Youssef Anan arbeitet seit der großen Flüchtlingskrise 2015/16 für die Stadt Castrop-Rauxel. Er kümmert sich um Wohnungslose und die Unterkünfte der Stadt. © Tobias Weckenbrock
Stadtverwaltung

Youssef Anan: Vom Opelaner aus Bochum zum Migranten-Versteher

Sein Werdegang: Geboren in Marokko, 23 Jahre bei Opel in Bochum Astras und Zafiras zusammengeschraubt – und heute „Mädchen für alles“ für Migranten und Obdachlose in Castrop-Rauxel: Youssef Anan.

Es ist nur ein kurzes Gespräch. Er ist nur dabei, steht nicht im Zentrum des Pressetermins. Aber er hat eine interessante Geschichte: Youssef Anan, 51 Jahre, seit 2015 bei der Stadt Castrop-Rauxel beschäftigt im Bereich Migration und Obdachlosenhilfe. Er ist einer von 21 Mitarbeitern aus 9 Nationen, gehört zur internationalsten Abteilung der Stadtverwaltung. Und spricht die Sprache derer, mit denen er tagtäglich zu tun hat.

Er liebt und lebt diesen Job, nachdem er im Dezember 2014 mitgebaut hatte am letzten Auto, das im riesigen Opel-Werk in Bochum vom Band lief: Heute ist er ein Hausmeister, ein Sozialarbeiter, ein Helfer und Kommunikator für Menschen in Castrop-Rauxel, die Hilfe brauchen.

Sechs Monate lang nutzte er das soziale Netz der Transfergesellschaft, die den Opelanern ermöglichte, sich neu zu orientieren, indem sie ohne zu arbeiten weiterbezahlt wurden. Es kam die Zeit, als Susanne Köhler, Leiterin des Teams Migration in der Stadtverwaltung, händeringend nach Personal suchte. Denn der Bereich hatte in kürzester Zeit, praktisch über Nacht, mit vielen Menschen zu tun, die in Castrop-Rauxel strandeten.

Er kam in der Hochphase der Flüchtlingskrise

Es war die Hochphase der Flüchtlingskrise im Sommer 2015: Aus Syrien, Afghanistan und anderen Krisenländern dieser Erde kamen Menschen nach Europa, nach Deutschland, um hier Asyl zu beantragen. Hunderttausende, von denen die Bezirksregierung Arnsberg die Zuteilung auf die Kommunen regelte und auch krisengebeutelte und überschuldete Mittelstädte wie Castrop-Rauxel nicht aus der Verantwortung nahm.

Plötzlich entstanden städtische und vom Land NRW betriebene Notunterkünfte. In diesen wohnten Menschen aus aller Welt auf engstem Raum. Die Stadt machte Turnhallen zu Großunterkünften und brauchte dafür Personal. Youssef Anan wurde Hausmeister, weil er das Handwerk als Kfz-Experte auch grundsätzlich beherrschte und weil er Arabisch sprach. Zwei Schlüsselqualifikationen in dieser Phase.

Zuständig für den Zustand der Häuser und Wohnungen

Perfekt für Susanne Köhler, die ihr Personal um Anan erweiterte. Ein Schritt, mit dem beide bis heute, also auch fünfeinhalb Jahre später, glücklich sind. Er ist zuständig für die Einrichtung der 10 Häuser und 34 Einzelwohnungen, in denen die Stadtverwaltung aktuell rund 330 Menschen untergebracht hat.

Zieht einer von A nach B, ist Anan vorher mit anderen Mitarbeitern in der Wohnung und bereitet alles vor: Reparaturen, neuer Anstrich, neues Geschirr, neue Matratze, neues Wäscheset. Und dabei genau hinhören in den WGs und Großwohnungen, wie die Stimmung, wie die Lage ist. Youssef Anan hilft, weil er die Sprache vieler dieser Menschen spricht, die Orientierung suchen. Die Fragen haben. Die bei weitem nicht so rund laufen wie einst der Neuwagen vom Band aus Bochum.

Serie: Das Leben der Obdachlosen

Diese Geschichte über den Ex-Opelaner Youssef Anan als das „Mädchen für alles“ der Obdachlosen ist Teil 4 einer sechsteiligen Serie zum Thema Obdachlosigkeit und Migration in Castrop-Rauxel. Dazu gehören auch folgende Geschichten über

  • Kai-Uwe und die Randale in der Wohnung des Boxers (Teil 1)
  • eine spezielle Dreier-Männer-WG in Obercastrop auf der Suche nach einem neuen Domizil (Teil 2),
  • Susanne Köhler, den Engel der Obdachlosen (Teil 3),
  • die Zahlen und Fakten zur Wohnungslosenhilfe der Stadtverwaltung (Teil 5)
  • und wie sich die Coronakrise in dieser Sphäre auswirkt (Teil 6).
Über den Autor
Castrop-Rauxel und Dortmunder Westen
Gebürtiger Münsterländer, Jahrgang 1979. Redakteur bei Lensing Media seit 2007. Fußballfreund und fasziniert von den Entwicklungen in der Medienwelt der 2010er-Jahre.
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Tobias Weckenbrock

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