Coronavirus

Streit um Astrazeneca-Impfung: Was steckt hinter dem Konzern?

Die EU streitet mit Astrazeneca über Lieferschwierigkeiten. Was ist über das Unternehmen bekannt und warum wird sein Impfstoff so dringend erwartet? Die wichtigsten Fragen und Antworten zum Thema.
Viel Hoffnung liegt auf dem Corona-Impfstoff von Oxford/Astrazeneca. © picture alliance/dpa/PA Wire

Der Impfstoff von Astrazeneca könnte schon in den nächsten Tagen in der EU zugelassen werden. Doch es gibt Streit. Auf offener Bühne wird um den Corona-Impfstoff gestritten. EU-Kommissarin Stella Kyriakides appellierte am Mittwoch an die moralische Verantwortung der Firma, während die sich gegen Vorwürfe verwahrte.

Für das eigentliche Problem war jedoch keine Lösung in Sicht: Große Mengen Impfstoff für Deutschland und andere EU-Länder kommen voraussichtlich Wochen oder Monate später. Der schützende Piks könnte sich somit für Millionen Menschen verzögern. Was steckt hinter dem Unternehmen – und wieso ist das Mittel „AZD1222″ so wichtig für die Impfpläne in der europäischen Union und Deutschland?

Wer steht hinter dem Unternehmen AstraZeneca?

Astrazeneca ist 1999 aus der Fusion des schwedischen Pharmakonzerns Astra mit der britischen Firma Zeneca entstanden. Der Konzern entwickelt, produziert und vertreibt Medikamente. Schwerpunkte sind hierbei die Krebstherapie sowie die Therapie von Herz-Kreislauf- und Stoffwechselerkrankungen und Atemwegserkrankungen. Mit einem Jahresumsatz von rund 20,2 Milliarden Euro (2019) und über 70.000 Beschäftigen in rund 100 Ländern gehört Astrazeneca zu den weltweit führenden Pharmaunternehmen.

Seine größten Forschungszentren betreibt der Konzern in Großbritannien, Schweden, den USA, China und Japan. Der Hauptsitz des Unternehmens befindet sich in Cambridge. Die Astrazeneca GmbH in Wedel (Schleswig-Holstein) ist eine deutsche Tochtergesellschaft. Unternehmenschef ist der Franzose Pascal Soriot. Der studierte Veterinärmediziner war zuvor bereits für Pharmakonzerne wie Roche oder Sanofi tätig, bevor er 2012 die Leitung von Astrazeneca übernahm.

Kooperation mit der Universität Oxford für Corona-Impfstoff

Im April vergangenen Jahres kündigte Astrazeneca an, eine Kooperation mit der Universität Oxford einzugehen, um die Entwicklung des Corona-Impfstoffs ChAdOx1 nCoV-19 voranzutreiben und diesen auf den Markt zu bringen. Es handelt sich bei der Vakzine, inzwischen AZD1222 genannt, um einen sogenannten Vektorimpfstoff. Wie bei den mRNA-Impfstoffen werden auch mit dieser Impfung Erbgutinformation des Virus in menschliche Zellen eingeschleust.

Der Impfstoff von Astrazeneca enthält genetisch veränderte Schimpansenviren. Diese wiederum enthalten ein Gen des Coronavirus. Nach der Impfung werden die Viren und damit das Gen in die menschlichen Zellen aufgenommen. Diese beginnen daraufhin, das Spike-Protein des Coronavirus zu produzieren, was eine Reaktion des Immunsystems auslöst. Kommt es später zum Kontakt mit dem echten Virus, kann dieser schneller und besser vom körpereigenen Abwehrsystem bekämpft werden.

Warum wird das Unternehmen kritisiert?

Von der EU wird der Konzern Astrazeneca kritisiert, weil dieser kurzfristig erhebliche Lieferschwierigkeiten angekündigt hatte. Eine Zulassung für die Europäische Union könnte schon in wenigen Tagen erfolgen. Statt der ursprünglich erwarteten 80 Millionen Impfdosen im ersten Quartal sollen jetzt aber nur 31 Millionen ausgeliefert werden. EU-Diplomaten hatten sich verärgert darüber gezeigt, dass der Konzern erst jetzt über die Lieferschwierigkeiten informierte.

Die EU hatte im August bis zu 400 Millionen Impfdosen von Astrazeneca bestellt und offenbar 336 Millionen Euro für deren Entwicklung und Fertigung vorgestreckt. Aus Sicht der EU-Kommission hätte Astrazeneca daher seit Oktober Impfdosen auf Vorrat produzieren müssen, damit der Impfstoff sofort nach der Zulassung in der EU bereitsteht. Geklärt werden soll der Streit auf einem für den Mittwochabend (27. Januar) angesetzten Krisentreffen von EU-Vertretern mit Konzern-Repräsentanten. Astrazeneca hatte die Teilnahme zwischenzeitlich abgesagt, will nun aber doch teilnehmen.

Wieso ist der Impfstoff von Astrazeneca entscheidend für die Impfpläne?

Als Vorteil des Impfstoffs von Astrazeneca gilt, dass dieser sich besser handhaben lässt als andere Impfstoffe. So kann er im Gegensatz zu den mRNA-Mitteln von Biontech/Pfizer und Moderna bei Kühlschranktemperaturen transportiert und aufbewahrt werden. Die schnellere Impfung einer größeren Anzahl Menschen ließe sich daher – auch über Hausarztpraxen – leichter organisieren. Dazu kommt: Bei allen neu zugelassenen Impfstoffen sind die Kapazitäten bei der Herstellung begrenzt. Mit jedem weiteren neuen Impfstoff könnten daher die Impfungen beschleunigt werden.

In den Zulassungsstudien wurde zudem speziell die Verträglichkeit der Impfung für ältere Menschen getestet, mit guten Ergebnissen. Der Impfstoff von Astrazeneca scheint bei ihnen nur selten Nebenwirkungen auszulösen, er könnte womöglich besser verträglich als die mRNA-Impfstoffe sein. Diese stehen hingegen im Verdacht, bei einigen Schwerkranken zum Tod mit beigetragen zu haben.

So waren im Anschluss an Impfungen mit den mRNA-Vakzinen in Norwegen 23 Todesfälle aufgetreten, und die Behörden hielten einen Zusammenhang in einigen Fällen für möglich. Die norwegischen Gesundheitsbehörden haben daher bereits gefordert, die Nutzen und Risiken der mRNA-Impfungen bei älteren Menschen mit schweren Vorerkrankungen sorgfältiger abzuwägen.

Allerdings scheint die Impfung von Astrazeneca weniger wirksam zu sein als die bereits zugelassenen mRNA-Impfungen. Angegeben wird in mittleren Altersgruppen eine Wirksamkeit zwischen 62 und 90 Prozent, im Vergleich zu 94 bis 95 Prozent bei den mRNA-Impfstoffen. Bei älteren Menschen ist bei allen Impfungen eine niedrigere Wirkung zu erwarten, speziell bei Astrazeneca gibt es dazu noch offene Fragen.

RND

Der Artikel "Streit um Astrazeneca-Impfung: Was steckt hinter dem Konzern?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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