Mobbing und Rassismus

Rassistische Äußerungen? Schwarze Ballerina geht gegen Berliner Staatsballett vor

Chloé Lopes Gomes kommt 2018 als erste schwarze Ballerina ans Staatsballett in Berlin. Dort erlebt sie Mobbing und Rassismus und leitet nun rechtliche Schritte gegen die deutsche Institution ein.
Die erste schwarze Ballerina am Berliner Staatsballet, Chloé Lopes Gomes, erhebt schwere Rassismusvorwürfe gegen die deutsche Institution. © picture alliance / dpa

Chloé Lopes Gomes wollte eigentlich nur tanzen, den „Schwanensee“ zum Beispiel oder irgendwann neoklassische Choreographien. Doch nun geht die 29-Jährige rechtlich gegen das Berliner Staatsballett vor. Der Vorwurf: rassistische Äußerungen und Mobbing.

Der Schritt bringt ihre Karriere in Gefahr, könnte aber die Ballettwelt modernisieren. Das Ziel von Lopes Gomes: „Das Staatsballett muss Verantwortung übernehmen.“ Um ihre Anwaltskosten zu bezahlen, hofft sie auf Spenden über ihre „Gofundme“-Seite.

Ausbildung an der russischen Bolschoiakademie

Doch wie kam es überhaupt zu dem Konflikt? Lopes Gomes startete 2018 als Gruppentänzerin am Berliner Staatsballett. Eigentlich stammt sie aus Nizza (Frankreich) und wurde an der renommierten Bolschoiakademie in Russland ausgebildet. In Berlin war sie die erste schwarze Ballerina der Staatsballettcompagnie: Doch ihre neuer Job wurde schnell zur Zerreißprobe.

Dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) berichtet sie von Mobbing, Rassismus und Mikroaggressionen: „Seit dem ersten Tag hat die Ballettmeisterin auf mir herumgehackt, obwohl wir alle neu waren.“ Erst habe sie nicht gewusst, ob das was mit ihrer Hautfarbe zu tun hat. Aber in einigen Situationen sei es deutlich geworden, erzählt sie.

Auch in einem „Spiegel“-Bericht erklärt Lopes Gomes, dass die Ballettmeisterin nur auf sie fokussiert gewesen sei, was zwei weitere Tänzerinnen bestätigten. Demnach habe sie in den Proben zum Beispiel gesagt, man schaue eh nur auf Lopes Gomes, weil sie schwarz sei. (Die Ballettmeisterin wollte sich gegenüber dem „Spiegel“ nicht zu den Vorwürfen äußern.)

Haut soll weiß sein

Im Ballett ist es Tradition, dass sich die Tänzerinnen und Tänzer ihre Haut für „Schwanensee“ weiß schminken. Auch in der Compagnie des Staatsballetts war das der Fall. „Die Ballettmeisterin sagte, ich solle meine Haut weißen“, so Lopes Gomes zum RND.

Doch ihre Haut würde natürlich nie so weiß sein, wie die ihrer Kolleginnen und Kollegen: Die Ballettmeisterin habe also gesagt, Lopes Gomes solle mehr Schminke nehmen. Das wollte die Tänzerin nicht: Sie ging laut eigenen Aussagen zu dem damaligen Intendanten Johannes Öhman.

Er habe dann entschieden, dass niemand seine Haut mit Farbe aufhellen muss. Als Öhman das Staatsballett verließ, habe allerdings wieder die frühere Tradition gegolten: „Die Ballettmeisterin bestand darauf, dass ich meine Haut weiß schminke.“

Vertrag wurde nicht verlängert

Später kam es zu einem weiteren Vorfall. Für ein Ballett sollten die Tänzerinnen sich einen weißen Schleier über den Kopf hängen. Die Ballettmeisterin habe Lopes Gomes zunächst keinen gegeben und gelacht, nachdem sie gesagt haben soll, dass der Schleier weiß und Lopes Gomes schwarz ist.

Die Ballerina sei wieder zum Intendanten Öhman gegangen, der daraufhin ein Gespräch mit der Ballettmeisterin und der Ballerina führen wollte. Aber aus Angst vor Auswirkungen auf ihre Karriere habe Lopes Gomes abgelehnt.

Öhman, der mittlerweile als künstlerischer Leiter am Balletttheater in Stockholm arbeitet, erinnerte sich gegenüber dem „Spiegel“ an den Vorfall: Er sagte, dass er danach in einem Gespräch mit allen Ballettmeisterinnen betont habe, dass er an seinem Haus keine Diskriminierungen toleriere.

Ob die Ballettmeisterin verstanden hatte, dass es konkret um ihre mutmaßlichen Taten geht, ist unklar. „Ich weiß nur, dass ich danach nichts mehr darüber gehört habe“, so Öhman.

Die Tänzerin ist noch bis Sommer 2021 bei der Compagnie angestellt – ihr Vertrag wurde nämlich nicht verlängert. Nun geht sie juristisch gegen das Staatsballett vor. Bisher hat Lopes Gomes mehr als 6.000 Euro durch ihren „Gofundme“-Aufruf eingenommen, 244 Menschen unterstützen die Ballerina so bei diesem Schritt.

Staatsballett: „Jegliche Formen von Diskriminierung und Rassismus sind nicht tragbar.“

Was sagt das Staatsballett zu den Vorfällen? Die kommissarische Intendantin Dr. Christiane Theobald äußert sich in einem Statement: „Die rassistischen und Diskriminierungsvorfälle an unserem Haus, die in den letzten Tagen ans Licht kamen, haben viele von uns sehr getroffen und gezeigt, dass an den nötigen Kompetenzen, um mit Diskriminierung jeglicher Form entsprechend umgehen zu können, hart gearbeitet werden muss, um letztendlich tiefgreifende Veränderungen in Gang zu setzen.“

So laufe derzeit eine durch externe Kompetenz unterstützte Untersuchung innerhalb der Compagnie, um diskriminierendes Verhalten aufzudecken. „Jegliche Form von Diskriminierung und Rassismus sind in unserer Compagnie nicht tragbar.“

Auch Workshops und Seminare seien für alle Beschäftigten des Staatsballetts in Vorbereitung, hieß es weiter. Laut dem „Spiegel“ schrieb Theobald Anfang Oktober außerdem einen Brief an die Angestellten, in dem sie unter anderem sagte, dass Diskriminierung nicht toleriert werde.

Auf RND-Anfrage wollte Theobald sich allerdings nicht dazu äußern, warum Lopes Gomes im Sommer 2021 die Compagnie verlassen muss. „Ich bitte um Verständnis, dass ich mich zu Personalangelegenheiten nicht äußern kann.“

Gleiches galt bei der Frage, ob die Ballettmeisterin weiterhin beim Staatsballett angestellt ist. Dem „Spiegel“ wollte Theobald ebenfalls nicht sagen, ob die Ballettmeisterin abgemahnt wurde. Die Intendantin sagte allerdings, dass die Vorfälle „geprüft und gegebenenfalls arbeitsrechtliche Maßnahmen vollzogen“ werden.

Von der Ballettmeisterin gab es laut Lopes Gomes eine Reaktion: So entschuldigte die Frau sich bei der Ballerina nach Bekanntwerden ihrer Vorwürfe.

Ballettwelt steht häufig in der Kritik

Im RND-Gespräch kritisiert Lopes Gomes außerdem die Strukturen von Balletthäusern: „Die Ballettmeisterinnen haben sehr viel Macht.“ Wie sie erklärt, seien einige sogar unkündbar. Weniger Macht hätte die Intendanz: „Die Intendanten haben befristete Verträge und die Tänzerinnen auch.“

Darüber hinaus gebe es im Allgemeinen sehr viel psychologischen Missbrauch in der Branche, sagt Lopes Gomes. Das zeigt auch die Kontroverse um das Wiener Staatsballett im Jahr 2019: Damals warfen Schülerinnen der Akademie physische Misshandlungen – und sexuellen Missbrauch vor.

Auch was Rassismus angeht, steht die Welt des Balletts schon länger in der Kritik. Die US-Amerikanerin Misty Copeland, die 2015 die erste afroamerikanische Primaballerina des American Ballet Theatre wurde, bemängelt zum Beispiel die veralteten Strukturen. In einem „Popsugar“-Interview aus dem Sommer 2020 analysiert die 38-Jährige, dass die Branche „extrem hinterher“ ist.

„Wenn man die Kunstform lebendig und relevant halten und wachsen lassen will, muss man die Türen für alle öffnen.“ Copeland teilte bereits Artikel über das Berliner Staatsballett auf ihren Social-Media-Profilen.

Lopes Gomes erlebt von vielen weiteren Menschen Zuspruch: „Sie zeigen ihre Unterstützung und Solidarität.“ Darunter seien auch Leute, die selber nicht Ballerina werden konnten, weil sie entweder „zu schwarz, zu klein oder zu dick“ gewesen seien.

Dass sie gegen ihren eigenen aktuellen Arbeitgeber vorgeht, sei für Lopes Gomes „sehr stressig“. Doch sie macht deutlich, dass es sich für sie und die Branche lohnt: „Unsere Generation kann dieses Verhalten nicht mehr akzeptieren. Was gestern in Ordnung war, ist heute nicht mehr in Ordnung.“

RND

Der Artikel "Rassistische Äußerungen? Schwarze Ballerina geht gegen Berliner Staatsballett vor" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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