Schule Coronavirus

Sind Schulen Pandemietreiber?

Seit dem 16. Dezember sind Schulen und Kitas in Deutschland dicht. Doch welche Rolle spielen die Schulen überhaupt bei der Ausbreitung des Virus? Und sind Kinder genauso oft infiziert wie Erwachsene?
Schülerinnen und Schüler nehmen mit Mund- und Nasenschutz am Unterricht in einem Geographie-Seminar in der Jahrgangsstufe elf am staatlichen Gymnasium Trudering teil. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Wann sollen Schülerinnen und Schüler zum Unterricht in die Klassenräume zurückkehren? Während Bund und Länder bei der Verlängerung des Lockdowns weitgehend einig sind, führt das Thema „Schulen“ erneut zu Diskussionen. Zumindest stufenweise Öffnungen für Grundschüler und Abschlussklassen sind möglich, für andere könnte es abwechselnd Unterricht in der Schule geben.

Eine zentrale Frage steht hierbei im Mittelpunkt: Sind Schulen Corona-Hotspots, die das Infektionsgeschehen maßgeblich beeinflussen? Eine einfache Antwort – Ja oder Nein – gibt es hier nicht, der Forschungsstand ist nicht eindeutig. Ein Überblick.

Wie viele Schulen mussten wegen Corona schließen?

Eine ganzheitliche Erfassung der Infektionszahlen an Schulen war bisher schwer. Denn die Verfahren zur Datenerhebung unterscheiden sich von Land zu Land. Um ein Gesamtbild darüber zu bekommen, wie viele Schulen wegen Corona bundesweit geschlossen oder welche Anzahl von Schülern und Lehrern in Quarantäne sind, hatten die Kultusminister Ende November angekündigt, wöchentlich einheitliche Daten bereitstellen zu wollen. Inzwischen ist das auch geschehen, auch wenn noch nicht alle Daten aus allen Bundesländern einlaufen.

Die Datenlage aus der 50. Woche, vom 7. bis 13. Dezember 2020, zeigt, dass zu diesem Zeitpunkt bundesweit 19.939 Schüler (0,20 Prozent) mit dem Coronavirus infiziert waren, ebenso wie 3346 Lehrkräfte (0,37 Prozent). In Quarantäne befanden sich 222.719 Schüler (2,22 Prozent) und 14.374 Lehrkräfte (1,61 Prozent). Dabei waren 691 der rund 30.000 Schulen (2,38 Prozent) komplett geschlossen, 525 davon in Bayern und 121 in Sachen.

Zum Vergleich: Bei der ersten allgemeinen Erhebung vom 12. November (KW46) war die Zahl der Infizierten und in Quarantäne befindlichen Schüler und Lehrer noch niedriger. Zu dem Zeitpunkt befanden sich 190.937 Schüler und 12.120 Lehrkräfte in Quarantäne, 19.364 Schüler und 3219 Lehrer waren infiziert. Die Zahl der geschlossenen Schulen lag mit 106 deutlich niedriger.

Die Erhebung wurde wegen der Ferien in der 51., 52. Kalenderwoche 2020 und der ersten Kalenderwoche 2021 ausgesetzt.

Corona: Wo stecken sich die Menschen am häufigsten an?

Konnte man im Sommer noch klassische Großausbrüche und Hotspots ausmachen, ist das Infektionsgeschehen inzwischen diffus, ein Großteil der Infektionsketten kann nicht mehr nachvollzogen werden. Wie das Robert-Koch-Institut in seinem aktuellen Situationsbericht (vom 3. Januar) schreibt, werden die hohen bundesweiten Fallzahlen „mit zahlreichen Häufungen in Haushalten, aber auch in Gemeinschaftseinrichtungen und Alten- und Pflegeheimen“ verursacht.

Zu der hohen Inzidenz tragen laut RKI aber nach wie vor auch viele kleinere Ausbrüche in „Krankenhäusern, Einrichtungen für Asylbewerber und Geflüchtete, verschiedenen beruflichen Settings sowie im Zusammenhang mit religiösen Veranstaltungen bei“. Schulen werden hier jedoch nicht explizit erwähnt.

Die WHO räumt zwar ein, dass die Rolle von Kindern bei der Infektionsausbreitung noch nicht vollständig geklärt ist, man aber aufgrund der bisher wenigen Massenausbrüche an Schulen davon ausgehe, dass der Einfluss von Schulen limitiert sein dürfte.

Grundsätzlich ist davon auszugehen, dass die Ansteckungsgefahr besonders durch den Aufenthalt in geschlossenen Räumen, mangelnde Lüftung und fehlenden Mund-Nasen-Schutz verstärkt wird.

Inzidenz bei Schülern hat zugenommen

Die Leopoldina warnte Mitte November jedoch vor einem Anstieg der Corona-Infektionszahlen bei Kindern und Jugendlichen. Die Inzidenz bei Schülern in allen Altersgruppen habe in den vorangegangenen Wochen deutlich zugenommen. Besonders die Altersgruppe der 10- bis 19-Jährigen war davon betroffen, innerhalb von drei Wochen verdreifachte sich die Inzidenz nahezu.

In der 45. Kalenderwoche lag der Inzidenzwert in der Altersgruppe 10 bis 14 bei 127,3 und bei den 15- bis 19-Jährigen sogar bei 211,6. Der Durchschnittswert der Gesamtbevölkerung lag laut RKI zu diesem Zeitpunkt bei 146,5. Aber selbst die Inzidenz bei Grundschülern ist mit einem Wert von 88,8 war zur gleichen Zeit recht hoch. Zum Vergleich: Drei Wochen zuvor lag dieser Wert noch bei 26,0.

In der Kalenderwoche 51, die letzte vor den Weihnachtsferien, lagen die Altersgruppen bei einer Gesamtinzidenz von 208,6 bei 114,5 (5-9 Jahre), 140,9 (10-14 Jahre) und erneut lag die Gruppe der 15- bis 19-Jährigen mit 213,7 über dem Bundesdurchschnitt, wenn auch nicht so deutlich wie zuvor.

Aus diesen Daten geht nicht hervor, wo sich die Kinder infiziert haben. Je mehr infizierte Kinder jedoch in der Schule sind, umso wahrscheinlicher ist eine Weiterverbreitung des Virus. Egal, wo die ursprüngliche Ansteckung stattgefunden hat.

„Das Ausmaß einer Übertragung innerhalb der Schulen und von den Schulen in die Familien/Haushalte ist weitgehend unklar und Gegenstand der Forschung“, so das RKI.

Kinder und der Faktor Dunkelziffer

Schon früh in der Pandemie wurde auf die potenziell hohe Dunkelziffer bei Infektionen von Kindern hingewiesen. Denn häufig sind bei Kindern keine offensichtlichen Symptome zu bemerken, sodass die Infektion unerkannt bleibt und weiterverbreitet werden kann.

Eine Studie des Helmholtz Zentrums München von Ende Oktober 2020, kommt zu dem Ergebnis, dass die Dunkelziffer etwa sechsmal höher liegen könnte als angenommen. Anette-Gabriele Ziegler hatte mit ihrer im Rahmen einer breit angelegten Studie zur Früherkennung von Typ-1-Diabetes Blutproben von fast 12.000 Kindern zwischen einem und 18 Jahren in Bayern gesammelt. Diese wurden im Nachhinein auch auf den Erreger Sars-CoV-2 getestet. Das Ergebnis des Antikörpertests: Im Zeitraum von April bis Juli wiesen im Schnitt 0,87 Prozent der Kinder Antikörper auf. Die Zahl wäre damit etwa sechsmal höher als nach Angaben des Bayerischen Landesamts für Gesundheit (LGL) im selben Zeitraum.

Zu einem anderen Ergebnis kommt eine Untersuchung des Verbands Leitender Kinder- und Jugendärzte und Kinderchirurgen (VLKKD). Bei einer Datenanalyse wurden über 110.000 PCR-Tests von Kindern zwischen null und 18 Jahren ausgewertet, die in den letzten sechs Monaten überwiegend routinemäßig in Kinder- und Jugendkliniken durchgeführt worden waren. Ein Großteil der Kinder hatte wegen anderer Erkrankungen die Kliniken aufgesucht, daher handelte sich um sogenannte Zufallsstichproben. Im Ergebnis zeigte sich, dass nur 0,53 Prozent der Untersuchten positiv getestet wurden.

Die Untersuchungsergebnisse der Kinderärzte zeigen, dass bei den Infektionsraten bei Schülern differenziert werden sollte: Während Kinder bis zu zehn Jahren sich seltener infizieren, werden Jugendliche ähnlich häufig positiv getestet wie junge Erwachsene.

Auch die Leopoldina warnt davor, dass beim Infektionsgeschehen eine hohe Dunkelziffer zu beachten sei. In welcher Höhe genau, das könne man aktuell jedoch nicht verlässlich sagen.

Kinder und Coronavirus: Studien sollen Klarheit bringen

Bereits im Mai führte Virologe Christian Drosten eine Studie durch, die sich mit der Infektiosität von Kindern beschäftigte. In seiner Untersuchung ist er zum Ergebnis gekommen, dass Kinder genauso ansteckend sein können wie Erwachsene. Im Nachhinein gab es Kritik an der Studie, die sich jedoch eher gegen die statistischen Methoden richtete. Diese hatte Drosten in einer neuen Version seiner Vorabpublikation verbessert, kam jedoch zum gleichen Ergebnis.

Doch das wissenschaftliche Bild ist nicht einheitlich. So hat das Land Baden-Württemberg kurz nach Drostens Veröffentlichung eine Studie an Unikliniken zum Thema Kinder und Coronavirus in Auftrag gegeben. Ministerpräsident Winfried Kretschmann (Grüne) hatte unter Berufung auf Zwischenergebnisse erklärt, dass Kinder als Überträger des Virus nur eine untergeordnete Rolle spielten.

Eine weitere Studie aus Indien kam zu dem Schluss, dass Kinder eine größere Rolle bei der Verbreitung des Virus einnehmen könnten, als ursprünglich angenommen. Diese Daten können aufgrund der anderen Lebensumstände aber zum Beispiel nicht auf Deutschland übertragen werden. Eine spannende Erkenntnis der Studie war: Kinder steckten vor allem Gleichaltrige an.

Eine australische Studie wiederum beschäftigte sich mit der Schule als Pandemietreiber und kam zu dem Schluss, dass in Schulen bei Einhaltung der Hygieneregeln kaum Infektionen zu registrieren waren. Zudem käme es öfter zu Übertragungen von Erwachsenen auf Kinder oder zwischen Erwachsenen.

In Berlin betreut die Charité eine groß angelegte Studien zu Kindern und Corona. Schon seit Juni nehmen daran 24 Berliner Schulen teil, die ein komplettes Jahr beobachtet werden sollen. Auch in Österreich wird derzeit eine Monitoring-Studie der Universitäten Graz, Linz und Wien in Zusammenarbeit mit dem Bildungsministerium durchgeführt, die das Infektionsgeschehen an Schulen über einen Zeitraum von zehn Monaten bestimmen soll.

Corona an Schulen: Präventionsmaßnahmen

Allgemein haben sich in Deutschland die AHAL-Regeln, also Abstand, Hygieneregeln, Alltagsmaske und Lüften als Mittel gegen eine Verbreitung von Sars-CoV-2 etabliert. Wenn diese eingehalten werden, gibt es weniger Infektionen. Wenn diese nicht eingehalten werden, gibt es mehr Infektionen. So gilt das auch in Schulen.

Jede Schule muss ein Hygienekonzept haben und befolgen. Dadurch sehen die Regelungen an den Schulen jedoch noch nicht gleich aus. Von Laufwegen über Klassengrößen für ausreichende Abstände bis zu Trennwänden und Luftreinigern gibt es viele unterschiedliche Stellschrauben, die das Infektionsgeschehen an Schulen beeinflussen können.

Das Robert-Koch-Institut hat für Schulen Empfehlungen herausgegeben, welche Maßnahmen im Pandemiegeschehen ergriffen werden sollten, und auch die WHO stellt eine Checkliste für Schulen zur Verfügung.

Der Artikel "Sind Schulen Pandemietreiber?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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