Fleischindustrie Arbeitsrecht

Unterkünfte der Tönnies-Fleischarbeiter: Zwischen Kakerlaken und flotter WG

Ein neues Gesetz soll die Ausbeutung in der Fleischindustrie beenden: Tausende Arbeiter erhielten feste Verträge, Unterkünfte werden renoviert – doch heftige Missstände bleiben trotzdem.
Die alten Zustände: Ein Werkvertragsarbeiter in dem heruntergekommenen Zimmer, in dem er mit vier Mann hausen muss. © picture alliance/dpa

Irinas Reich ist ein halbes Zimmer im Erdgeschoss. Auf dem Nachttisch neben ihrem Bett steht ein Kruzifix, Kosmetikfläschchen stehen ordentlich sortiert auf der Kommode, hoch auf dem Schrank sitzt ein kindsgroßer Teddybär. An der Wand hängt ein indianischer Traumfänger, ein Kranz aus Draht und Federn, der über beide Betten wacht, Irinas und das ihrer Nachbarin, mit der sie das Zimmer teilt.

Was ist, wenn sie mal allein sein möchte? Wohin geht sie dann? Irina zögert kurz, als verstehe sie die Frage nicht, dann antwortet sie: „Das gibt es hier nicht.“

Und doch wird sie später auch sagen, dass es ihr an nichts fehle, dass diese Unterkunft viel besser sei als das, was sie vorher kannte.

Irina Carnariu stammt aus dem Osten Rumäniens, aus Roman, einer Stadt nahe der Grenze zu Moldawien, sie ist 37 Jahre alt und arbeitet seit sieben Monaten bei Tönnies in Rheda-Wiedenbrück, Ostwestfalen. Das heißt: Bei Tönnies direkt arbeitet sie erst seit zwei Monaten. Zuvor war sie bei einem „Dienstleister“ angestellt, einem Subunternehmer, der seine Leute dann in die große Fleischfabrik mit den drei so fröhlich schauenden Kühen auf dem Hallendach schickte, gelebt hat sie da mit drei anderen Frauen in einem Zimmer. Wie es dort war, das mag sie nicht im Detail erzählen, aber wenn man ihren Blick richtig deutet, dann war es wirklich nicht gut.

Das Gesetz, dass die Fleischindustrie zur Wahrung der Menschenwürde zwingt

Dann jedoch, zum 1. Januar, kam das Gesetz, das die deutsche Fleischindustrie zwang, ihre Werkvertragsmitarbeiter selbst fest anzustellen und für menschenwürdige Unterkünfte zu sorgen. Das war der Punkt, an dem sich auch für Irina Carnariu manches änderte. Die schmale, blonde Frau arbeitet als Linienleiterin, das heißt, dass sie mit sieben Kolleginnen am Band zum Beispiel darüber wacht, dass die richtigen Etiketten auf der Ware kleben, jeden Tag von sechs Uhr am Abend bis um drei Uhr in der Nacht. 10,50 Euro verdient sie in der Stunde, mit Zuschlägen komme sie auf 1700 Euro netto, von denen knapp 200 Euro für die Unterkunft abgehen. Diese Unterkunft, das halbe Zimmer, liegt in einem Einfamilienhaus nahe Rheda-Wiedenbrück. Geklinkerte Fassade, Satteldach und Carport, an der Tür zwölf rumänische Namen, die auf schmalen Streifen übereinander geklebt sind. Im Inneren ist alles hell und renoviert, im Bad glänzen neue Armaturen über großen, modernen Fliesen, in der Küche ergänzen drei mannshohe Kühlschränke die Einbauküche.

Eine blitzsaubere Fleischarbeiterinnen-WG mitten in der ostwestfälischen Provinz. Ein Musterbeispiel für die schöne neue Welt der Tönnies-Angestellten, die die Werks-PR an diesem Tag bereitwillig vorführt.

Aber ist das schon die ganze Wahrheit? Sind die „sklavenartigen Verhältnisse“, die Kritiker jahrelang anklagten, und die überfüllten Wohnungen mit Schimmel und Ungeziefer tatsächlich Geschichte?

Bilder wie aus dem Getto

Es war im Frühjahr, als das Coronavirus Deutschland mit der Nase auf einen Missstand stieß, über den es im Gegenzug für billige Schnitzel jahrelang hinwegsah. 1400 Mitarbeiter des Tönnies-Werks infizierten sich, alle 7000 aus dem Stammwerk in Rheda-Wiedenbrück mussten in Quarantäne. Verbreitet hatte sich das Virus offenbar über die Lüftung im Werk – doch in den Fokus gerieten auch die Unterkünfte. Um mehrere Wohnblocks in Verl zogen die Behörden Absperrgitter, die meist rumänischen Mitarbeiter standen dahinter, eingesperrt, Bilder wie aus einem Getto.

Die Zustände in den Unterkünften waren nicht neu, und doch wirkte Corona wie ein Beschleuniger: Unter dem Eindruck dieser Bilder einigte sich die große Koalition auf das Gesetz, das zum 1. April sogar noch verschärft werden soll: Dann soll auch die Leiharbeit in der Fleischindustrie verboten werden.

Was dieses Gesetz schon jetzt bewirkt hat, das kann Fabian Reinkemeier erzählen, Sprecher des Konzerns. Die Zentrale ist der modernste Bau auf dem Gelände an der Gütersloher Straße in Rheda-Wiedenbrück. Wer eintritt, steht in einem hellen Atrium, sieht gläserne Büros, in einem Besprechungsraum sitzt Firmenchef Clemens Tönnies. Von oben sieht man auf Kühl-Lkw, die das Fleisch in die Republik bringen, und eine Schar weißer Gebäude, in denen Schweine am Fließband geschlachtet, zerlegt und verarbeitet werden.

500 Wohnungen und Häuser gemietet oder gekauft

Rund 6000 Mitarbeiter habe Tönnies von früheren „Dienstleistern“ übernommen und fest angestellt, 3500 allein am Stammsitz hier in Rheda. „Niemand wurde schlechtergestellt, alle verdienen mindestens das Gleiche, und jeder hat seinen sozialen Status wie etwa die Betriebszugehörigkeit behalten“, sagt Reinkemeier. Eine „enorme Kraftanstrengung“ sei das gewesen, auch finanziell. In der Etage, in der früher das konzerneigene Fitnessstudio untergebracht war, sitzen jetzt die neuen Mitarbeiter der Personalabteilung. Außerdem habe Tönnies „für einen niedrigen zweistelligen Millionenbetrag“ 500 Wohnungen und Häuser gemietet oder gekauft und renoviert, rund 2000 Wohnplätze stelle das Unternehmen jetzt selbst, und zwar „nach festem Ausstattungs- und Wohnstandard“, wie Reinkemeier betont. 190 Euro zahlen die Mitarbeiter im Schnitt dafür. 150 Küchen habe Tönnies angeschafft, dazu 1500 Betten.

Wer hier, in der Zentrale, dem Sprecher länger zuhört, bekommt den Eindruck, als habe Tönnies selbst dieses Gesetz in den Bundestag gebracht. „Wir haben der Politik schon Anfang 2020 angeboten, auf Werkverträge zu verzichten, wenn das für die gesamte Branche gilt“, sagt Reinkemeier. Bei einem Alleingang jedoch „wären wir den Mitbewerbern gegenüber schlichtweg nicht mehr wettbewerbsfähig gewesen“.

Es gibt in den gläsernen Büros über den Schlachthöfen ein ausgeprägtes Gefühl, in der Vergangenheit selbst Unrecht erlitten zu haben. Fälschlich als Buhmann dargestellt worden zu sein. Tatsächlich gebe es bei Tönnies schon länger die Bereitschaft, über Reformen zu reden, hält Achim Wiese, Geschäftsführer der Gewerkschaft Nahrung-Genuss-Gaststätten in Ostwestfalen, dem Konzern zugute. Nur sei das Umdenken eher die Folge der Not: „Die merken, dass ihnen sonst die Leute abhauen.“ Auch bei den Unterkünften sei einiges in Bewegung: „Man sieht das Bemühen.“

Nur nicht überall.

Es ist die Gegenwelt zum sanierten Fleischarbeiterinnenidyll von Irina und ihren Kolleginnen, zu denen uns eine Informantin dann führt, selbst Rumänin. Auch sie habe früher bei Tönnies gearbeitet und wolle den anderen Teil der Wirklichkeit zeigen, jenseits der Fassade, den es nach wie vor gebe. „Auch das muss man sehen!“, sagt sie.

Schaben krabbeln an der Wand

Das zweistöckige weiße Haus, vor dem sie hält, liegt an einer schmalen Straße auf dem Land, ein matschiger Weg davor, Garagen. An der Haustür Dutzende rumänische Namen, teils auf handgeschriebenen Zetteln, verwittert. Von den drei Wohnungen darin ist keine auch nur annähernd modernisiert. Vergilbte bis bräunliche Wände, aufgerissene Kacheln in der Küche. Eine nackte Glühlampe hängt an der Wand, das Kabel um einen Pfeiler geknotet. In zwei der drei Wohnungen klagen die Bewohner über Ungeziefer, in einer laufen Schaben über Boden und Wände, krabbeln an den Ritzen der Kühlschranktüren entlang. In mehreren Zimmern gibt es keinen Strom, auch nicht in der Küche.

Ein Bewohner zieht die Kühlschranktür auf, zeigt auf die Ware darin, „warm“, sagt er. Zwei Tage lang sei gerade wieder die Heizung ausgefallen, es gibt auch kein warmes Wasser.

Zu zehnt schlafen sie in den drei Zimmern, je zu viert in zwei Räumen, in Stockbetten. Nachts wache er regelmäßig auf, erzählt einer der Männer – „von den Kakerlaken, die mir über den Arm laufen“. Ein anderer sagt, er arbeite seit einem halben Jahr bei Tönnies, die Arbeit sei okay. „Aber hier“, sagt er und zeigt umher, „das ist schrecklich.“

Auf Rumänisch werden die Bewohner angebrüllt

Dann kommen zwei Männer hinein, um die dreißig, der eine im Mantel, der andere in Sportjacke, auf Rumänisch brüllen sie auf die Bewohner ein, die verschreckt und schweigend vor ihnen stehen.

Ruhiger werden sie erst, als sie erfahren, dass auch der Sprecher von Tönnies mit in den Räumen ist.

Er sei Büroleiter einer Beratungsfirma, die sich im Auftrag von Tönnies um Unterkünfte kümmere, erklärt der eine dann, der sich als K. vorstellt. 50 Wohnungen und Häuser seien unter ihrer Obhut. Früher habe ihre Firma die Zimmer selbst an die Arbeiter vermietet. Seit etwa drei Jahren betreue er dieses Haus. Warum die Wohnungen in einem so erbärmlichen Zustand sind?

Man schaffe nicht alles auf einmal, erklärt er. Aber bald werde auch dieses Haus renoviert.

Die Subunternehmen, die früher die Menschen beschäftigten: Sie sind, in anderen Rollen, noch immer im Geschäft.

Der Tönnies-Sprecher verspricht eine andere Wohnung – „bis zum Wochenende“

Am nächsten Tag wird der Tönnies-Sprecher bestätigen, dass das Unternehmen seit Ende vergangenen Jahres Hauptmieter des Hauses ist – und die Unterkünfte an die Angestellten weitervermietet, für je 80 Euro. Für die Wohnungen entschuldigt er sich: „Das ist der alte Zustand, den wir so nicht mehr akzeptieren und daher strikt renovieren oder teilweise auch Wohnungen entmieten“, also räumen. Die Immobilienabteilung des Konzerns habe das Haus zwar angesehen, räumt Reinkemeier ein. Zu dem Zeitpunkt habe es dort aber weder Ungeziefer noch Stromausfälle gegeben, es sei lediglich als renovierungsbedürftig eingestuft worden. Jetzt werde die Unterkunft „entmietet“, die Mitarbeiter erhielten eine andere Wohnung. „Bis zum Wochenende“, verspricht der Sprecher jetzt.

Tönnies kümmert sich, soll das heißen. Aber die meisten Arbeiter wohnen in privaten Unterkünften, über die niemand einen Überblick hat. Sie kenne viele ähnliche Unterkünfte, sagt die Informantin.

Es gibt ein Nachbarhaus, gegenüber, ein Mann steht im Garten. Ob er weiß, wie die rumänischen Arbeiter leben? Nein, sagt er, es gebe keinen Kontakt. Ab und zu spielten die Arbeiter Fußball, dann fliege mal ein Ball herüber. Aber meist trauten sie sich nicht mal, den Ball wiederzuholen. So scheu seien sie.

Nur ein paar Kilometer von hier sitzt Irina Carnariu in ihrem sanierten Zimmer und hofft, dass alles gut weitergeht. In Rumänien, sagt sie mit jenen deutschen Worten, die sie sich selbst beigebracht hat, würde sie jetzt in einer Fabrik arbeiten, für ein Drittel des Geldes. Deshalb hat sie einen anderen Plan, für sich und ihre elfjährige Tochter, die in Rumänien beim Vater lebt und die sie seit sieben Monaten nicht gesehen hat. Sie wolle sie nachholen, nach Deutschland, sie sei ja jung und lerne sicher schnell Deutsch. Denn ihr Plan lautet: „Ich möchte bleiben.“

Der Artikel "Unterkünfte der Tönnies-Fleischarbeiter: Zwischen Kakerlaken und flotter WG" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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