Im EvK Castrop-Rauxel sind zurzeit nur rund 130 Patienten. Normalerweise sind es über 300. Hintergrund sind Corona-Infektionen in der Belegschaft. © Tobias Weckenbrock
Coronavirus

EvK fährt wegen Corona herunter: Auslastung nur noch bei 30 Prozent

Im Evangelischen Krankenhaus Castrop-Rauxel kommen aktuell auf 390 Betten nur 130 Patienten. Normal wäre das finanziell problematisch. Am EvK ist es das letzte Mittel gegen Corona.

Wenn im Krankenhaus ein Corona-Patient liegt, ist das keine Besonderheit: Die Kliniken landauf, landab sind zurzeit die letzten Bastionen gegen den Covid-19-Tod. Aber im Evangelischen Krankenhaus (EvK) Castrop-Rauxel ist die Situation außer Kontrolle geraten: Dort sind rund 70 Mitarbeiter der rund 900 Personen umfassenden Belegschaft infiziert oder in Quarantäne. Über 40 Patienten haben Covid-19. Irgendwo muss es ein Sicherheits-Leck gegeben haben.

Um ausfindig zu machen, wo dieses Leck lag, hat der Kreis Recklinghausen die Vorkehrungen im EvK untersucht und dabei auch Schutzkleidung und die Testungs-Routine besprochen.

130 Patienten bei 390 Betten insgesamt

Aber es gibt Sofortmaßnahmen: Das Krankenhaus hat den Betrieb auf rund 30 Prozent Auslastung heruntergefahren. Das bedeutet: In den knapp 390 Betten der Klinik liegen rund 130 Patienten. 45 von ihnen mit Covid-19, die anderen mit anderen Erkrankungen.

30 Prozent: Wie kann ein Krankenhaus diese Delle finanziell auffangen? Ein Vergleich mit dem anderen Castrop-Rauxeler Krankenhaus, dem St.-Rochus-Hospital, ergibt: Auch dort gab es vergangenes Jahr einen solchen vorübergehenden Tiefpunkt, der sogar den am EvK noch unterschritt. Holger Böhm von der Unternehmenskommunikation der Katholischen St.-Lukas-Gesellschaft sagt auf Anfrage, dass im März 2020 nur 21,6 Prozent der Betten belegt gewesen seien.

Rochus-Hospital zurzeit bei 62,8 Prozent Auslastung

Über längere Zeit wäre das fatal, denn der Kostenapparat, vor allem die Gehälter der Beschäftigten, läuft weiter. „Zu Zeiten, die nicht durch die Corona-Situation belastet sind, arbeitet das St.-Rochus-Hospital ab einer Bettenbelegung von 80 Prozent rentabel“, erklärt Holger Böhm. Zurzeit seien die Kapazitäten dort pandemiebedingt „nur“ zu 62,8 Prozent ausgelastet. Auf dem Höhepunkt der Belegung hab man aber nach Ausbruch der Pandemie auch phasenweise schon mal geschäftlich gesunde 88,7 Prozent Auslastung verzeichnet.

Kliniken bekommen für frei gehaltene Betten für eine eiserne Corona-Reserve finanzielle Ersatzleistungen von der Bundesregierung. Damit stellte man sich vor allem zu Beginn der ersten Corona-Welle auf eine Situation ein, die so bisher noch gar nicht eingetreten ist: Man wusste nicht, was konkret kommt, war aber aufgrund der Bilder aus Norditalien und Spanien aufs Schlimmste gefasst. In dieser Phase wurden viele Betten explizit frei gehalten.

Experte: Zum Teil höhere Einnahmen durch leere Betten

Experte für Krankenhausfinanzierung ist Prof. Dr. Jürgen Wasem von der Universität Duisburg-Essen und Inhaber des Lehrstuhls für Medizinmanagement an der wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät. Er erläutert: „Sehr schnell hat die Politik im Frühjahr einen Krankenhausrettungsschirm aufgespannt.“

Professor Jürgen Wasem, Experte für Krankenhausmanagement an der Uni Duisburg/Essen.
Professor Jürgen Wasem, Experte für Krankenhausmanagement an der Uni Duisburg/Essen. © UDE Frank Preuß © UDE Frank Preuß

Anfangs wurden die Einnahmerückgänge pauschal mit 560 Euro je fehlendem Krankenhaustag ausgeglichen. Für kleinere Häuser, und dazu zählt er das EvK, sei das „sehr großzügig“ gewesen, „so dass viele kleinere Häuser dadurch sogar höhere Einnahmen erzielt haben, als wenn sie die Behandlungen durchgeführt hätten“.

Seit Sommer wird aber stärker unterschieden. Der Betrag variiert seither je nach Haus zwischen 360 und 760 Euro. Für das EvK gelte der untere Betrag, für die Städtischen Kliniken Dortmund beispielsweise 660 Euro. „Im weiteren Verlauf sind diese Regelungen ab November zunächst auf Häuser in Regionen mit hohen Covid-Zahlen und niedrigen freien Kapazitäten an Intensivbetten beschränkt worden“, so Wasem. Zum Jahreswechsel sei der Kreis der berechtigten Häuser aufgrund der drängenden Infektionslage wieder ausgeweitet worden.

Durchschnittliche Auslastung liegt bei 78 Prozent

In normalen Zeiten liegt die durchschnittliche Auslastung eines Krankenhauses laut Jürgen Wasem bei 78 Prozent. „Wegen der Pandemie haben die meisten Krankenhäuser eine viel geringere Nutzung, als laut Krankenhausbedarfsplan mit den Krankenkassen vereinbart war“, erklärt er. Das führe zu deutlichen Einnahmeverlusten. „Unter den normalen Spielregeln werden diese nur zu einem kleineren Teil aufgefangen.“

Dennoch, so Wasem, habe die Auslastungs-Delle keine direkten Konsequenzen. „Die Budgets der Krankenhäuser werden mit den Krankenkassen vereinbart und richten sich nach der zu erwarteten Belegung“, sagt der Experte. Eine Klinik müsse lediglich versuchen, die vereinbarte zu erwartende Belegung in etwa zu erreichen. Wenn ein Krankenhaus weniger belegt sei, als mit den Krankenkassen vorab vereinbart, bekommt es einen kleineren Teil des Einnahmenausfalls im Folgejahr von den Krankenkassen nachgezahlt.

Wie das konkret in der Corona-Situation am Ende gehandhabt wird, muss man abwarten. Klar ist aber: Keine Klinik hält freiwillig 260 ihrer 390 Betten frei, um sie im Notfall mit Corona-Patienten belegen zu können. Die OP-Säle im Rochus-Hospital stehen nicht still: Dort finden zurzeit trotz der Corona-Pandemie diverse Operationen statt. Das gilt fürs EvK aktuell nicht. Dort hat man den Regel-Klinikbetrieb derzeit weitgehend heruntergefahren.

Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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