Coronavirus

Intensivstation unter Druck: „Haben keine Kapazitäten für kritisch kranke Patienten“

3770 Covid-Patienten müssen aktuell auf Intensivstationen behandelt werden, Tendenz weiter steigend. Ein Stationsleiter erklärt im Interview, wie angespannt die Lage inzwischen ist.
Immer mehr Corona-Patienten müssen auf Intensivstationen behandelt werden. © picture alliance/dpa

Mehr als 3700 Covid-Patienten müssen inzwischen auf Intensivstationen in Deutschland behandelt werden – Tendenz weiter steigend. In der Karl-Hansen-Klinik, einem auf Covid-Patienten spezialisierten Krankenhaus im ostwestfälischen Bad Lippspringe, war Intensivpfleger Niclas Frie bei einer Reportage vor zwei Wochen noch zuversichtlich, dass sich die Zustände aus der ersten Welle für ihn und seine Kolleginnen und Kollegen nicht wiederholen.

Damals, im Frühjahr, behandelten sie mehr als 200 Covid-Kranke – und gingen dabei oft bis an die Grenzen der eigenen Kräfte. Die nächsten zwei Wochen, so prophezeite der 32-Jährige, Leiter einer hochmodernen High-Care-Intensivstation mit 16 Betten, würden zeigen, welchen Verlauf die Pandemie auf ihrer Station nimmt. Jetzt sind die zwei Wochen um – Zeit also für eine Nachfrage.

Herr Frie, vor zwei Wochen hatten Sie gesagt, die nächsten 14 Tage würden für die Situation auf der Intensivstation entscheidend. Wie ist die Lage jetzt?

Es hat sich sehr verschärft. Damals waren 20 Prozent der Patienten auf unserer High-Intensive-Care-Unit covid-positiv. Jetzt sind es 60 Prozent. Patienten zwischen Mitte 40 und Mitte 70, alle mit kritischen Verläufen. Alle sind an die ECMO angeschlossen …

… das Gerät, das bei akutem Lungenversagen das Blut des Patienten außerhalb des Körpers mit Sauerstoff versorgt …

… und einige sind zusätzlich dialysepflichtig. Das ist schon heftig – und von den Zahlen ungefähr wie im Frühjahr.

Was heißt das für Sie und ihre Kolleginnen und Kollegen?

Die körperliche Belastung ist einfach sehr hoch. Das sind ja alles Patienten, die nicht nur ein bisschen Intensivüberwachung brauchen, sondern das volle Programm. Wenn Sie in der Nachtschicht zum Beispiel vier Patienten haben, die in Bauchlage liegen und morgens zur gleichen Zeit gedreht werden müssen, mit all den Schläuchen, dann muss das gut koordiniert sein und ist dennoch sehr anstrengend.

Und psychisch?

Dass man alles gibt und versucht und dann dennoch auch mal jemand auf der Intensivstation verstirbt, das kennen wir, das gehört zu unserer Arbeit. Man kann nicht jeden retten. Aber das ist jetzt schon eine Ausnahmesituation. Wir hatten Kollegen, die sich auch schon krankmelden mussten, einfach aus Überlastung.

Die Patientenzahl ist bei Ihnen überdurchschnittlich schnell und stark gestiegen. Woran liegt das?

Viele der Patienten sind aus der Uniklinik Essen zu uns verlegt worden, weil die Klinik dort wiederum Patienten aus den Benelux-Ländern aufgenommen hat. Vor allem die Kliniken in Belgien waren ja bereits überlastet.

Wie weit reichen denn Ihre Kapazitäten noch?

Wir haben im Moment keine Kapazitäten mehr für kritisch kranke Patienten. Wir haben zwar noch zwei freie Betten, aber uns gehen die Geräte aus. Unsere sieben ECMOs sind jetzt alle im Einsatz.

Das heißt, Sie müssten Patienten abweisen?

Wir müssten jetzt beim Hersteller um ein Leihgerät bitten. Das bekommen wir auch normalerweise binnen einiger Stunden. Aber es ist eben nicht mehr so, dass wir im Vorhinein ein Gerät ordern können und dann schon da haben. Wir brauchen jetzt Vorlauf.

Die Patientenzahlen auf den Intensivstationen steigen, der Druck wird eher noch größer. Wie lange halten Sie und Ihre Kolleginnen und Kollegen das durch?

Uns steckt allen noch immer die erste Welle in den Knochen. Im Moment haben wir hier so eine Wir-schaffen-das-Stimmung. Jeder ist motiviert, dass wir das hinbekommen. Aber zum Anfang des Jahres brauchen wir eine spürbare Entlastung. So lange wird es noch gehen, aber spätestens dann brauchen wir eine Perspektive, dass der Druck weniger wird.

Wenn Sie der Politik für ihre Beratungen über die Corona-Maßnahmen etwas auf den Weg geben sollten: Was wäre das?

Ich glaube, dass es jetzt vor allem an den Menschen selbst liegt. Manchmal würde ich gerne jeden Leugner oder Verharmloser mit auf Station nehmen, durch das Fenster in ein Zimmer schauen lassen und sagen: In zwei Wochen könntest Du selbst hier liegen! Vielleicht würde das manchem klar machen, worum es gerade geht. Ein abgespecktes Weihnachten jedenfalls sollte wirklich nicht das Problem sein.

Und wirklich nichts an die Politik?

Die Politik sehe ich vor allem in der Pflicht, unser Gesundheitssystem auf stabile Beine zu stellen, so dass es für die Zukunft gerüstet ist. Manchmal befürchte ich, dass diese Pandemie gerade die Menschen in der Pflege so sehr strapaziert, dass keiner mehr hier arbeiten möchte. Das darf einfach nicht passieren.

RND

Der Artikel "Intensivstation unter Druck: „Haben keine Kapazitäten für kritisch kranke Patienten“" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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