Kriminalität

Warum manche Frauen in Beziehungen bleiben, obwohl der Partner zuschlägt

„Frauenrechte sind Menschenrechte“, lautet ein bekannter Slogan aus der feministischen Bewegung. Doch Gewalt gegen Frauen ist immer noch weit verbreitet, weiß Frauenbeauftragte Simone Thomas.
Jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal im Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. © picture alliance/dpa/KEYSTONE

„Frauenrechte sind Menschenrechte“, so lautet ein bekannter Slogan der feministischen Bewegung. Doch noch immer erleben Frauen deutlich häufiger als Männer Gewalt – oft sogar im eigenen Zuhause. Mehr als 80 Prozent der Menschen, die Gewalt innerhalb der Partnerschaft erfahren, sind weiblich. Das zeigt eine statistische Auswertung des Bundeskriminalamtes.

Jedes Jahr am 10. Dezember ist der Tag der Menschenrechte. Auch Simone Thomas kennt den Slogan „Frauenrechte sind Menschenrechte“, weist aber darauf hin, dass es an dessen Umsetzung auch in Deutschland noch hapert. Im Gespräch mit dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND) sagt die Sprecherin der Bundesarbeitsgemeinschaft kommunaler Frauen- und Gleichstellungsbeauftragter, wie Stereotype Gewalt von Männern gegenüber Frauen begünstigen können, warum auch Männer unter mangelnder Gleichberechtigung leiden und warum die Opfer so oft schweigen.

Frau Thomas, jede dritte Frau in Deutschland ist mindestens einmal im Leben von physischer und/oder sexualisierter Gewalt betroffen. So lautet das Ergebnis einer Befragung der europäischen Grundrechte-Agentur. Wie kann das sein?

Das frage ich mich ehrlich gesagt auch immer wieder. Insbesondere Partnerschaftsgewalt wird noch nicht so lange als solche in der Kriminalstatistik erfasst und galt früher als Privatsache. Die Übergriffe gibt es aber schon immer.

Wieso sind gerade Frauen so häufig Opfer von Gewalt?

In unserer Gesellschaft sind patriarchale Strukturen noch sehr ausgeprägt. Viele Männer denken noch immer, dass Frauen in Paarbeziehungen so funktionieren müssen, wie es ihnen passt. Viele der Fälle mit brutaler Gewalt oder sogar Todesfolge passieren, wenn eine Frau sich trennen oder eine neue Beziehung anfangen will. Da kommt das Besitzdenken total raus: Das ist meine Frau und die muss bei mir bleiben.

Deutschland gilt als modernes Land. Trotzdem gibt es hier so viel Gewalt. Haben Sie dafür einen Erklärungsansatz?

Nehmen wir das Thema Stereotypen, also wie Frauen in der Gesellschaft dargestellt werden und was ihre Aufgaben sind. Beispielsweise in der Werbung: Frauen werden häufig sexualisiert abgebildet, Männer dagegen als klasse Typen. Das heißt, das Stereotyp der Frau stammt noch immer aus einer total patriarchalen Gesellschaft. Da kann man viele Aufklärungskampagnen und Hilfsangebote machen, so schnell ändert sich das nicht. Es braucht viele Vorbilder und eine Menge Zeit. Die vielen Aufklärungskampagnen und die Opferhilfe sind wichtig und gut. Aber die Stereotype ändern sich trotzdem noch sehr langsam.

Gibt es denn auch männliche Stereotype, die toxisch für Männer wie Frauen sein können?

Ja, total. Gleichberechtigung ist nämlich für Frauen und für Männer gut. Aus meiner Erfahrung als Beraterin weiß ich, dass Männer, die in Teilzeit arbeiten wollen, es viel schwerer haben im beruflichen Kontext. Da sagen die Chefs: Moment mal, du hast doch eine Frau daheim, soll die sich um die Kinder kümmern. Oder sie argumentieren damit, dass auf dieser Stelle nur 100 Prozent ginge. Der alleinige Ernährer der Familie zu sein kann auch belasten. Viele wollen auch lieber eine gleichberechtige Beziehung und Verantwortung für die Kinder auf Augenhöhe.

Zurück zu den Betroffenen von Gewalt. Warum schweigen sie so oft?

Das Thema ist immer noch unheimlich tabuisiert. Gerade bei häuslicher Gewalt und Sexualdelikten schätzt die Polizei die Dunkelziffer am allerhöchsten. Betroffene schämen sich, wenn sie so etwas erlebt haben. Niemand möchte ein Opfer sein. Zuzugeben, dass man geschlagen oder vergewaltigt wurde, ist ein großer Schritt. Und im Bereich häusliche Gewalt ist der übergriffige Täter oft jemand, den man eigentlich liebt. Da ist dann die Hoffnung, dass die Gewalt ein Ausrutscher und Einzelfall war. Es gibt auch noch die Angst, dass die Familie auseinanderbricht oder die Kinder die Gewalt mitkriegen. Wenn eine Frau ihren Partner anzeigt, muss er vielleicht ins Gefängnis. Ist sie finanziell von dem Mann abhängig, bricht ihr Einkommen weg. Es sind viele Faktoren, die das Schweigen begünstigen.

Bei physischer Gewalt sind manchmal blaue Flecken zu erkennen, psychische Gewalt dagegen sieht man nicht. Woran lässt sich erkennen, dass ein Partner seine Partnerin psychisch missbraucht?

Als Betroffene erkennt man psychische Gewalt und übermäßige Kontrolle zum Beispiel dann, wenn man das Gefühl hat, dass die Privatsphäre betroffen ist. Der Partner liest die eigene Post, will jedes Mal wissen, wo und mit wem man unterwegs war oder schnüffelt im Handy rum. Aber manchmal ist diese Form der Gewalt sehr subtil und von außen sowieso schwer zu erkennen. Ich glaube, wenn man ein gutes Gefühl für sich selbst und seine Grenzen hat, ist es einfacher, psychische Gewalt als solche zu erkennen.

Kennen Sie den Begriff Gaslighting? Dabei geht es im Kern darum, dass ein Partner dem anderen die eigene Wahrnehmung abspricht und stark manipuliert.

Interessant. Natürlich, wenn die eigene Wahrnehmung nicht mehr stimmt, vertraut man sich selbst nicht mehr.

Ich denke daran, weil sie davon gesprochen haben, dass Menschen psychische Gewalt erkennen können, wenn sie ein gutes Gefühl für sich haben. Aber ist es denn nicht oft ein Problem, dass dieses Gefühl von Gewalt Betroffenen fehlt?

Das stimmt. Oft sind es Frauen, die bereits in der Kindheit Übergriffe oder Missbrauch erlebt haben, die nicht so ein gutes Körperbewusstsein und Gefühl für sich selbst entwickelt haben. Potenziell kann jeder Opfer von Gewalt werden. Doch Menschen mit weniger Selbstbewusstsein erleben leider eher Übergriffe, weil Täter sie bevorzugt als Opfer aussuchen.

Wo bekommen von Gewalt Betroffene Hilfe?

Zum Beispiel bei Beratungsstellen, Therapie- oder Selbsthilfegruppen. Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, sich zu „empowern“ und zu lernen, sich selbst wieder mehr zu vertrauen.

Was ist Ihrer Meinung nach gerade das drängendste Thema, das auf die politische Agenda muss, um Gewalt gegen Frauen zu verringern?

Gewalt gegen Frauen und deren Prävention müssen zu gesellschaftlichen Themen werden. Gerade wurde das mit der sogenannten Istanbul-Konvention auf den Weg gebracht. Diesen europarechtlichen Vertrag hat auch die Bundesrepublik Deutschland unterschrieben. Die Staaten haben sich mit der Konvention verpflichtet, gegen das Thema Gewalt gegen Frauen anzugehen. Deutschland hat anschließend das Sexualstrafrecht reformiert. Vergewaltigungen werden nun auch als solche eingestuft, wenn sich die Frau nicht aktiv gewehrt hat. Die Istanbul-Konvention verpflichtet Länder, Maßnahmen zu ergreifen, zum Beispiel den Opferschutz auszubauen oder dass es genügend Plätze in Frauenhäusern gibt.

Was hilft präventiv gegen Gewalt an Frauen?

Wir müssen als Gesellschaft mehr hingucken und im Zweifel eingreifen. Gewalt sollte von niemanden geduldet werden. Außerdem müssen Männer früh lernen, dass Frauen genauso viel wert sind und sie ihnen auf Augenhöhe begegnen. Das Thema sollte schon in den Grundschulen mehr behandelt werden. Jungs sollten lernen, dass Mädchen die gleichen Rechte haben wie sie. Eine Anekdote: In der Straßenbahn habe ich ein Gespräch zwischen Mutter und Kindergartenkind gehört. Das Mädchen erzählte, dass der Louis sie wieder gehauen habe. Und ihre Mutter erklärte dem Kind daraufhin, dass der Louis doch ein ganz Lieber sei. Er wolle so zeigen, dass er das Mädchen mag. Dieses junge Mädchen kriegt von daheim so schon mit, dass es Gewalt aushalten muss. Eigentlich hätte man das Mädchen darin bestärken und dem Jungen erklären müssen, dass Gewalt nicht in Ordnung ist.

Reformen in Deutschland: Wann welche Gesetze zugunsten von Frauen erlassen wurden

  • 1918: Frauen dürfen in Deutschland wählen.
  • 1949: Das Grundgesetz wird beschlossen. „Männer und Frauen sind gleichberechtigt“, heißt es darin in Artikel 3, Absatz 2. Doch der Alltag funktionierte noch immer nach einem patriarchalen Rollenmodell.
  • 1952: Das Mutterschutzgesetz verbietet es in der BRD, Schwangere sechs Wochen vor der Entbindung und mindestens acht Wochen danach arbeiten zu lassen – es sei denn, die werdende Mutter stimmt der Arbeit zu. Kündigungen sind in dieser Zeit nicht möglich. In der DDR gibt es ein ähnliches Modell.
  • 1957: Der Deutsche Bundestag beschließt das „Gesetz über die Gleichberechtigung von Mann und Frau auf dem Gebiet des bürgerlichen Rechts“. Es sollte die im Grundgesetz verankerte Gleichberechtigung der Geschlechter praktisch umsetzen. Die größte Veränderung ist, dass der Ehemann nicht mehr allein über die Familie entscheiden darf. Denn das sogenannte Letztentscheidungsrecht fällt weg. Allerdings regelte das Gesetz auch klar, dass Ehefrauen sich vorrangig um ihre „Pflichten in Ehe und Familie“ kümmern mussten und „den Haushalt in eigener Verantwortung“ führen.
  • 1962: Frauen dürfen in der BRD ein eigenes Bankkonto eröffnen.
  • 1976: Mütter in der DDR haben Anspruch auf ein bezahltes Babyjahr.
  • 1977: Ehefrauen in der BRD dürfen arbeiten gehen, ohne ihren Mann um Erlaubnis fragen zu müssen. „Die Ehegatten regeln die Haushaltsführung im gegenseitigen Einvernehmen“, steht nun im Gesetz.
  • 1980: Das Gesetz zur Gleichbehandlung von Männern und Frauen bestimmt, dass gleiche Arbeit in der BRD gleich bezahlt werden soll. Faktisch ist es heute immer noch nicht umgesetzt. Der bereinigte Gender-Pay-Gap (der Unterschied in der Bezahlung zwischen Männern und Frauen, Red.) beträgt 6 Prozent.
  • 1994: Das Grundgesetz wird ergänzt. In Artikel 3, Absatz 2, steht ab sofort: „Männer und Frauen sind gleichberechtigt. Der Staat fördert die tatsächliche Durchsetzung der Gleichberechtigung von Frauen und Männern und wirkt auf die Beseitigung bestehender Nachteile hin.“
  • 1997: Vergewaltigung in der Ehe ist nun strafbar.
  • 2007: Andere Menschen zu stalken, also ihnen intensiv nachzustellen, ist jetzt strafbar.
  • 2016: Das Sexualstrafrecht wird reformiert. Sex unter Zwang ist nun auch strafbar, wenn die Frau sich nicht körperlich, sondern mit Worten gegen den Angreifer gewehrt hat. Besser bekannt ist diese Reform unter dem Slogan „Nein heißt Nein!“.
  • 2019: Ärzte und Krankenhäuser dürfen öffentlich darüber informieren, wenn sie Abtreibungen durchführen. Noch immer heißt das zugehörige Gesetz „Werbung für den Abbruch der Schwangerschaft“.
  • 2020: Unerlaubtes Fotografieren unter den Rock oder in die Bluse wird ab 2021 strafbar sein, ebenso das Verbreiten solcher Bilder gegenüber Dritten – beispielsweise in sozialen Medien. Upskirting wird diese Form der sexuellen Belästigung genannt.

RND

Der Artikel "Warum manche Frauen in Beziehungen bleiben, obwohl der Partner zuschlägt" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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