Kai-Uwe ist als Obdachloser seit zig Jahren einer der Schützlinge der Stadt Castrop-Rauxel. Er wohnt in einer städtischen Unterkunft in Merklinde. © Tobias Weckenbrock
Harkortsiedlung

Kai-Uwe, der Boxer: Zoff unter Obdachlosen und wie die Stadt deeskalierte

Sie waren Kumpel. Bis Montag. Da nahm sein Mitbewohner die Unterkunft an der Harkortstraße auseinander. Ein Ausraster. Kai-Uwe (57) wohnt nun allein. Aber allein ist der Obdachlose eigentlich nicht.

Die Geschichte von Kai-Uwe und der Stadtverwaltung Castrop-Rauxel beginnt vor 30 Jahren. Seither wohnt der Mann, der am 31.8.1964 geboren wurde, in städtischen Obdachlosen-Unterkünften. Am Montag erreichte sie einen dramatischen Tiefpunkt. Denn es gab Zoff. Randale, für die Kai-Uwe aber offenbar nichts konnte.

Der Trinker, der heute an der Harkortstraße in Merklinde wohnt, war lange „auf Zeche“, wie er sagt: Bis zum 28.5.1993, das sagt er datumsgenau, war er auf Schacht 10 bei Prosper Haniel beschäftigt. Dann sollte er „nach Prosper 4 wechseln“. Das passte ihm nicht: Er musste weit fahren zur Arbeit. Seine Frau haute ihm ab, er verlor seinen Führerschein, er schlief regelmäßig in seinem Auto am Kanal. „Da hab ich gesoffen“, sagt er. Für ihn begann damit der wahre Weg nach unten.

Mehrere Entgiftungen mitgemacht

Kai-Uwe machte über die Jahre mehrere Entgiftungen mit. Doch der Alltag warf den Mann immer wieder zurück. Boxer war er in seinen jungen Jahren, trainierte in der Halle der damaligen Pestalozzischule auf Schwerin beim Boxclub Boxring 28/74. Zu kämpfen hatte er gelernt. Doch er geriet in diesen teuflischen Kreislauf.

Der Obdachlose Kai-Uwe mit Youssef Anan, Mitarbeiter der Stadt im Bereich Migration/Obdachlose, vor der Wohnung an der Harkortstraße, in der er untergebracht ist.
Der Obdachlose Kai-Uwe mit Youssef Anan, Mitarbeiter der Stadt im Bereich Migration/Obdachlose, vor der Wohnung an der Harkortstraße, in der er untergebracht ist. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Zeitweise wusch er sich auf dem Friedhofs-WC, duschte mitunter im Hallenbad. Und schlafen? Draußen oder im Auto? „Das ist kein Schlaf!“, sagt Kai-Uwe. Es sei so: Wenn der Pegel des Alkohols nachlasse, dann musste er nachkippen. Selten allein, oft mit Kumpels.

Er wohnte eine Zeit lang auf Schwerin, hatte eine eigene Wohnung an der Falkenstraße. Dann wechselte der Besitzer von der GeWo zur LEG. Die renovierte die Wohnungen, baute Balkone davor – „und da wurde es für mich zu teuer“. Er musste raus.

Gondelteich war sein „Kühlschrank“

Dann wohnte er in einer städtischen Unterkunft am Heisterkamp in Behringhausen, Ecke Westring. Er geriet ins „Obdachlosenasyl“, wie er sagt, arbeitete in einer Beschäftigungsmaßnahme, habe Lastwagen ausladen müssen, Möbel zusammengebaut und poliert. Danach trank er oft auf dem Erin-Gelände oder im Stadtgarten: „Six-Pick raus und gib ihm“, sagt er. Der Wasserfall am Gondelteich sei sein Kühlschrank gewesen. Heute dagegen treffe man ihn am Baum an der Marien-Kirche in Merklinde. Aber jetzt, im Winter, nicht.

Dann ist er zu Hause, wie er sagt: Wie an diesem Wochenende, Harkortstraße in Merklinde, Obergeschoss. In seiner WG mit einem Freund gab es richtig Streit. Es gab harte Drogen, die Kai-Uwe aber noch nie angepackt hat. „Er ist ein Polytoxikomane“, sagt der 56-Jährige: im Methadon-Programm, das bei Heroin-Abhängigkeit das Rauschgift ersetzen soll. „Und zusätzlich haut er sich noch Pillen rein.“

Schränke kaputt geschlagen

So eskalierte der Mitbewohner, als er seine Drogen nicht fand. Er riss Schranktüren auf und ab, wühlte alles durch, schlug um sich und bedrohte seinen Kumpel Kai-Uwe. „Wenn der mich anpackt, dann hau ich ihn um“, sagt der. Angst? Habe er keine. Aber trotzdem tat er, was ihm die Stadt dann ans Herz legt: Er rief die Polizei.

„Alle Bewohner wissen das“, sagt Susanne Köhler. Sie leitet bei der Stadt Castrop-Rauxel den Fachbereich Migration und Obdachlose. „Sie rufen die Polizei an, die ruft uns dazu und gemeinsam trennen wir die Bewohner.“ Dafür hat die Stadt einen 24-Stunden-7-Tage-Bereitschaftsdienst.

Youssef Anan und Susanne Köhler von der Stadtverwaltung kümmern sich um Menschen wie den Obdachlosen Kai-Uwe in der städtischen Unterkunft an der Harkortstraße.
Youssef Anan und Susanne Köhler von der Stadtverwaltung kümmern sich um Menschen wie den Obdachlosen Kai-Uwe in der städtischen Unterkunft an der Harkortstraße. © Tobias Weckenbrock © Tobias Weckenbrock

Montagnacht sagte die Polizei: „Wenn das hier nicht klappt, nehmen wir einen von euch mit.“ Für sie sei nicht klar ersichtlich gewesen, wer der Verursacher der Verwüstung gewesen sei. „Wenn wir kommen, dann klappt das meistens“, sagt Susanne Köhler. Leute aus ihrem 21-köpfigen Team beruhigten die Lage. Die Polizei und die Leute von der Stadt kennen sich.

Der Mitbewohner wurde in ein Nachbarhaus der Unterkunft gebracht und konnte erst einmal dort bleiben. „Der Hosenträgermann und sein Kumpel, der Pole, die wohnen da und haben ihm dann zur Beruhigung noch was zu essen gegeben“, sagt Kai-Uwe. „Wir waren ein Herz und eine Seele. Bis die eine Droge dazu kam. Für mich ist das Zeug tabu. Das nehm‘ ich nicht, dafür geb‘ ich kein Geld aus, keine 10 Euro für fünf Minuten Spaß inne Backen.“

Sechser im Lotto: „Dann würde ich ne Butterfahrt machen“

Er selbst ist jetzt wieder allein in seiner Unterkunft unterm Dach des Mehrfamilienhauses. Er sagt, er spiele jede Woche zwei Reihen Lotto. Einen Sechser im Lotto, das würde er sich wünschen. Und dann? „Dann würde ich eine Butterfahrt nach Holland machen, Lakritz essen und sowas.“ Ansonsten wolle er hier bleiben. „In Castrop-Rauxel. Hier bin ich geboren, das reicht mir, hier will ich bleiben. Dortmund schon mal gar nicht, Bochum auch nicht. Essen nicht. Gelsenkirchen nicht.“

Mit wem er bald zusammen wohnt, ist offen. „Mit neuen Leuten muss ich erst immer warm werden“, sagt Kai-Uwe. Aber Susanne Köhler und ihre Leute, die seien für ihn da: „Die sind korrekt. Die helfen uns. Manchmal schimpfen sie auch. Die meinen das dann auch ernst.“

Anmerkung der Redaktion: Wir berichten über das Thema Obdachlosigkeit. Dabei gibt es in Castrop-Rauxel eigentlich keine „Obdachlosen“, also Menschen, die draußen leben. Die Stadtverwaltung, Tafel und Suppenküche der Caritas und andere Einrichtungen bilden gut funktionierende soziale Netzwerke. Die Menschen, die in städtischen Einrichtungen leben, sind faktisch nicht „obdachlos“, sondern lediglich „wohnungslos“. Gäbe es die Hilfsangebote und Unterkünfte nicht, wären sie wahrscheinlich auch ohne Obdach: Dann lebten womöglich viele von ihnen auf der Straße. Statistisch spricht aber auch die Stadtverwaltung selbst von „Obdachlosen in den städtischen Unterkünften“.

Serie: Das Leben der Obdachlosen

Diese Geschichte über das Leben von Kai-Uwe ist Teil 1 einer sechsteiligen Mini-Serie zum Thema Obdachlosigkeit und Migration in Castrop-Rauxel. In den nächsten Tagen folgen Geschichten über

  • eine spezielle Dreier-Männer-WG in Obercastrop auf der Suche nach einem neuen Domizil (Teil 2),
  • den Obdachlosen-Engel Susanne Köhler (Teil 3),
  • den Ex-Opelaner Youssef Anan als ihr „Mädchen für alles“ (Teil 4),
  • die Zahlen und Fakten zur Wohnungslosenhilfe der Stadtverwaltung (Teil 5)
  • und wie sich die Coronakrise in dieser Sphäre auswirkt (Teil 6).
Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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