Matthias Zimmer, hier mit Sohn Max in seinem Laden in der Altstadt, sieht den Einzelhandel unter großem Leidensdruck. © Tobias Weckenbrock
Corona-Lockerung

Castroper Händler kritisiert Lockerungsbeschluss: „Nicht Fisch, nicht Fleisch“

Der Leidensdruck im Einzelhandel ist groß nach dem langen Lockdown. Glücklich ist Casconcept-Chef Matthias Zimmer nicht mit den Lockerungen. Er warnt vor „Einkaufstourismus“.

Die schlimmste Lockdown-Zeit könnte für den Einzelhandel jetzt vorbei sein. Wenn die Inzidenz stabil unter 50 sinkt, dürfen ab Montag (8.3.) alle Einzelhändler (mit Beschränkung der Kundenzahl auf 1 Kunde je 10 oder 20 Quadratmeter Verkaufsfläche) wieder öffnen, egal in welchem Sortiment sie unterwegs sind.

Liegt die Inzidenz zwischen 50 und 100, so wie zurzeit in NRW und im Kreis Recklinghausen, dürfen sie auch öffnen, aber nur 1 Kunden je 40 Quadratmeter Fläche nach Terminvereinbarung in ihr Geschäft lassen („Click and meet“).

„Das ist ein echter Kurswechsel in dieser Pandemie“, beurteilt Matthias Zimmer, Juwelier in der Altstadt und Vorsitzender der Standortgemeinschaft Casconcept, die neuen Regeln, auf die sich Kanzlerin und Ministerpräsidenten am Mittwoch verständigt haben. „Bisher galt die 50er-Inzidenz ja als Gral, dann kam sogar noch die 35 ins Spiel. Darüber, so war die Tendenz, ließe sich gar nichts machen“, so Zimmers Einschätzung der bisherigen Lage.

Menschen haben Sehnsucht nach Normalität

Offenbar habe sich die Einstellung dazu jetzt in der Politik jetzt aber geändert, „entweder unter dem zunehmenden öffentlichen Druck oder als Reaktion auf die Sehnsucht vieler Menschen nach etwas mehr Normalität“, so Zimmer. Die neue Verordnung, die in Castrop-Rauxel nach der Inzidenzlage im Kreis erst einmal einen Einkauf nach Terminvereinbarung ermöglichen dürfte, sieht Zimmer allerdings mit sehr gemischten Gefühlen: „Dieser Schritt ist nicht Fisch und nicht Fleisch, hilft dem Einzelhandel nur sehr bedingt.“

Natürlich könnten die Kunden wenigstens wieder in die Läden kommen, müssten nicht wie bisher beim möglichen „Click and collect“ an der Ladentür abgefertigt werden. Aber bei kleinen inhabergeführten Läden bringe das nicht den ganz entscheidenden Schritt, wie Zimmer nach Gesprächen mit so manchem Kollegen glaubt.

„Denn die Lage im Einzelhandel ist wirklich ernst, der Leidensdruck ist schon sehr hoch“, so Matthias Zimmer. Das sei sicher nicht in allen Branchen gleich schlimm, aber gerade in Textilgeschäften wie von Jens Reiter oder bei „Strümpfe und mehr“ am Biesenkamp, „wo fürs Saisongeschäft ganz früh geordert und dann auch bezahlt werden muss, man aber jetzt im Frühjahr noch nicht einmal die Herbstware verkaufen konnte, ist die Lage natürlich richtig kritisch“, sagt Zimmer.

Persönliche Verantwortung ist dann gefragt

Und genau da bringe die äußerst eingeschränkte Öffnungsmöglichkeit, die sich jetzt bietet, keine echte Entlastung von Sorgen. „Der Schritt zur richtigen Öffnung wird der entscheidende Schritt“, glaubt Zimmer, und auf den hofft der Geschäftsmann angesichts der kontinuierlich sinkenden Inzidenzen ganz stark in den kommenden zwei Wochen.

„Wenn geöffnet wird, wird die persönliche Verantwortung jedes Einzelnen aber erst recht noch mehr gefragt sein“, meint Zimmer. Wenn die Menschen verstärkt wieder rausgingen, sei es wichtig, weiter Disziplin zu zeigen. „Aber das scheint in Castrop-Rauxel ja zu funktionieren, wie die neuesten Inzidenz-Werte heute zeigen“, verweist Zimmer auf den lokalen Erfolg mit einem Wert von unter 50.

Einkaufstourismus wäre fatale Entwicklung

Schlimm wäre es aus Sicht des Casconcept-Chefs, wenn unterschiedliche Inzidenz-Zahlen in der näheren Umgebung zu einem Einkaufs-Tourismus in umliegende Städte führen würden, die als erste stabil den 50er-Wert unterschreiten können. Zimmer: „Das wäre nicht hilfreich in dieser Situation.

Hilfreich wäre es aus seiner Sicht aber, wenn alle Menschen etwas aus der Pandemie lernen würden. Auch über die Bedeutung der Altstadt etwa: „Wer geht denn jetzt schon raus, wo kein Laden und keine Gastronomie geöffnet hat? Das ist doch ein trauriges Bild, zeigt aber, wie wichtig eine funktionierende und lebendige Innenstadt ist.“

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
1961 geboren. Dortmunder. Jetzt in Castrop-Rauxel. Vater von drei Söhnen. Opa. Blogger. Interessiert sich für viele Themen. Mag Zeitung. Mag Online. Aber keine dicken Bohnen.
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Thomas Schroeter

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