Umgeben von den Spenden-Sammelteddys der Aidshilfe im Kreis Unna: Geschäftsführer Manuel Izdebski verfolgt die Diskussion über die aktuelle Corona-Pandemie mit Erinnerungen an die Hysterie- und Angst-Debatten der 1980er-Jahre. © Udo Hennes
Welt-Aids-Tag 2020

Aidshilfe zur Corona-Hysterie: „Warum lernt man so wenig aus der HIV-Epidemie?“

Hysterie, Angst – und Schnelltests. Manuel Izdebski sieht lauter Parallelen – zwischen der Corona-Pandemie und dem Ausbruch von Aids in den 1980er-Jahren. Die Aidshilfe Unna rät zu ähnlichen Strategien bei der Bekämpfung.

Manuel Izdebski staunt. „Ich bin ein bisschen verwundert, wie wenig man aus der HIV-Epidemie gelernt hat“, sagt der Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna. Damals, als Hysterie ausbrach wie heute, wo Corona-Leugner und Maskenmuffel unterwegs sind, gelte: „Angst ist kein guter Berater.“

»Ich bin ein bisschen verwundert, wie wenig man aus der HIV-Epidemie gelernt hat.«

Manuel Izdebski

Der 1. Dezember wird als Welt-Aids-Tag seit Jahren im Gedenken an eine einst für nicht beherrschbar geglaubte neue Krankheit und ihre Opfer begangen. Die Zeiten eines wahren Furors, als an Aids erkrankte oder positiv auf HIV getestete Menschen wie Aussätzige behandelt wurden, sind heute kaum noch vorstellbar.

Ratzinger zu HIV: Die Natur wehrt sich

Sie sind auch deswegen vorbei, weil die Medizin Therapien und Medikamente entwickelte – und weil Politik und Gesellschaft irgendwann vernünftig handelten.

Manuel Izdebski, seit 2002 bei der Aidshilfe engagiert, erinnert sich noch, wie er als junger Mann Mitte der 1980er-Jahre unglaublich klingende Kampagnen auch von Medien erlebte.

Manuel Izdebski führt vor, wie der HIV-Schnelltest funktioniert: Nach einer Blutentnahme aus der Fingerkuppe liegt nach wenigen Minuten das Ergebnis vor. © Udo Hennes © Udo Hennes
Zur Sache

Schnelltest bei HIV schon lange bekannt

  • Die Aidshilfe im Kreis Unna hat 2019 rund tausend Beratungskontakte mit HIV-infizierten Menschen gehabt. An den Folgen der Krankheit ist laut Statistikamt NRW 2019 im Kreis Unna nur noch eine Person gestorben – allerdings sind genaue Todesursachen nicht immer bekannt.
  • Gegen die Ansteckung mit dem HI-Virus schützen mittlerweile auch Medikamente: das sogenannte PreP, die orale HIV-Präexpositionsprophylaxe. „Der Schutzfaktor ist noch höher als beim Kondom“, sagt Manuel Izdebski.
  • Wer HIV-positiv getestet wurde, schützt durch eine Therapie nicht nur nicht selbst vor dem Ausbruch von Aids, sondern auch Sexualpartner: Die Viruslast wird so weit gedrückt, dass der Patient selbst bei ungeschütztem Sex nicht mehr ansteckend ist.
  • HIV-positive Menschen sind laut Izdebski „sehr sensibilisiert“ durch den Ausbruch des Coronavirus. „Erfolgreich behandelte Infizierte haben aber kein größeres Risiko.“
  • Kritisch sei jedoch, eine eigene Infektion nicht zu kennen. Daher empfiehlt der Geschäftsführer der Aidshilfe im Kreis Unna, den kostenlosen HIV-Schnelltest – auch auf Hepatitis C und Syphillis – zu machen. Dieser PCR-Test sei mit 99,9 Prozent sogar noch sicherer als sein Gegenstück beim Coronavirus.

Der vermeintlich aus den USA nach Europa herübergeschwappte „Schwulen-Krebs“, wie es oft hieß, trübte mitunter die Sinne: Kardinal Ratzinger meinte, dass die Natur sich wehre, CSU-Politiker Peter Gauweiler forderte die „Absonderung“ der HIV-Infizierten, der Spiegel verhöhnte die damalige Bundesgesundheitsministerin Rita Süßmuth (CDU), die hellsichtig erkannte: Kondome schützen.

HIV-Leugner gibt es auch seit 30 Jahren

„Ich sehe noch ein Titelbild vor mir: Rita Süßmuth in einem Ganzkörperkondom mit der Zeile: ,Die Lehrerin, die von der Seuche keine Ahnung hat‘“, weiß Izdebski noch – damals war er entsetzt, heute kann er nur noch milde lächeln.

Erst recht über HIV-Leugner, die bis heute von Verschwörungen faselten, den Virus eine Biowaffe nennen, mal von den Amerikanern, mal von den Russen entwickelt. Diese Strategie der psychischen Abwehr sei durchaus nachvollziehbar, räumt Izdebski ein: „Das erleichtert mir die Sache vielleicht.“

Sieht er aber die abwehrenden Reaktionen heute, die das Coronavirus zu einem Schnupfen verniedlichen wollen, Gesichtsmasken als Grundrechtsentzug brandmarken und schlimmstenfalls Geheimdienste verantwortlich für die Pandemie machen – dann fühlt sich der Aids-Aktivist ungläubig um 35 Jahre zurückversetzt.

Übertragungswege waren bei HIV lange unklar

Ja, die Übertragungswege von HIV seien zunächst ebenfalls nicht klar gewesen: Steckt man sich an, wenn man aus derselben Tasse trinkt, ein gemeinsames WC benutzt, wenn man sich anhustet? Das habe die Panik sicherlich befördert; als die Wissenschaft erfolgreich forschte, nahm indes die Angst vor Aids immer weiter ab.

„Aber es gibt auch heute noch Zweifler“, weiß Izdebski. Dass HIV-Infizierte auch 2020 von anderen gemieden werden, hört der Unnaer, der sich besonders um die Jugendarbeit verdient macht, von seinen Klienten immer mal wieder.

Nüchternheit und medizinische Erkenntnis setzten sich im Umgang mit dem Humane Immundefizienz-Virus, kurz HIV, letztlich aber weitgehend durch. „Das Kondom wurde zum Goldstandard“, sagt Izdebski, der von 2011 bis 2017 im Bundesvorstand der Deutschen Aidshilfe saß.

»Die Strategie der psychischen Abwehr erleichtert mir die Sache vielleicht.«

Manuel Izdebski

Zwischenzeitlich war die Furcht vor Aids so stark geschwunden, dass die Zahl der HIV-Infektionen wieder zunahm – und die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung sich gezwungen sah, ihre berühmte Kampagne der 1980er-Jahre „Kondome schützen“ im modernisierten Gewand neu aufzusetzen.

Prävention bei Zielgruppen: damals Schwule, heute Senioren

Als zunächst tatsächlich vorwiegend homo- oder bisexuelle Männer, aber auch Junkies wegen verunreinigter Heroinspritzen an Aids erkrankten, setzte man auf eine zielgruppenspezifische Prävention.

Manuel Izdebski sieht hierin eine weitere Parallele zum Virus von 2020: „Heute könnte man so etwas für Senioren machen“, empfiehlt er. Warum verteile man nicht einfach gut schützende FFP2-Masken kostenlos an Senioren oder andere verwundbare Risikogruppen, gehe in Heime, Treffs und Cafés, so wie man in den 80ern und 90ern Clubs, Diskos oder die Plätze der Drogenabhängigen aufsuchte und kostenlos Kondome verteilte und über die neue Seuche aufklärte?

Ohne Kondom ist es auch schöner – aber sie schützen

Menschen, die das Coronavirus besonders fürchten müssen, könne man auch heute sachlich informieren, zum Beispiel die AHA-Regel erläutern. „Empowerment“, sagt Izdebski, sagen die Fachleute zu dieser Methode, Menschen kompetent zu machen, diesmal für das Coronavirus – Wissen, das auch Angst beseitigt.

Wer die Corona-Maske ablehne, dem könne er nur sagen, was er jungen Männern immer wieder rät, die leichtfertig werden „weil es mit Kondom abturnt“: Klar, schöner wäre es ohne Kondom und schöner wäre es auch ohne Maske – aber Kondome schützen und die Masken auch.

HIV-Schnelltest bei der Aidshilfe im Kreis Unna, Gerichtstraße 2a, Unna, immer montags bis donnerstags von 12 bis 16 Uhr und freitags von 10 bis 13 Uhr – Anmeldung einen Tag vorher unter Tel. (0 23 03) 8 96 05 oder info@aidshilfe-unna.de erforderlich: außerdem offener Testabend immer dienstags von 17 bis 19 Uhr.

Über den Autor
Redaktion Fröndenberg
Geboren 1972 in Schwerte. Leidenschaftlicher Ruhrtaler. Mag die bodenständigen Westfalen. Jurist mit vielen Interessen. Seit mehr als 25 Jahren begeistert an lokalen Themen.
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