Prüfchaos bei FFP2-Masken: Wie wirksam sind sie wirklich?

FFP2-Masken halten mehr über Aerosole transportierte Coronavirus-Partikel ab als Alltagsmasken. Aber wie viel mehr genau? Klar ist, dass sie keinen absoluten Schutz vor Ansteckung bieten können.
FFP2-Masken und medizinische Masken sind inzwischen Vorschrift im öffentlichen Nahverkehr. © picture alliance/dpa

Es ist derzeit vor aller Munde: Das Filtering Face Piece vom Typ 2. Auch FFP2-Maske genannt. Sie soll in öffentlichen Verkehrsmitteln und beim Einkaufen getragen werden, um Corona-Ansteckungen zu verhindern. In Bayern ist sie sogar Pflicht. Doch wie wirksam ist sie wirklich? Tests zeigen, dass Halbmasken mit der offiziellen Zulassung teilweise mehr als 30 Prozent der Viruspartikel durchlassen können. Die Ursache dafür ist der Prüfstandard.

„FFP2-Masken filtern mindestens 94 Prozent der Aerosole“, so die Bundesregierung. Doch für Maximilian Weiß, Geschäftsführer der Firma Palas, ist diese Aussage zu pauschal: „Nicht alle Masken schützen so gut, wie es vielfach dargestellt wird.“ Palas produziert hochpräzise Geräte zur Messung von Partikeln in der Luft und hat mehr als 400 Masken in den vergangenen drei Monaten getestet. Das Ergebnis: Acht von zehn Exemplare würden bei kleinsten Aerosolpartikeln, mit denen auch Corona-Viren transportiert werden, deutlich weniger als die 94 Prozent der Schwebeteilchen zurückhalten.

Kritik an der Prüfnorm für FFP2-Masken gerechtfertigt?

Der Hintergrund: Hersteller, die den Mund- und Nasenschutz in Europa verkaufen wollen, müssen ihre Produkte bei zertifizierten Prüfstellen einer sogenannten Baumusterpüfung unterziehen. Die Kriterien für die Tests sind in einer Europäischen Prüfnorm (EN 149) definiert. Genehmigte Masken erhalten eine CE-Kennzeichnung mit einer vierstelligen Nummer, die für die überwachende Stelle steht.

„Problematisch ist die Norm, nach der Atemschutzmasken getestet werden“, sagte Weiß des RedaktionsNetzwerk Deutschland. Der Typ FFP2 ist offiziell als „persönliche Schutzausrüstung“ (PSA) beispielsweise für Bauarbeiter klassifiziert und eigentlich für gröbere Staubpartikel und nicht für den Virenschutz ausgelegt.

Eine Anfrage dazu bei der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA) ergab: Beim Thema Messtechnik und Normung liege keine Expertise vor, da die BAuA persönliche Schutzausrüstung schon länger nicht mehr in ihrem Arbeitsprogramm habe, so ein Sprecher. Es verweist auf die Deutsche Gesetzliche Unfallversicherung (DGUV). Das ist der Spitzenverband der Berufsgenossenschaften und der Unfallversicherungsträger der öffentlichen Hand – er betreibt eine eigene Prüf- und Zertifizierungsstelle für persönliche Schutzausrüstung.

Eine DGUV-Sprecherin weist Kritik an der Prüfnorm zurück, die von einem europäischen Gremium beschlossen worden sei. Sie fügt hinzu: „Es steht Palas jederzeit frei, die eigene Messmethode, die unserer Kenntnis nach bisher nicht wissenschaftlich publiziert wurde, dem Normungsgremium offenzulegen, um zu klären, ob das Palas-Prüfverfahren in die Norm aufgenommen werden könnte.“

Aerosole fallen unterschiedlich groß aus

Weiß betont unterdessen, dass täglich in seinem Unternehmen Anfragen von Firmen und verunsicherten Kunden mit dem gleichen Problem eingingen: „Sie vertrauen den aktuellen Prüfungen von Masken nicht.“ So hätten Hersteller, die ihre Produkte bei mehrere Prüfstellen einreichten, für die gleichen Masken jeweils völlig andere Messergebnisse mitgeteilt bekommen. Das hat damit zu tun, dass Staub und Aerosole an Arbeitsplätzen in sehr unterschiedlichen Teilchengrößen vorkommen.

Entsprechend breit ist auch das Spektrum des Partikel-Mixes, mit dem getestet werden darf. Werden bei der Prüfung viele große Aerosole eingesetzt, lässt eine Maske weniger durch als beim Testen mit ganz kleinen Aerosolen. Der Wert von 94 Prozent wird aber für alle Teilchen insgesamt errechnet, die beim Test eingesetzt werden. Es wird nicht nach verschiedenen Größengruppen differenziert.

Genau das hat aber Professor Achim Dittler, Experte für Gas-Partikel-Systeme am Karlsruher Institut für Technologie, gemacht. Das Ergebnis: Teilchen verschiedener Größe würden unterschiedlich abgeschieden. So könnten Masken zwar insgesamt 94 Prozent der Partikeln aus den Test-Aerosolen herausfiltern. Gleichzeitig könnten Teilchen „in einem Größenbereich, der nach heutigem Wissensstand Corona-Partikel in der Luft transportiert, um 80 Prozent“ herausgefiltert werden, sagte Dittler dem RND. Der Forscher hat die Ergebnisse seiner Studien im Dezember vorveröffentlicht und beim Fachblatt „Journal of Aerosol Science“ eingereicht. Die Begutachtung durch andere Experten (Peer-Review) läuft.

FFP2: Besser als Alltagsmaske, aber kein absoluter Schutz

Bei Dittler kommen 20 Prozent der kleinen Partikeln durch, die Covid-Viren tragen können. Die Leute von Palas haben bei ihren Tests noch höhere Werte gemessen: „Zugelassene und mit der CE-Kennzeichnung versehene FFP2-Masken hatten zum Teil einen Durchlassgrad von mehr als 30 Prozent im Bereich der Viruspartikeln“, sagt Weiß.

Für Dittler bedeuten die Ergebnisse, dass die FFP2-Masken zwar besser abscheiden als die bislang verwendeten Alltagsmasken. Weiterhin gelte aber zusätzlich, dass AHA+L-Konzept zu beherzigen. Außerdem empfiehlt er: „Fragen Sie nach dem Prüfzertifikat und achten Sie auf die dort ausgewiesene Gesamtpenetration.“ Bei weniger als vier Prozent Gesamtdurchlass bestehe in der Kategorie FFP2 ein bestmögliches Schutzniveau.

Roland Ballier, Arzt und Sachverständiger für Medizintechnik, spricht indes von einem Prüfchaos. „Eine vergleichende Bewertung von Schutzmasken ist nicht möglich und der bestmögliche Schutz durch Kauf von Masken mit den besten Prüfergebnissen ist nicht gewährleistet.“ Er fordert die bessere Messverfahren bei den Tests, „die zu eindeutigen, reproduzierbaren Ergebnissen führen“. Dittler argumentiert in die gleiche Richtung: „Die Aufnahme eines Fraktionsabscheidegrads, die genauere Definition der verwendeten Messtechnik bieten Potenzial in der Weiterentwicklung der Prüfnorm EN 149.“

Das Deutsche Institut für Normung betont hingegen, dass auch Corona-Viren in unterschiedlichen Dimensionen vorkommen, wobei große Teilchen eine hohe Virenlast mit sich führten. Dabei gebe es eine Überlappung mit dem Testspektrum der EN-149-Norm. Eine Prüfung von einzelnen Partikelgrößen gehe deshalb „an der Realität vorbei“, so ein Sprecher. Ballier widerspricht: Große Corona-Aerosole würden beim Husten und Niesen ausgeschieden. Beim Sprechen in Alltagssituationen würden hingegen just die kleinen Partikeln freigesetzt, die für die FFP2-Masken so problematisch seien.

RND

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