Coronavirus

Welchen Effekt hätte ein härterer Lockdown?

Die Zahl der Corona-Neuinfektionen in Deutschland ist nach langer Zeit der Stagnation wieder gestiegen. Diese Entwicklung zeigt: Der Teil-Lockdown wirkt bisher nicht wie erhofft.
Der Teil-Lockdown in Deutschland wirkt bisher nicht wie erhofft. (Symbolbild) © picture alliance/dpa

Die Infektionszahlen minimieren, um die Epidemie wieder beherrschbar zu machen – dieses Ziel verfolgten Bundeskanzlerin Angela Merkel und die Ministerpräsidenten der Länder, als sie Ende Oktober einen Teil-Lockdown für Deutschland anordneten. Die anfänglich für vier Wochen beschlossenen Maßnahmen wurden inzwischen bis zum 10. Januar verlängert – ihre Wirkung fällt bisher jedoch geringer aus als erhofft.

Die Zahl der täglichen Corona-Neuinfektionen ging in den vergangenen Wochen nicht zurück, sondern stagnierte bei rund 20.000 Fällen. Am Freitag dann ein neuer Rekordwert: Knapp 30.000 Menschen infizierten sich innerhalb eines Tages mit Sars-CoV-2. Ähnlich sprunghaft sind in den vergangenen Wochen auch die Todesfälle gestiegen. 598 Fälle waren es am Freitag – ebenfalls ein neuer Höchststand.

Fallzahlen wären ohne Maßnahmen höher

„Man kann schon sagen, dass sich etwas getan hat durch die Maßnahmen, die in den letzten Wochen und Monaten getroffen wurden“, sagt Jan Fuhrmann. Der Physiker und Mathematiker vom Forschungszentrum Jülich errechnet mit seinem Team Szenarien zur weiteren Entwicklung des Infektionsgeschehens in Deutschland.

Ohne Maßnahmen wären die Fallzahlen zum jetzigen Zeitpunkt deutlich höher gewesen, zeigen die Simulationen. Fuhrmann spricht von rund 100.000 Neuinfektionen pro Tag. Es bleibt jedoch die Frage, ob der Rekordwert am Freitag ein Ausreißer war oder einen Trend ankündigt. „Es würde mich überraschen, wenn es in dieser Geschwindigkeit weiterginge.“

Kontakte müssen weiter reduziert werden

Trotzdem werden die Rufe nach einem härteren Lockdown vonseiten der Wissenschaft und Politik immer lauter. Denn ein abgeschwächtes Infektionsgeschehen ist noch nicht in Sicht. „Wenn wir weitermachen wie bisher, sieht es nicht so aus, dass wir bald wieder in die Nähe von 50 Neuinfektionen pro 100.000 Einwohner in sieben Tagen kommen“, sagt Fuhrmann.

Grund dafür ist auch, dass die Deutschen ihre Kontakte noch nicht ausreichend reduziert haben. „Die Kontaktreduktionen müssen stärker werden“, machte Lothar Wieler, Präsident des Robert-Koch-Instituts, am Donnerstag bei einer Pressekonferenz in Berlin deutlich. „Dann kriegen wir die Zahlen auch wieder herunter.“

Die Kontaktraten, also die Anzahl der Kontakte zwischen Infizierten und Nichtinfizierten pro Tag, hat auch Fuhrmann im Blick: „Es sieht so aus, als hätten wir die Kontaktraten seit dem Spätsommer um 40 bis 50 Prozent reduziert. Um die Fallzahlen wieder unter Kontrolle zu bringen, müssten wir die Kontakte noch mal halbieren. Dann wären wir bei ungefähr 25 Prozent der Kontakte gegenüber dem Spätsommer. Offensichtlich haben wir das durch den Teil-Lockdown nicht erreicht, und jetzt ist die Frage, wie kommt man da hin?“

Physikerin Viola Priesemann fordert kurzen, konsequenten Lockdown

Die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina hat sich am Dienstag in einer Stellungnahme zu weiteren Maßnahmen geäußert. Darin heißt es, dass Kontakte im beruflichen und privaten Umfeld schon ab dem 14. Dezember weitmöglichst reduziert werden sollten. Außerdem: „Ab dem 24. Dezember 2020 bis mindestens zum 10. Januar 2021 sollte in ganz Deutschland das öffentliche Leben weitgehend ruhen und ein harter Lockdown gelten“, schreibt die Akademie in einer Pressemitteilung.

Viola Priesemann, Physikerin am Max-Planck-Institut für Dynamik und Selbstorganisation, hat die Leopoldina-Stellungnahme unterschrieben. Sie sagte gegenüber dem RND, dass ein kurzer, aber wirklich konsequenter Lockdown für zwei bis drei Wochen effektiver sei als ein monatelanger Teil-Lockdown.

In einem Gastbeitrag für die „Zeit“ gibt Priesemann als Ziel eine Wocheninzidenz von rund zehn Neuinfektionen je 100.000 Einwohner an. „Dieses Ziel wurde in vielen Ländern nach der ersten Welle im Frühjahr erreicht, es kann wieder erreicht werden“, schreibt sie in Zusammenarbeit mit der Virologin Sandra Ciesek vom Institut für Medizinische Virologie am Uniklinikum Frankfurt und der Biologin Melanie Brinkmann vom Institut für Genetik der TU Braunschweig.

Reichen drei Wochen Lockdown überhaupt?

Ein härterer Lockdown wie im Frühjahr würde das Infektionsgeschehen stark abbremsen, ist Fuhrmann überzeugt. „Die Zahlen würden zeitweilig sinken, und dieser Trend nach unten würde vermutlich auch entsprechend der üblichen Verzögerung von ein bis zwei Wochen über die Lockdown-Periode hinausgehen“, so der Mathematiker. „Die Frage ist, ob drei Wochen ausreichen.“

Fest stehe hingegen, dass auch nach einem härteren Lockdown eine gewisse Reduktion von Kontakten aufrechterhalten bleiben muss. Fuhrmann betont: „Wir sollten nicht wieder auf Kontaktraten zurückkommen, die wir Ende des Sommers hatten. Gerade in den Wintermonaten, wenn viele Kontakte in Innenräumen stattfinden, ist es unmöglich, das Ganze alleine durch Kontaktnachverfolgung und Testen unter Kontrolle zu bringen.“

Der Artikel "Welchen Effekt hätte ein härterer Lockdown?" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

Ahaus, Heek und Legden am Abend

Täglich um 18:30 Uhr berichten unsere Redakteure für Sie im Newsletter über die wichtigsten Ereignisse des Tages.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.

Lesen Sie jetzt