Coronavirus

Wie weiter nach dem 14. Februar? Debatte über Lockerungen läuft bereits

Lockern, verschärfen oder weiter so nach dem Ablauf der aktuellen Lockdownfrist am 14. Februar? Die Infektionszahlen sinken zwar, doch Corona-Mutationen und Impfstoffmangel geben Anlass zur Sorge.
Wann sitzen hier wieder Kinder? Zwei Wochen vor dem Ablauf der aktuellen Lockdownfrist am 14. Februar wird über Lockerungen der Corona-Maßnahmen besonders für Schulen und Kitas debattiert. © picture alliance/dpa

Bis zum 14. Februar gelten die aktuellen Corona-Beschränkungen. Und dann? Zwei Wochen vor Ende dieser Frist ist erneut eine Debatte um mögliche Lockerungen der Maßnahmen entbrannt. Für die einen ist das Licht am Ende des Tunnels schon in Sicht, die anderen halten weitere dunkle Wochen für wahrscheinlicher. Diese Uneinigkeit ist nun auch der Weltgesundheitsorganisation (WHO) aufgefallen, deren Covid-19-Beauftragter eine klare Botschaft an die deutsche Politik hat. Ein Überblick.

Sachsens Ministerpräsident Michael Kretschmer (CDU) ist zuversichtlich, dass es bei einem weiteren Absinken der Corona-Zahlen schon ab Mitte Februar Lockerungen geben kann. Man könne aber nicht alle Lockerungen auf einmal vornehmen, weil es dann zu viel Mobilität gebe, sagte er am Freitagabend bei einem Onlineforum zur Situation in Sachsen. „Es geht nur Schritt für Schritt.“ An dem Forum in Regie der Konrad-Adenauer-Stiftung beteiligten sich zeitweise 800 Menschen über Zoom, Facebook und Youtube.

„Benötigen jetzt ein verantwortungsvolles Konzept“

Dabei liegt Sachsen bei den Corona-Neuinfektionen immer noch über dem bundesweiten Durchschnitt. Das Robert-Koch-Institut bezifferte die Rate der neuen Fälle in sieben Tagen je 100.000 Einwohner am Samstag auf 124,8. Bundesweit betrug die Sieben-Tage-Inzidenz 90,9. Von den Höchstwerten im Dezember, als die Inzidenz jenseits der 400er-Marke lag, ist Sachsen aber inzwischen weit entfernt.

Lockerungen ab dem 15. Februar forderte am Samstag auch die nordrhein-westfälische FDP-Landtagsfraktion. „Angesichts der rückläufigen Inzidenzwerte benötigen wir jetzt ein verantwortungsvolles Konzept mit konkreten Schritten für Öffnungen ab dem 15. Februar“, sagte Fraktionschef Christof Rasche dem „Kölner Stadt-Anzeiger“.

Die Liberalen schlagen vor, ab dem 15. Februar an den Grundschulen mit einem Wechsel von Unterricht in der Schule und zu Hause zu beginnen. Ab dem 1. März sollten Restaurants, Friseure und Fitnessstudios wieder öffnen, der Einzelhandel könnte ab dem 15. März folgen, betonte Rasche. Diese Öffnungsstrategie sollte mit einer „Corona-Notbremse“ abgesichert werden, die schnelle Gegenmaßnahmen im Fall von lokalen Infektionsausbrüchen ermögliche. Die FDP ist in Nordrhein-Westfalen an der Landesregierung beteiligt.

Mediziner warnen vor Lockdownfolgen für Kinder

Für baldige Lockerungen sprachen sich auch mehrere Mediziner aus – vor allem mit einem Blick auf Kinder. Der Direktor der Westfälischen Kinderklinik Dortmund, Dominik Schneider, beklagte schwere psychische und körperliche Störungen bei Kindern durch die Corona-Pandemie. Quer durch alle Schichten hätten die Belastungen und Erkrankungen zugenommen, sagte Schneider am Samstag im Deutschlandfunk. Als Beispiele nannte er depressive Störungen, Essstörungen, Gewichtszunahme oder pathologisches Medienverhalten. In der Klinik würden Kinder behandelt, die kollabiert seien, weil sie nächtelang am Computer gespielt hätten.

„Wir müssen wirklich die Stimme der Kinder hören“, sagte Schneider. In allen Schichten gebe es verwahrloste oder schlecht ernährte Jungen und Mädchen. Die Einschränkungen durch die Corona-Pandemie seien für Kinder massiv. Von den drei sozialen Räumen Familie, Schule und Freunde oder Hobbys, in denen sich Kinder normalerweise bewegen, seien zwei weggefallen.

Auch kämen Kinder mit schweren Erkrankungen wie Diabetes oder Krebs deutlich später in die Klinik als zu Nicht-Pandemie-Zeiten. Teilweise seien sie in desolatem Zustand. Schneider: „Das liegt einfach daran, dass die Kinder nicht so gut im Gesundheitsnetz – in den Kinderarztpraxen oder in den Kliniken – gesehen werden. Sie sind einfach nicht da.“

Schulen schrittweise öffnen

Die Schulen sollten schrittweise wieder geöffnet werden, forderte der Chefarzt. An Schulen seien selten größere Corona-Ausbrüche vorgekommen, und Kinder erkrankten selten schwer an Corona. Notwendig seien intelligente Lösungen mit verlässlichen Lerngruppen und Testsystemen an Schulen. Dies erfordere Investitionen in Technik und Personal. Die bisherigen Maßnahmen wie das Aufsetzen einer Maske und geöffnete Fenster reichten nicht aus. Die Nachverfolgung von Infektionen müsse verbessert und der Schulweg sicherer gemacht werden, sagte Schneider.

Auch der Chef der Kassenärztlichen Bundesvereinigung, Andreas Gassen, fordert Lockerungen beim Lockdown. „Schulen sollten so schnell wie vertretbar wieder geöffnet werden. Wir vernichten sonst Bildungschancen der Kinder“, sagte er der Düsseldorfer „Rheinischen Post“. Kinderärzte und Jugendtherapeuten berichteten über eine massive Zunahme von verhaltensauffälligen Kindern: „Kein Wunder, wenn sie über Wochen keine anderen Kinder zum Spielen und keine strukturierten Tage mehr haben.“

Schulen sollten so schnell wie möglich öffnen. Darüber besteht insgesamt Einigkeit. Nur: Wie schnell ist das möglich? „Noch sind wir nicht so weit, Kitas und Schulen wieder öffnen zu können“, sagte Bundeskanzlerin Angela Merkel in ihrem am Samstag veröffentlichten Videopodcast. Aber: „Je konsequenter wir uns jetzt verhalten, auf Kontakte verzichten und da, wo sie unumgänglich sind, Abstand halten, Hygieneregeln beachten und Masken tragen, desto schneller wird das wieder möglich sein.“

„Wir müssen die Zahlen jetzt weit herunterbekommen“

Merkel warnte zugleich vor übereilten Schritten: Zwar gingen die Infektionszahlen zurück – gleichzeitig gebe es aber eine sehr reale Gefahr durch die hochansteckenden Virusmutationen. „Deshalb müssen wir auf unserem Weg durch die nächsten Wochen vorsichtig und behutsam handeln.“

Dass Lockerungen der Corona-Schutzmaßnahmen schnell möglich sind, glaubt auch Unionsfraktionschef Ralph Brinkhaus nicht. Er hält vielmehr eine Verlängerung des Lockdowns über den 14. Februar hinaus für erforderlich. „Besser jetzt noch ein wenig länger etwas härtere Maßnahmen als ein Raus-rein-raus-rein, was letztlich alle zermürbt“, sagte der CDU-Politiker dem RedaktionsNetzwerk Deutschland (RND).

Viele Beschränkungen müssten im Kern vermutlich noch einmal verlängert werden. „Wir müssen die Zahlen jetzt weit herunterbekommen.“ Deutschland müsse wegen der Mutation des Virus bei Lockerungen der Maßnahmen sehr vorsichtig sein, mahnte Brinkhaus.

Auch Mecklenburg-Vorpommerns Ministerpräsidentin Manuela Schwesig erteilte Hoffnungen auf rasche Lockerungen von Corona-Auflagen eine Absage. Sie sehe die Mutationen des Coronavirus mit ganz großer Sorge, sagte die SPD-Politikerin am Freitagabend in einem „ARD-Extra“. „Dann, glaube ich, reden wir weniger über Lockerungen, sondern eher über Verschärfungen“, betonte Schwesig.

Langfristiger Fahrplan statt Lockerungsdiskussionen

Thüringens Ministerpräsident Bodo Ramelow (Linke) plädierte vor allem für eine längerfristig angelegte Corona-Politik. „Meine Perspektive ist keine Lockerungsdebatte, sondern ein Fahrplan, der uns über Monate hinweg eine Perspektive gibt“, sagte er dem RND. „Dazu gehören ein Kriterienkatalog, was bei bestimmten Inzidenzen geschieht, und medizinische Versorgungskapazitäten.“

Ramelow fügte hinzu: „Wir sind hart an der Grenze der Überforderung. Wir müssen Reserven aufbauen. Die Debatte über Lockdown und Lockerungen bringt uns nicht weiter.“ Der Fahrplan solle möglichst „bis Ostern gelten“, sagte der Linken-Politiker. „Dabei sollten wir auch die Langzeitwirkungen für jüngere Menschen nicht aus dem Blick verlieren.“

Der Covid-19-Beauftragte der Weltgesundheitsorganisation (WHO), David Nabarro, rief Politiker in Deutschland zu mehr Einheit im Kampf gegen das Coronavirus auf – und zu einer noch konsequenteren Durchsetzung von Schutzmaßnahmen. Vertreter von Bund und Ländern müssten geschlossen dieselbe Botschaft verkünden, sagte Nabarro der Deutschen Presse-Agentur. Ein Ende der Pandemie sei noch nicht abzusehen, warnte Nabarro. „Ich rechne damit, dass es noch lange dauert, Monate – wir sind dem Ende noch lange nicht nahe.“

Brauchen wir den Jürgen-Klopp-Effekt?

Um alle Menschen hinter die Corona-Schutzmaßnahmen zu bringen, brauche Deutschland einen Jürgen-Klopp-Effekt, sagte Nabarro mit Verweis auf den früheren Fußballtrainer von Borussia Dortmund, der heute in Liverpool arbeitet. „Klopp weiß, wie man Menschen berührt und Massen zusammenbringt“, sagte Nabarro. „Er hätte sicher gute Ideen.“

Statt hier und da laut über Lockerungen nachzudenken, müsse die Botschaft aller Politiker unisono lauten: Maske tragen, notfalls auch draußen, Abstand halten, auch im Nahverkehr oder in Fabriken, Handhygiene und Infizierte und deren Kontakte isolieren.

„Die Gruppe der Gegner von Corona-Schutzmaßnahmen ist eigentlich klein, aber wenn Politiker streiten, wächst sie“, sagte Nabarro. In Europa habe man Angst vor einem Polizeistaat, doch sei die konsequente Isolation bei Symptomen eine Voraussetzung für Freiheit. „Dieses Virus wird uns besiegen, wenn wir nicht einig sind.“

Von Thailand, Kambodscha und Australien lernen

Deutschland sei mit rigorosen Schutzmaßnahmen im vergangenen Jahr gut gestartet. „Warum haben sie die Gründlichkeit nicht beibehalten?“, fragte Nabarro. „Es ist fast so, als hätten reiche Länder gedacht, sie kämen ohne harte Arbeit durch die Pandemie.“ Europa könne von Ländern wie Thailand, Kambodscha, Australien und Neuseeland lernen.

Mit autoritären Regierungen, wie oft behauptet werde, habe der dort erfolgreiche Kampf gegen das Virus nichts zu tun. Vielmehr würden Solidarität und Nachbarschaftshilfe so gefördert, dass die Bevölkerung rigorose Schutzmaßnahmen mittrage.

RND

Der Artikel "Wie weiter nach dem 14. Februar? Debatte über Lockerungen läuft bereits" stammt von unserem Partner, dem RedaktionsNetzwerk Deutschland

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