Winterwetter hat seinen eigenen Reiz, aber auch ein paar besondere Herausforderungen, auf die sich ein Radler einzustellen hat. Wer sie angeht, fährt praktisch ganzjährig und hat sogar Spaß dabei! © picture alliance / dpa
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Radfahren im Winter: Mit diesen Tipps auch bei Schnee und Eis kein Problem

Radfahren ist eine Saisonbeschäftigung. Für unseren Autor beginnt die Saison am 1. Januar, bevor sie am 31. Dezember wieder endet. Entscheidend für den Spaß daran ist halt, wie gut man sich anpasst.

Das Knirschen der Reifen mischt sich mit einem meditativen Rhythmus. Träge patschen Paddel ins Wasser, während Eisplatten dann und wann gegen einen Bootskörper trommeln.

Für den Kajakfahrer neben uns ist bald Schluss auf seiner heutigen Runde. Nicht allzu weit entfernt von den Bootshäusern wird das Eis zu mächtig, der Dortmund-Ems-Kanal unbefahrbar für ihn. Wir winken – und rollen weiter. Denn für Radfahrer ist der Weg frei an diesem Tag, trotz der Temperaturen knapp über Null.

Der Dortmund-Ems-Kanal bei einer Silvestertour des Autors. Eisklumpen zwingen die Kanuten bald zum Umkehren. Für den Radfahrer ist der Weg frei.
Der Dortmund-Ems-Kanal bei einer Silvestertour des Autors. Eisklumpen zwingen die Kanuten bald zum Umkehren. Für den Radfahrer ist der Weg frei. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Wenn wir wollten, könnten wir weiterfahren bis zur Nordsee. Wollen wir aber nicht, denn daheim wartet die Familie. Und die Zeit draußen zu begrenzen gehört zu den vielen kleinen Tipps, durch die das Radfahren auch zum Wintersport wird. Es wäre gelogen, wenn wir behaupten wollten, dass uns die Kälte überhaupt nicht in den Körper fährt. Aber man kann sie bremsen dabei, kann den Punkt hinauszögern, an dem es anfängt, fies zu werden – um bis dahin die raren Sonnenstrahlen mitzunehmen, die das Herz aufladen für die wirklich grauen Tage des Winters.

Das historische Hafenamt in Dortmund ist ein architektonischern Brückenschlag zum anderen Ende des Dortmund-Ems-Kanals - und ein würdiger Startort für Touren entlang der Bundeswasserstraße.
Das historische Hafenamt in Dortmund ist ein architektonischer Brückenschlag zum anderen Ende des Dortmund-Ems-Kanals – und ein würdiger Startort für Touren entlang der Bundeswasserstraße. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Dass Radfahren tatsächlich ein Saisongeschäft ist, wird jeder Fachhändler bestätigen können. Oder jeder Radler, der mal ab März einen Werkstatttermin angefragt hat. Mit etwas Anpassungsfähigkeit allerdings beginnt die Fahrradsaison am 1. Januar, um am 31. Dezember zu enden. Einige Dinge sind naheliegend, wie die Wahl der richtigen Bekleidung oder ein paar Pflegetipps fürs Rad. Andere mögen auf dem Weg vom Schön-Wetter- zum Ganzjahresradler überraschen.

Streckenwahl: Ball flach halten lohnt doppelt

Es ist kein Zufall, dass die Silvestertour aus der Eingangsszene dieses Textes am Dortmund-Ems-Kanal entlang führte. Die Schattenspiele im grell-goldenen Sonnenlicht, das dampfende Wasser zwischen den umhertreibenden Eisschollen – all das macht diese Wintertour unvergleichlich. Aber die eigentlichen Gründe für diese Streckenwahl waren ganz pragmatisch. Nichts läuft so flach wie ein Radweg auf einer Deichkrone.

Tourentipps

Dreimal Radfahren fast ohne Steigungen

  • Flussufer-Radwege sind meistens steigungsarm, wenn sie den Gewässer eng folgen. Unsere Empfehlungen: Der Emscherradweg von Holzwickede nach Dinslaken, die Römer-Lippe-Route und kleinere Wege wie der Seseke-Radweg. Aufpassen beim Ruhrtalradweg: Von der Quelle bis Wickede und zwischen Schwerte und Essen wirft er ein paar Wellen und bei Frost sind die Abfahrten heikel.
  • Bahntrassenradeln: Mit Steigungen tun sich Eisenbahnen schwer, weshalb der Mensch ihnen den Weg frei gemacht hat. Spektakulär wirkt das Ergebnis etwa auf der Wuppertaler Nordbahntrasse, die durch lange Tunnels und über Viadukte führt. Aber auch der Rheinische Esel zwischen Dortmund und Bochum, die Klöcknerbahn zwischen Unna und Werne oder der Alleenradweg Königsborn-Welver stehen für flache Fahrradverbindungen, die nach der Aufgabe von Bahnstrecken entstanden sind. Eine tolle Übersicht hat Dr. Achim Bartoschek auf seiner Internetseite www.bahntrassenradeln.de geschaffen. Bonustipp: Wo aufgegebene Bahntrassen an noch bediente Strecken grenzen, ist oft die Anreise per „Bahn und Bike“ möglich.
  • Kanalradeln: Diese Kategorie ist landläufig unbekannt, aber im Ruhrgebiet noch besser als das Bahntrassenradeln. „Eingemessen“ mit einer riesengroßen Wasserwaage sind Radwege auf dem Damm einer künstlichen Wasserstraße das ebenerdigste, was Radler sich wünschen können. Nur dort, wo über eine Brücke die Seite gewechselt werden muss, gibt es wenige Höhenmeter. Meistens führt der Weg des Radlers unter der Autostraße her. Sehenswürdigkeiten am Kanal sind zum Beispiel das Hafenamt in Dortmund, das Schiffshebewerk Henrichenburg (beide Dortmund-Ems-Kanal) oder die Marina Rünthe und der Seepark Lünen (beide Datteln-Hamm-Kanal).

Im hohen Norden, am anderen Ende dieses Wassers, mag man da auch stärker dem Wind ausgesetzt sein. In der westfälischen Tiefebene weht er deutlich sanfter. Und Steigungen zu vermeiden ist in doppelter Hinsicht ratsam, wenn die Temperaturen sinken. Wer über Berge fährt, kommt bergauf ins Schwitzen, um sich gleich nach der Kuppe dem großen Gebläsekühler zu stellen. Auf die schnelle Fahrt bergab mag man wintertags auch wegen der Rutschgefahr verzichten. Denn ins Schleudern kommt man nicht nur auf Schnee und Eis. Auch modrige Blätter und der allgegenwärtige Matsch lassen die Räder gerne aus der Spur flutschen.

Der Kanal hat einen zweiten Vorteil: In regelmäßigen Abständen kommt eine Brücke für den Seitenwechsel. Wer partout nicht auf dem gleichen Weg zurückfahren will, den er auf dem Hinweg genommen hat, schafft sich zumindest die Illusion eines sehr schlanken Rundkurses. Und wo die Brücken dicht genug aufeinander folgen, können wir auch den Umkehrpunkt flexibel wählen. Eine Stunde hin, eine Stunde zurück, und schon sitzt unsere kleine Radelgruppe in der gut beheizten RB59, dem Zug, der beim Aufenthalt in Dortmund zugleich als Wartesaal dient.

Zieht Euch warm an, aber nicht zu sehr

Natürlich sind auch Winterradler keine Eisbären. Sie frieren ebenso wie jeder andere Mensch. „Zieht Euch warm an“, würde uns früher die Mama mit auf den Weg gegeben haben. Mit dem Wissen und der Ausrüstung von heute müssen wir das relativieren. Wärme erzeugt der Körper ja selbst in der Bewegung. Wichtig ist, sie bei sich zu behalten.

Was den Radler daran hindert – und was der Wanderer so nicht kennt – ist der Fahrtwind. Moderne Fahrradbekleidung für tiefe Temperaturen hat oft eine überraschend dünne Isolierlage, aber dafür eine atmungsaktive Windstoppermembran. Hose und Jacke in dieser Bauart machen das Radfahren im Winter gleich zu einem ganz anderen.

Wer noch ein wenig mehr Geld investieren kann, denkt an die fiesesten Kältebrücken: Eine dünne Helmmütze, ebenfalls mit Windstopper, schützt Stirn und Schläfen. Die Füße stecken einfach in dicken Socken, die Schuhe gern in Regenüberschuhen, die ebenfalls den Fahrtwind aussperren. Sparfüchse legen sich stattdessen eine Lage Alufolie um den Strumpf, bevor sie in die Schuhe einsteigen. Zusätzliche Einlagen dämmen dort, wo das Metall der Pedale die Wärme aus den Füßen lutscht. Die Hände? Gehören in Handschuhe, aber die sollten in jedem Fall griffig genug sein, um Bremse und Schaltung zu bedienen.

Es gibt sogar sportliche Veranstaltungen im Winter, allerdings wohl nicht in diesem. Die Westfalen Winter Bike Trophy, von der dieses Bild stammt, war bis vor kurzem noch in Planung. Doch als die Politik den November-Lockdown verkündete, kam auch für die 2021er-Austragung der CTF-Serie die Absage.
Es gibt sogar sportliche Veranstaltungen im Winter, allerdings wohl nicht in diesem. Die Westfalen Winter Bike Trophy, von der dieses Bild stammt, war bis vor kurzem noch in Planung. Doch als die Politik den November-Lockdown verkündete, kam auch für die 2021er-Austragung der CTF-Serie die Absage. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Winterwartung für das Fahrzeug

Vorausgesetzt ist dabei, dass die Schaltung funktioniert. Auch das ist im Winter nicht immer selbstverständlich. „Einfrieren“ kann die Mechanik schon bei Temperaturen über null Grad. Nicht immer liegt es wirklich an gefrorenem Wasser, das zwischen Zug und Hülle eingedrungen ist. Manchmal wird auch das Schmiermittel zu zäh.

So oder so empfiehlt es sich im Winter noch mehr, Züge und Gelenke mit frischem Fett und Öl zu versorgen. Die Kette schützt es auch vor Korrosion. Salzreste vom Winterdienst knabbern gern an Fahrrädern. Eine Katzenwäsche aus der Gießkanne, die wenigstens Laufräder und andere bewegliche Teile von aufgewirbeltem Bodenbelag befreit, ist nach der Tour Ausdruck einer innigen Verhältnisses zum Fahrrad. Machen!

Dass Bremsen und Reifen in einem Zustand sind, der das Rad auch auf schwierigem Terrain sicher beherrschbar macht, versteht sich von selbst. Nicht wundern, wenn die Bremsen irgendwie „anders“ stoppen als im Herbst. Mit sinkenden Temperaturen werden auch Bremsbeläge härter.

Wer wirklich auf Schnee fahren will, wählt den Reifendruck etwas niedriger und vergrößert so die Auflagefläche des Profils – natürlich nicht so sehr, dass es schwammig wird. Den Sattel etwas abzusenken, bringt im Notfall die Füße schneller und flächiger auf den Boden.

Aufgewirbelter Matsch und Streusalzreste setzen dem Fahrrad zu. Wer seinen zweirädrigen Begleiter liebt, könnt ihm nach der Tour noch schnell eine Katzenwäsche aus der Gießkanne, die wenigstens den gröbsten Prütt abspült. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka

Doch in den schneearmen Wintern unserer Region ist die Gefahr der weißen Pracht überschaubar. Die Gefahr der schwarzen Nacht dagegen wird gern unterschätzt – leider auch von der Bekleidungsindustrie, die selbst ausgewiesene Wintersachen für den Radler gerne in düsterste Farben taucht. Eine Sicherheitsweste aus dem Auto löst das Problem pragmatisch: Ja, sie sieht nicht allzu cool aus. Aber wenigstens sieht sie überhaupt aus, wenn das Licht schwindet.

Zum Jahreswechsel ist um halb fünf am Nachmittag Sonnenuntergang. Wer sich nicht hundertprozentig sicher ist, auch nach Pannen und Pommes-Pause vorher aus dem Sattel zu steigen, braucht ein Rad mit fester Lichtanlage oder er packt die Anstecklampen für sein Sportrad ein. Aber bitte mit frischer Stromladung. Denn ob Akku oder Wegwerfbatterie: Bei Kälte laufen ihre Zellen deutlich schneller leer. Das gilt für die Beleuchtung wie auch für das Navigationsgerät.

Langarmiges Trikot, Fingerhandschuhe und ein solider Helm: Dieser Sportsfreund weiß, wie man gut durch den Winter kommt.
Langarmiges Trikot, Fingerhandschuhe und ein solider Helm: Dieser Sportsfreund vom Verein in Aplerbeck weiß, wie man gut durch den Winter kommt. © Sebastian Smulka © Sebastian Smulka
Über den Autor
Redaktion Unna
Verwurzelt und gewachsen in der Hellwegbörde. Ab 1976 Kindheit am Hellweg in Rünthe. Seit 2003 Redakteur beim Hellweger Anzeiger. Hat in Unna schon Kasernen bewacht und grüne Lastwagen gelenkt. Aktuell beäugt er das politische Geschehen dort und fährt lieber Fahrrad, natürlich auch auf dem Hellweg.
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Sebastian Smulka

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