Gefährliche Kirmes-Schlägerei bringt acht Familienmitglieder vor Gericht

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Acht Angeklagte in einem Prozess gibt es am Amtsgericht Ahaus selten. Seit Donnerstag wird gegen eine Großfamilie verhandelt, die in einer Familienfehde zu Totschlägern gegriffen haben soll.

Vreden

, 24.10.2019, 19:55 Uhr / Lesedauer: 4 min

Zwei Jahre nach der Vredener Kirmes 2017 beschäftigt die Fehde zwischen zwei Großfamilien in Vreden immer noch das Amtsgericht Ahaus. Acht Mitglieder der einen Familie stehen seit Donnerstag vor dem Amtsgericht Ahaus. Der Vorwurf: gemeinschaftliche gefährliche Körperverletzung.

? Was ist passiert?

Auf der Vredener Kirmes 2017 eskalierte am Montagabend am Busbahnhof Vreden vor einem Kiosk die schon lange schwelende Fehde zwischen zwei Großfamilien. Es kam zu einer Schlägerei. Dabei sollen auch Schlagstöcke zum Einsatz gekommen sein. Eine größere Gruppe der einen Familie soll dabei unter anderem mit Schlagstöcken, Fäusten und Tritten das 26-jährige Opfer aus der anderen Familie traktiert haben.

Mehrere Familienmitglieder hätten abwechselnd auf ihn eingeschlagen, getreten und ihn am Boden festgehalten. Weitere Familienmitglieder hätten im Kreis drumherum gestanden und einerseits das Opfer festgehalten, andererseits verhindert, dass ihm jemand zu Hilfe kommen konnte. Zwei Brüder des Opfers und einen Begleiter hielten sie fest. Der 26-Jährige kam schließlich mit Knochenbrüchen in der Hand, Platzwunden am Kopf sowie verschiedenen Prellungen und Schürfwunden ins Krankenhaus.

? Worüber wurde schon verhandelt?

Im Februar 2018 wurde bereits gegen einen Täter, der an der Schlägerei beteiligt war, verhandelt. Er wurde damals zu zwei Jahren Haft auf Bewährung verurteilt. Aktuell steht er deswegen nicht mehr vor Gericht.

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? Wer ist aktuell angeklagt?

Vor Gericht stehen aktuell insgesamt acht Angeklagte. Sieben Männer zwischen 18 und 49 Jahren sowie eine 41-jährige Frau. Nachdem die Fehde auf der Kirmes eskaliert war, wohnen und arbeiten sie inzwischen an unterschiedlichen Orten. Aus Angst vor der anderen Familie wollten sie vor Gericht ihre Wohnorte zunächst nicht angeben. Sie alle sind wegen gemeinschaftlicher gefährlicher Körperverletzung angeklagt.

Gegen die Frau laufen zusätzlich noch Verfahren wegen gewerbsmäßigen Diebstahls und Betrugs. Diese Vorwürfe spielten am Donnerstag allerdings eine absolute Nebenrolle. Einen Ladendiebstahl räumte die Frau am Morgen noch ein, an der Schlägerei sei sie aber nicht beteiligt gewesen.

? Wie sah es am Donnerstag im Gerichtssaal aus?

Die reine Zahl der Angeklagten brachte das Gericht schon baulich an seine Grenzen. Im großen Saal des Amtsgericht mussten zusätzlich Tische aufgestellt werden, um ihnen einen Platz zu bieten. Auch in der Schleuse an der Eingangstür kam es zu längeren Rückstaus. Vier Justizbeamte waren während der ganzen Verhandlung im Saal, um im Ernstfall für Ordnung zu sorgen. Vor dem Gebäude hatten sich Polizeifahrzeuge aufgestellt.

? Wie war die Stimmung im Gerichtssaal?

Nachdem sich der Richter am Morgen noch einige Male lautstark durchsetzen und vor allem Zwischenrufe der verschiedenen Angeklagten unterbinden musste, entwickelte sich fast eine lockere Stimmung. Die Angeklagten warfen sich jedoch in der ganzen Zeit vielsagende Blicke zu oder lächelten süffisant.

? Was sagen die Angeklagten?

Die 41-jährige Frau stritt jede Beteiligung an der Schlägerei ab. Sie habe einige Meter entfernt gestanden und damit nichts zu tun gehabt. Sechs Angeklagte haben jede Aussage verweigert. Der 49-jährige Familienvater erklärte lediglich, dass die beiden Familien schon lange Probleme miteinander hätten. Das Opfer habe seine Familie mit Mord bedroht. Er selbst habe sich an der Schlägerei aber nicht beteiligt.

? Was haben zwei Polizistinnen beobachtet?

Zwei Polizistinnen aus Ahaus waren während der Tat privat auf der Kirmes in Vreden unterwegs. Sie hatten die Tat beobachtet und ihre Kollegen von der Polizei informiert. Vor Gericht gab die eine Frau an, dass sie gesehen habe, wie eine Traube von 10 bis 15 Personen um das Opfer herumgestanden habe.

Auf jeden Fall hätten zwei Täter mit einem Totschläger auf das Opfer eingeprügelt. Im Gericht erkannte sie in dem 49-jährigen Angeklagten einen der Täter. Nach den Schlägen sei die Gruppe in den Kiosk geflüchtet. Von dort hätten sie sich später mit Baseballschlägern bewaffnet und sich vor der Tür aufgestellt.

Nach den Aussagen der Polizistin legte der Richter den Angeklagten noch nahe, ihre Aussagen zu überdenken. „Sie sollten überlegen, ob Sie etwas einräumen“, sagte er. Auf die Anklage stehe schließlich eine Mindeststrafe von sechs Monaten. Befolgt hat diesen Rat – zumindest am ersten Prozesstag – niemand.

? Wer hat was gemacht?

In dieses Dickicht versucht der Richter gerade noch, Licht zu bringen. Auf die letzten Einzelheiten komme es ihm da aber gar nicht an. „Wer sich an dieser Tat beteiligt hat, muss auch ein Urteil erwarten“, erklärte der Richter. Dabei reiche es auch schon, nur danebengestanden und zugesehen zu haben. Die Details der Tat hätten dann höchstens noch Auswirkungen auf die Strafzumessung.

? Wer hat am Donnerstag noch ausgesagt?

  • Ein 25-jähriger Vredener: Zusätzlich machte am Donnerstag noch ein Begleiter des Opfers eine Aussage. Er konnte sich jedoch kaum noch an die Tat vor knapp zwei Jahren erinnern. „Ich kiffe“, sagte er dem Richter. Er könne sich teilweise nicht mal mehr an sein Essen erinnern.

    Auch die Aussagen, die er damals bei der Polizei gemacht hatte und in denen er einige der Angeklagten belastete, mochte er so nicht mehr wiederholen. Der Richter erklärte ihm noch, dass er sich strafbar machen könnte, falls er eine Falschaussage tätige.

    „Ob sie damals bei der Polizei oder jetzt hier im Gericht die Unwahrheit sagen, strafbar ist beides“, erklärte er ihm. Entweder wegen Falschaussage vor Gericht oder wegen falscher Verdächtigung. Der Zeuge, verstrickte sich in Widersprüche. Er erklärte dann, dass er gar nichts mehr sagen wolle. „So wie das da steht, wird das richtig sein“, sagte er.

  • Der Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes: Er war auf der Kirmes im Bändchenverkauf eingeteilt. Von der Tat selbst habe er nichts mitbekommen. Er sei alarmiert worden, aber erst nach der Schlägerei eingetroffen. „Da fielen nur noch Beschimpfungen“, sagte der 52-Jährige. Das Opfer habe verletzt am Boden gelegen. Waffen habe er nicht gesehen. Von den Angeklagten im Gerichtssaal erkannte er niemanden.

  • Der Bruder des Opfers: Der 18-Jährige schilderte, wie er zusammen mit seinem Bruder über die Kirmes gegangen sei. Plötzlich seien mindestens sieben Männer aus der anderen Familie auf sie zugestürmt und hätten sofort mit Schlagstöcken zugeschlagen. In der Vernehmung bei der Polizei hatte auch er den 49-jährigen Täter beschuldigt. Vor Gericht war er sich da nicht mehr sicher. Er musste von der Polizei vorgeführt werden, weil er zunächst nicht erschienen war.

    Nach seinen Aussagen habe er das Opfer am Donnerstagmorgen noch aus seiner Wohnung geworfen. Da sei der wieder „voll unter Drogen“ gewesen. „Es ist sehr schwer mit ihm“, erklärte er vor Gericht.

? Wer ist nicht erschienen?

  • Das Opfer, ein 26-jähriger Mann, der mittlerweile in Herten wohnen soll. Die Staatsanwältin beantragte noch ein Ordnungsgeld, weil der Mann nicht erschienen war. Doch da winkte der Richter nur ab. Das sei lediglich eine Arbeitsbeschaffungsmaßnahme für die Staatsanwaltschaft. Das hätten etliche Fälle in der Vergangenheit gezeigt.
  • Ein weiterer Bruder des Opfers, der an dem Abend auf der Kirmes dabei war. Telefonische Nachforschungen des Richters am Verhandlungstag ergaben, dass der Mann wohl inzwischen obdachlos in Bonn lebe. Von dort soll er am Freitag anreisen und aussagen.

? Wie geht es jetzt weiter?

Die Verhandlung wird am Freitag um 9 Uhr fortgesetzt. Es fehlen noch weitere Zeugenaussagen: ein Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes, sowie weitere Familienmitglieder der Angeklagten sollen aussagen.

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