine derzeitige Einschätzung ist, dass die Verkürzung keinen großen Einfluss auf die Wirksamkeit haben wird“, so Huckriede weiter. „Ich erwarte allerdings auch keinen Effekt auf die Eindämmung der Pandemie, da der Impfschutz schon nach einer Impfung sehr gut ist, zumindest für den untersuchten Zeitraum von zwölf Wochen.“

Mit kürzeren Impfabständen nimmt die Zahl der Erstimpfungen ab

Der Immunologe Prof. Watzl meint hingegen, dass die Verkürzung der Impfabstände für die Impfstrategie „der falsche Schritt“ ist. „Damit bekommen weniger Personen einen frühen Immunschutz durch die erste Impfung“, sagte er. „Und gerade jetzt müssen wir noch viele Personen mit Vorerkrankungen durch eine Impfung schützen, um die Folgen der dritten Welle abzumildern. Im Sommer haben wir genügend Zeit, uns um die Zweitimpfungen zu kümmern, die natürlich absolut notwendig sind.“

Ähnlich argumentiert auch SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach. Auf Twitter schrieb er: „Epidemiologisch wäre ein anderes Vorgehen sinnvoller gewesen. Durch frühe Astrazeneca-Zweitimpfung fehlen nötige Erstimpfungen und der endgültige Astrazeneca-Impfschutz sinkt ab, was für Mutationen im Herbst kein Vorteil ist.“

Bisher haben in Deutschland mehr als 6,4 Millionen Menschen eine erste Impfdosis des Vektorimpfstoffes erhalten. Knapp 122.000 Bürger wurden mit AZD1222 vollständig immunisiert. Wird der Impfabstand verkürzt und die Priorisierung für das Vakzin aufgehoben, erreiche man vor allem junge Menschen, merkte Prof. Christian Bogdan an.

Der Direktor des Mikrobiologischen Instituts – Klinische Mikrobiologie, Immunologie und Hygiene am Universitätsklinikum Erlangen mahnte: „Wichtig wird sein, dass durch eine solche Strategie nicht die zahlreichen gefährdeten Menschen, die bisher noch nicht geimpft sind – unter anderem 20 Prozent der über 80-Jährigen, 46 Prozent der 70- bis 79-Jährigen und 69 Prozent der 60- bis 69-Jährigen –, ohne zeitnahes Impfangebot bleiben.“

Der Artikel "Impfabstand bei Astrazeneca verkürzen? Was das für die Wirksamkeit des Impfstoffes bedeutet" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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