Bernd Föcking vor Mount Monadnock, dem Hausberg seines Wohnorts in New Hampshire. Seit Jahrzehnten lebt der Lehrer in den USA. © Bernd Föcking
Hampshire Country School

Castroper Lehrer in den USA: Hollywood machte seine Schule weltberühmt

Der Castrop-Rauxeler Bernd Föcking lebt in den USA, leitete dort ein Privatinternat für besondere Schüler. Für einen Hollywood-Film über das Internet gab es sogar einen Golden Globe.

„Hampshire Country School“. Hinter diesem Namen verbirgt sich die einzige Schule in den USA, die Kinder und Jugendliche mit einer Autismus-Spektrum-Störung intellektuell fördert. Dass Bernd Föcking einmal als „Head of School“ dort arbeiten würde, konnte er nach seinem Abitur am Adalbert-Stifter-Gymnasium und dem Lehramtsstudium an der Ruhr-Universität Bochum nicht ahnen.

Was hat ihn in die Staaten verschlagen? „An Thanksgiving 2001 bin ich mit meiner jetzigen amerikanischen Ehefrau Katherine in die USA gezogen. Wir hatten uns in einem Sommercamp kennengelernt, aber zunächst zwei Jahre in Deutschland gelebt. Dann beschlossen wir, das Leben jenseits des Atlantiks auszuprobieren.“

Seit 20 Jahren ist der kleine Ort Antrim im ländlichen Teil des nordöstlichen Bundesstaates New Hampshires die Heimat des 46-Jährigen, der vor allem die einzigartige Natur der Gegend schätzt: „Wir haben herrliche Berge, wie den fast 2000 Meter hohen Mount Washington, sind aber auch relativ schnell an der Atlantikküste und in Boston.“

Bernd Föcking lebt hier mit seiner Frau, Sohn Charlie (17) und Tochter Ronja (14). Gerade hat die Familie Zuwachs bekommen. „Wir haben den achtjährigen Clayton angenommen, der nach über sechs Jahren in einem Kinderheim völlig traumatisiert war“, erklärt der Castroper.

Förderung von Hochbegabten

Die Beschäftigung mit schwierigen Kindern und Jugendlichen hat die berufliche Tätigkeit von Bernd Föcking in den vergangenen 20 Jahren geprägt. Zunächst arbeiteten er und seine Frau als Lehrer an der Hampshire Country School, bevor ihm im Jahr 2009 die Leitung des Privatinternats übertragen wurde.

Eine interessante aber auch herausfordernde Aufgabe, wie der Castroper erklärt: „Die Kinder und Jugendlichen mit autistischen Störungen kommen vorwiegend aus allen Teilen der USA, aber auch aus Hongkong, Saudi Arabien oder Mexiko. Sie werden hier nicht wegen ihrer Krankheit behandelt, sondern aufgrund ihrer Hochbegabung gefördert. Manchmal ist es aber nicht so einfach, Kinder im Regelunterricht zu haben, die schon mal mit einem Stuhl werfen.“

Bernd Föcking bei einer Wanderung mit seinen Schülern © Bernd Föcking © Bernd Föcking

Mit den US-Schülern bei „Castrop kocht über“

Wenn Bernd Föcking auch als Schulleiter hauptsächlich damit befasst war, „auf hohem Niveau zu betteln“, also die finanziellen Zuwendungen der Sponsoren zu sichern, so lag ihm doch der Kontakt zu den Schülern sehr am Herzen: „Es ist wichtig, dass man die Kinder gern hat und ihr besonderes Profil nicht abstoßend findet.“

Ohne das enge Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern wären zum Beispiel die drei Deutschland-Trips nicht möglich gewesen, die Föcking in den vergangenen sechs Jahren mit Jugendlichen des Internats unternommen hat. „Wir waren in Berlin, Hamburg und Frankfurt und sind von einer Jugendherberge zur anderen getingelt“, berichtet er und fügt augenzwinkernd hinzu: „Höhepunkte waren natürlich ein Besuch bei „Castrop kocht über“ und ein Grillabend bei meinem Bruder in der Schubertstraße.“

Die Gruppe der Hampshire Country School bei einem Besuch des Bergbaumuseums in Bochum
Eine Gruppe der Hampshire Country School bei einem Besuch des Bergbaumuseums in Bochum © Bernd Föcking © Bernd Föcking

Golden Globe für „Du gehst nicht allein“

Große Aufmerksamkeit erhielt die kleine Schule in New Hampshire, als sie in einer Hollywood-Produktion aus dem Jahr 2010 im Mittelpunkt stand. Der Film „Du gehst nicht allein“ thematisiert das Leben der ehemaligen Internatsschülerin Temple Grandin, die dem Film im Original auch seinen Namen gegeben hat.

Temple Grandin ist eine autistische Spezialistin für Tierwissenschaften. Im Film wird sie von Clare Danes verkörpert. Der Film erhielt einige Emmy Awards und sogar einen Golden Globe. Temple Grandin ist heute eine weltweit anerkannte Sprecherin für Autisten.

Bernd Föcking erinnert sich an die Filmarbeiten: „Die Produzenten haben an der Schule viele Aufnahmen gemacht, haben dann das Set aber in Arizona nachgebaut. Man benötigte beständiges Wetter für die Dreharbeiten und eine entsprechende Infrastruktur. Das konnten wir in unserem ländlichen Umfeld nicht bieten.“

Das Beispiel von Temple Grandin zeigt Föckingzufolge, dass es viele autistische Kinder gibt, die bei intensiver Förderung einen erfolgreichen Weg gehen können: „Die Hampshire Country School hat bisher viele kluge und interessante Köpfe hervorgebracht, die sonst vielleicht keine Chance gehabt hätten.“

Geschlossener Campus in Corona-Zeiten

Die Corona-Krise stellte das Internat 2020 vor besondere Herausforderungen. Mit dem drastischen Anstieg der Infektionen wurde der Campus komplett geschlossen. „Für die Schüler änderte sich ja nicht viel“ so Föcking, „aber für unsere Mitarbeiter war es großer Stress, mit dem nicht jeder Lehrer zurechtkam.“

Als sich die Lage entspannte, wurde wieder ein Sommercamp veranstaltet, zu dem die Eltern eingeladen wurden. „Es gab aber Auflagen. Die Familie durften nicht per Flieger anreisen, sondern nur mit dem Auto. Wir hatten eine Familie, die sich aus Kalifornien in einem Camper quer durch die Staaten auf den Weg gemacht hatte“, berichtet Föcking.

Dabei hatten Eltern auch Gelegenheit, die eigene Farm der Hampshire Country School zu besuchen, die die Schule zur Fleisch- und Gemüseproduktion betreibt. Seit Beginn des Farmprogramms im Jahr 2009 hat sie sich ständig weiterentwickelt und deckt inzwischen ungefähr 80 Prozent des Fleischkonsums an der Schule ab.

Gemeinsame Mahlzeit an der Hampshire Country School. Durch einen Hollywood-Film wurde die Schule berühnmt.
Gemeinsame Mahlzeit an der Hampshire Country School. Durch einen Hollywood-Film wurde die Schule berühnmt. © Bernd Föcking © Bernd Föcking

Neuer Job als Schulpsychologe

Das Sommercamp war die letzte Veranstaltung, die der Castroper an dem Internat organisierte. Seit Juli 2020 arbeitet er als Schulpsychologe für einen öffentlichen Schulbezirk. „Ich wollte mal etwas anderes ausprobieren. In den USA hat man eine größere berufliche Flexibilität. In Deutschland wäre ich immer Lehrer geblieben. Möglich, dass ich in einigen Jahren mal in einem anderen Bundesstaat arbeiten werde“, erklärt Bernd Föcking.

In seinem neuen Beruf ist er durch die Pandemie gleich mit Problemen konfrontiert worden. Gerade in den ländlichen Gebieten gestaltete sich beispielsweise das Home Schooling zunächst schwierig. Nicht jede Familie besitzt Laptop oder schnellen Internetzugang.

Daher war Improvisieren angesagt: „Am Anfang wurde wahnsinnig viel kopiert. Die Schulbusfahrer sind im Bezirk herumgefahren, haben Arbeitsmappen in die Familien gebracht und wieder eingesammelt“, erzählt Bernd Föcking. „Inzwischen hat aber jeder Schüler ein Laptop und für die Familien wurden Hotspots eingerichtet.“

Heimweh nach leckeren Brötchen und scharfem Senf

Nach 20 Jahren hat Bernd Föcking vieles an der amerikanischen Lebensweise schätzen gelernt. Trotzdem vermisst er das eine oder andere aus seiner alten Heimat: „Morgens leckere Brötchen vom Bäcker zu holen, das fehlt mir schon. Und unser Vorrat an scharfem Senf geht langsam zur Neige.“

Am meisten fehlt dem Fan des BVB und des VfL Bochum der Stadionbesuch: „Vor Corona-Zeiten bin ich auch schon mal für ein langes Wochenende herüber geflogen. Ich habe dann so geplant, dass ich zwei Spiele sehen konnte, vom BVB und vom VfL.“

In New Hampshire findet er keinen vollwertigen Ersatz für solche Fußballerlebnisse: „Ich gehe auch schon mal zu Spielen der New England Revolution in der Major League Soccer, aber das kann man nicht mit Bundesligaspielen in Deutschland vergleichen. Hier ist mehr American Football angesagt.“

Die Schülergruppe der Hampshire Country School wurde 2019 im Bundestag von der stellvertretenden Regierungssprecherin Martina Fietz empfangen
Die Schülergruppe der Hampshire Country School wurde 2019 im Bundestag von der stellvertretenden Regierungssprecherin Martina Fietz empfangen © Bernd Föcking © Bernd Föcking

Als Rentner zurück nach Castrop-Rauxel?

Sieht Bernd Föcking seine Zukunft in den USA? „Beruflich werde ich nicht wieder nach Deutschland kommen, aber es kann durchaus sein, dass wir unseren Ruhestand im Ruhrgebiet verbringen. Wir haben in Castrop-Rauxel eine große und sehr intakte Freundesgruppe und meine Geschwister leben auch in der Region.“

Er hofft, dass die regelmäßigen Besuche Bestand haben werden, und „dass ich bald auch wieder Erstliga-Fußball im Ruhrstadion sehen kann. Die Chancen stehen ja ganz gut!“

Über den Autor
Freier Mitarbeiter
In Castrop-Rauxel geboren und in der Heimatstadt geblieben. Schätzt die ehrliche und direkte Art der Menschen im Ruhrgebiet. Besonders interessiert am Sport und den tollen Radwegen im Revier.
Zur Autorenseite
Dieter Düwel

Der neue Lokalsport-Newsletter für das Münsterland

Immer dienstags und freitags um 18:30 Uhr das Wichtigste aus dem Lokalsport direkt in Ihr E-Mail-Postfach.

Informationen zur Datenverarbeitung im Rahmen des Newsletters finden Sie hier.