Die meisten Urlaubserinnerungen hat Redakteurin Dagmar Hornung ans Tessin. Während ihrer Kindheit reiste sie jahrelang in ein Ferienhaus in der Schweiz. © Montage: Klose
Urlaubserinnerungen

Fledermäuse, Palmen und Gnocchi mit Salbei: Das Ferienhaus im Tessin

Der Ort Insone liegt 892 Meter über dem Meeresspiegel – in der Nähe von Lugano. Einwohner gibt es nur wenige, fast jeder heißt Rossini. Für unsere Redakteurin Dagmar Hornung war das Bergdörfchen im Tessin jahrelang eine zweite Heimat.

Wir fahren wieder nach „6951“: Ich weiß nicht warum, aber in meiner Familie hatte es sich eingebürgert, die Postleitzahl anstatt den Namen des Bergdörfchens Insone zu nennen, in dem wir so gut wie jeden Urlaub meiner Kindheit verbrachten. Zwischen Palmen und Alpen, in einem hübschen Ferienhaus auf knapp 900 Meter Höhe im oberen Val Colla. Irgendwann, ich muss etwa 15 gewesen sein, endeten unsere Reisen in den Schweizer Kanton Tessin. Wann alles anfing, habe ich vergessen. Wahrscheinlich war es im Kindergartenalter. Geblieben sind trotzdem unzählige Eindrücke.

Noch heute träume ich manchmal vom Ferienhaus mit dem gemütlichen Kamin oder der Uferpromenade mit den tollen bunten Blumen im Luganer Parco Ciani. Ich rieche den Lavendel, der im Steingarten blühte, in dem mein Bruder und ich den ganzen Tag herumkletterten, Bergsteiger spielten. Und auch von der langen Autofahrt bis fast an die Grenze Italiens, bei gutem Wetter über den Gotthardpass, die meine Eltern mit zwei kleinen Kindern meist gar nicht an einem Tag schafften, träume ich hin und wieder. Wenn dann kurz hinter Frankfurt schon die Alpen beginnen, wird mir klar, dass es ein Traum sein muss.

Zwei Etagen, ein Steingarten und eine Garage voller Erinnerungen: Das Ferienhaus im Tessin. © Privat © Privat

Jahrelang am gleichen Ort Urlaub machen? Das klingt eigentlich schrecklich langweilig. Doch das Tessin ist unglaublich abwechslungsreich. Und als Kinder hatten wir alles, was wir brauchten. Ob Luganer See, Comer See oder Lago Maggiore: In den idyllischen Bergseen, in denen ich unmodische Plastiksandalen tragen musste, weil die Ufer so steinig waren, habe ich schwimmen gelernt.

Gletscher und Täler

Ganz besonders cool: Das Wasser im Verzascatal. Auf den vom Fluss rund gespülten Felsen kann man super in der Sonne sitzen, sich danach im „kühlen“ Wasser erfrischen. Das war so arschkalt, dass ich mit dem Kopf nicht untertauchen konnte. Ähnlich cool ging es am Rhonegletscher zu, wo wir Kinder unsere Schuhe ausziehen sollten, um mit Schnee und Eis auf Tuchfühlung zu gehen.

Im Valle Verzasca findet man selbst an den heißesten Sommertagen Abkühlung im Fluss. © Privat © Privat

Im Winter waren wir selten im Ferienhaus. Wahrscheinlich fürchteten meine Eltern die verschneiten Serpentinen. Aber wenn es noch um Ostern schneite, und die Narzissen, die nirgendwo so schön blühten, wie oberhalb von Lugano, mit Schnee bedeckt waren, konnten wir sogar Schlittenfahren. Auf der Wanderung vom Nebel überrascht werden, auf der Via Nassa in die Schaufenster der Luxus-Boutiquen gucken, alles ist noch so präsent, als wäre es gestern gewesen.

Ankunft am Ferienhaus: Manchmal hat die Reise sogar zwei Tage gedauert. © Privat © Privat

Nicht nur die vielen Ausflüge, teils bis nach Mailand, sind mir in bester Erinnerung geblieben, sondern auch das Leben im Ferienhaus und dem kleinen Dorf. Das Brot zum Frühstück, das – da war sich Familie Hornung einig – die Schweizer einfach nicht drauf hatten. Die Ovomaltine, die das ganze wieder rausriss. Die Eidechsen und Schmetterlinge, die mein Bruder und ich in den wild blühenden Wiesen jagten – und die Fledermäuse, die sich irgendwann im Dachstuhl eingenistet hatten, unsere Hauswand vollkackten.

Abkühlung unter der Gartendusche

Wenn es im Sommer heiß war, machten wir den Rasensprenger an, oder erfrischten uns unter der Gartendusche. Noch genau vor Augen habe ich ein Bild von meiner Mutter, in einem damals wohl nicht mehr ganz zeitgemäßen Einteiler, den mein Vater immer den Kaiser-Wilhelms-Gedächtnis-Badeanzug nannte. Das fanden wir Kinder lustig – auch wenn wir natürlich nicht wussten, wer Kaiser Wilhelm war, oder wie ein modischer Bikini aussehen sollte.

Ob Lago Maggiore oder Lago di Lugano: Berge und Seen gibt es im Tessin jede Menge. © Privat © Privat

In der Gegend gab es viele Katzen. Bis heute meine absoluten Lieblingstiere. Etliche wuchsen wild auf. So fütterte ich einen ganzen Sommer lang eine Katzenmutter, die am Rande von Insone unter einem Felsvorsprung ihre Jungen großzog.

Nach einigen Jahren hatten wir Freunde gefunden, auf die wir uns jeden Sommer freuten. Fiona und Florian wohnten während der Ferien im alten Teil des Dorfes, wo die Türen der historischen Steinhäuser mittelalterlich niedrig waren. Die beiden haben nicht geguckt, was im Kühlschrank ist, sondern wollten „ mal lurge, was im Frigo isch“. Sie kamen aus dem deutschsprachigen Teil der Schweiz, sprachen aber ein etwas anderes Deutsch als wir es kannten.

Italienische Pizza und Risotto

Nicht zuletzt zählt wohl das Essen zu den schönsten Erfahrungen aus über zehn Jahren Tessin. Wir saßen auf den Terrassen unzähliger Trattorien, im Idealfall mit Blick ins Tal und/oder auf einen See, Weinreben gegen die Sonne über dem Kopf. Es gab fast immer Pizza, wie man sie in Norditalien isst.

Manchmal auch Risotto, oder Gnocchi – einfach nur mit Butter und Salbei, ein Traum.

Toller Blick aus dem Fenster: Das Ferienhaus in Insone lag mitten in den Bergen. © Privat © Privat

Mein Vater bestellte auf aus meiner kindlichen Sicht beeindruckendem Italienisch, schwatze mit den Kellnern immer eine Weile. Mein Bruder und ich sagten nach dem Essen brav: „Il conto per favore“ – die Rechnung bitte.

Das Ferienhaus gehörte, soweit ich weiß, einem Freund meines Vaters. So genau hat mich das als Kind aber auch nicht interessiert. Über Jahre waren wir die einzigen Urlauber. Unsere Bilder hingen an den Wänden, unsere Betten standen im Obergeschoss. Jetzt frage ich mich, ob dort inzwischen eine andere Familie Urlaub macht. Oder ob eine einheimische Familie mit lautem italienischen Temperament – wie damals unsere Nachbarn – eingezogen ist. Wäre es doch nicht so weit weg, ich würde schon morgen vorbeischauen.

Über die Autorin
Redaktion Fröndenberg
Jahrgang 1988, aufgewachsen in Dortmund-Sölde an der Grenze zum Kreis Unna. Hat schon in der Grundschule am liebsten geschrieben, später in Heidelberg und Bochum studiert. Ist gerne beim Sport und in der Natur.
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Dagmar Hornung

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