Henrike Tenwinkel (l.) und Clara Tenhumberg sind als Arzthelferinnen im Moment oft überfordert. © Victoria Garwer
Hausarzt

Arzthelferinnen: „Corona-Impfungen bedeuten für uns komplettes Chaos“

Der Impfneid sei groß, sagen die beiden Vredener Arzthelferinnen Clara Tenhumberg und Henrike Tenwinkel. Sie sind genervt von ungeduldigen und verständnislosen Patienten.

Clara Tenhumberg (30) und Henrike Tenwinkel (22) arbeiten eigentlich gerne als Arzthelferinnen. Doch in den letzten Wochen ist die Situation in der Praxis oft kaum noch auszuhalten. Grund dafür ist die Mehrbelastung durch Corona-Impfungen und Corona-Tests.

Das größte Problem seien die ungeduldigen und verständnislosen Patienten, erzählen die beiden Vredenerinnen. „Ständig rufen Patienten an und wollen wissen, wann sie mit der Impfung dran sind. Das nervt“, sagt Clara Tenhumberg ganz klar. Denn: Wer einmal auf der Liste steht, wird informiert, wenn er an der Reihe ist. „Nachfragen sorgt nicht dafür, dass es schneller geht“, sagt Henrike Tenwinkel.

„Der Impfneid ist enorm groß“

Einmal pro Woche wird die Praxis informiert, wie viele Impfdosen sie in der Folgewoche bekommt. Dann rufen die beiden Arzthelferinnen die Patienten an, die auf ihrer Liste ganz oben stehen, und bieten ihnen eine Impfung an. Für die Priorisierung sind in ihrer Praxis Clara Tenhumberg und Henrike Tenwinkel zuständig. Sie kennen die Krankenakten genau und können anhand der Vorgaben entscheiden, wer auf welchem Platz in der Liste steht.

„Der Impfneid ist enorm groß“, sagt Henrike Tenwinkel. „Wir müssen ständig erklären, warum jüngere Patienten schon geimpft sind. Ich denke dann immer: Seien Sie doch froh, dass Sie offenbar nicht so krank sind wie diese Personen.“ Die genauen Gründe, warum wer wann geimpft wird, seien aber eben nicht so einfach zu erklären – auch aus Datenschutzgründen.

Alle fünf Minuten klingelt in der Hausarztpraxis das Telefon. Die Arzthelferinnen müssen ständig mit Patienten diskutieren und sich rechtfertigen.
Alle fünf Minuten klingelt in der Hausarztpraxis das Telefon. Die Arzthelferinnen müssen ständig mit Patienten diskutieren und sich rechtfertigen. © Schwarze Blanke © Schwarze Blanke

Diese Diskussionen und die dauerhaften Rechtfertigungen stressen die Arzthelferinnen. „Man kann gar nicht mehr abschalten. Sogar im Supermarkt oder beim Bäcker wird man angesprochen und nach einer Impfung gefragt“, erzählt Clara Tenhumberg.

Bei den Abrechnungen ändert sich ständig was

Außerdem sei die Hausarztpraxis für viele Patienten offenbar so etwas wie eine allgemeine Corona-Hotline. „Die Leute fragen uns zum Beispiel auch, wann die Teststellen geöffnet sind oder wie sie einen Termin im Impfzentrum buchen können. Dabei ist das doch wirklich nicht unsere Aufgabe“, sagt Henrike Tenwinkel.

Neben den vielen Telefonaten sind die beiden als Medizinische Fachangestellte (MFA) für die Abrechnung der Leistungen in der Hausarztpraxis zuständig. Auch hier führt Corona zu Mehrarbeit. Denn die Vorgaben ändern sich laufend. Während in der einen Woche ein Corona-Test zum Beispiel noch von der Krankenkasse bezahlt wird, kann das in der nächsten Woche schon ganz anders sein. „Wir aktualisieren die Liste momentan wöchentlich, weil ständig wieder was anders ist“, sagt Henrike Tenwinkel.

Für all diese Anliegen rund um das Thema Corona könne man ihrer Praxis zwei neue Stellen einrichten, meinen die beiden Arzthelferinnen. Stattdessen kommen diese Aufgaben zum normalen Praxisalltag hinzu, der wie gewohnt weiterläuft. „Die Schublade füllt sich mit Anträgen, weil wir keine Zeit haben, sie ordentlich abzuarbeiten“, sagt Clara Tenhumberg.

Arzthelferinnen fordern einen Corona-Bonus

Diese Arbeit haben die MFA in den Impfzentren nicht. „Die sind nur für die reine Impfung zuständig, ohne Terminvergabe, ohne Diskussionen, ohne Organisation. Das läuft ja alles zentral. Und trotzdem bekommen sie viel mehr Geld als die MFA in den Hausarztpraxen“, sagt Clara Tenhumberg. Das finden die beiden Vredenerinnen unfair.

„Die Regierung macht es sich zu einfach, das ist nicht gut durchdacht. Die Impfungen bedeuten für uns komplettes Chaos“, sagt Clara Tenhumberg. Die beiden jungen Frauen wünschen sich, dass die Regierung die Mehrbelastung durch die Impfungen in den Hausarztpraxen sieht und einen Corona-Bonus für alle Arzthelferinnen beschließt. „Wir stehen schließlich auch an vorderster Front, haben deutlich mehr Arbeit und Kontakt zu zahlreichen Patienten mit Corona-Verdacht“, sagt Henrike Tenwinkel.

Über die Autorin
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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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