Neue Studie: Wo stecken sich die Menschen mit dem Coronavirus an?

Die Universität Düsseldorf und das Gesundheitsamt kooperieren, um herauszufinden, wo sich Corona-Infizierte angesteckt haben. Verfolgungsketten konnten an zwei Orten ausgemacht werden.
Eine neue Studie zeigt, wo sich die Menschen am häufigsten mit dem Coronavirus infizieren. © dpa

Im Supermarkt, im Büro, im eigenen Haushalt? Die Frage nach dem „Wo“ ist während der Corona-Pandemie eine der wichtigsten. Denn zu wissen, wo es zu den meisten Ansteckungen mit dem Virus kommt, könnte Infektionsherde vermeiden. Positiv Getestete müssen dem Gesundheitsamt mitteilen, wen sie in den vergangenen sieben bis zehn Tagen getroffen haben – doch, so viel steht nach 15 Monaten Pandemie fest, die meisten Orte des Geschehens bleiben unklar.

Um der Frage nach dem „Wo“ genauer auf den Grund zu gehen, begannen Forscher der Universität Düsseldorf und des Gesundheitsamts der Stadt im Sommer vergangenen Jahres eine Kooperation. „Echtzeit-Sequenzierung“ heißt das Zauberwort, um den Ursprung einer Infektion und mögliche Cluster genauer zu identifizieren.

So funktioniert die Nachverfolgung via Cluster

In einem Beispiel wird deutlich, wie die Nachverfolgung via Cluster funktioniert. In einem Altenheim infizierte sich eine große Gruppe vollständig geimpfter Bewohner mit dem Coronavirus. Die Diagnose erhielt die Gruppe aber erst, als ein Bewohner aufgrund einer anderen Ursache in ein Krankenhaus eingeliefert wurde und dort ein Corona-Test durchgeführt wurde. Daraufhin wurden auch die anderen Heimbewohner und Mitarbeiter getestet.

Es stellte sich aufgrund der sequenzierten Virenstämme heraus, dass sie sich alle bei einer ungeimpften Pflegekraft angesteckt haben. Die Geimpften selbst dürften das Virus, so geht aus den Daten bisher hervor, nicht übertragen haben.

Lutz Ehlkes, verantwortlich für die Kontaktpersonennachverfolgung beim Gesundheitsamt in Düsseldorf, erklärt gegenüber der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ (FAZ) einen häufig auftretenden Fall: Eine Person lebt allein, arbeitet im Homeoffice und war in der letzten Zeit nur beim Tanken und Einkaufen. Die Ergebnisse zeigen, dass es in einigen Fällen möglicherweise zu Ansteckungen in Supermärkten kam. Denn in zwei der analysierten Cluster gab es außer dem gleichzeitigen Einkauf in demselben Supermarkt keine Verbindung zwischen den infizierten Personen, so Ehlkes.

Übertragungsperson nicht ermittelt

Entweder steckte ein Mitarbeiter beide an oder es kam zur Übertragung – ermittelt wurde eine mögliche Übertragungsperson jedoch nicht. Ehlkes macht auf Kassierer aufmerksam, die hinter Plexiglaswänden keine Maske tragen, was laut der meisten Landesverordnungen auch zulässig ist. Der Kontaktverfolgungsexperte appelliert daher erneut: „Sitzt die Maske beim Gegenüber nicht richtig, haben Aerosole so freie Bahn.“

Vorhandene Clusterdaten konnten in einem anderen Fall zwei Infizierte verbinden – nach einem Besuch eines Testzentrums. Hier stellte sich heraus, dass auch ein Mitarbeiter im Testzentrum an Corona erkrankt war. Der Mitarbeiter hatte trotz Corona-Symptomen gearbeitet – und dabei wohl die zwei anderen Personen infiziert.

Überblick über die genetische Struktur

„Ziel dieses Projekts ist es, einen kontinuierlich aktualisierten Überblick über die genetische Struktur von Sars-CoV-2 in und um Düsseldorf zu geben“, heißt es auf der Projekthomepage. In einem Labor werden dafür „wöchentlich 20 bis 30 positive Sars-Cov-2-Proben ausgewählt und die viralen Genome der Isolate nachgewiesen“. Das Projekt basiert auf der Grundlage, dass sich das Erbgut des Virus mit der Zeit verändert.

Alexander Dilthey, Professor für Bioinformatik an der Universität Düsseldorf, erklärt gegenüber der „FAZ“, dass sich das Genom des Erregers mit einem Barcode vergleichen lässt. Stecken sich zwei Personen an, ist der Barcode nahezu identisch, womit feststeht, dass zwischen ihnen die Infektion stattfand. Wird das Virus aber weiter übertragen, stellen sich Veränderungen ein.

„Die meisten Mutationen innerhalb des Erbgutes eines Virus haben keine funktionale Bedeutung, sie sind nicht ansteckender oder gefährlicher“, erklärt Dilthey. Weiter komme „alle zwei bis vier Wochen ein neuer Strich in die Übertragungskette“, so Dilthey. Die Universität hat anonymisierte Cluster veröffentlicht, insgesamt 3818 Proben sind derzeit in der Datenbank vorhanden (Stand: 19. Mai).

So arbeiten die Forscher mit den Clusterdaten

Ehlkes erklärt, wie die Forscher mit den Clusterdaten arbeiten: Jeden Morgen öffnen die Mitarbeiter im Gesundheitsamt zunächst die Daten, „hängen Fälle zusammen, versuchen wir mithilfe von Befragungen und erhobenen Daten die Zusammenhänge über den Ausbruchsort aufzudecken“, so Ehlkes.

Mithilfe der Zahlenreihen könne im Gesundheitsamt die Zuordnung zu den Personendaten erfolgen. Wenn Nachnamen gleich sein, ließen sich Cluster leicht erkennen. Häufiger schon entdeckten die Mitarbeiter, dass es in Großfamilien zu Ansteckungen kam.

Zusammenarbeit mit Gesundheitsamt läuft mittlerweile schneller

Mittlerweile funktioniert die Zusammenarbeit zwischen Gesundheitsamt und Universität deutlich schneller. Erst liefern binnen 24 Stunden die Labore die anonymisierten Proben der positiv getesteten Fälle, die jeweils mit Zahlenfolgen versehen sind. Weitere 24 Stunden später werden die Sequenzierungsdaten mit den Zahlenfolgen gekoppelt auf einer Internetplattform hochgeladen. In einzelnen Fällen intervenierten in der Folge Gesundheits- und Ordnungsamt.

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