Besuch im Langzeitgedächtnis von Vreden

Stadtarchiv

"Wer etwas aufbewahren will, muss auch wegwerfen können." Hubert Krandick schmunzelt. Den Satz hat er aber ganz ernst gemeint. Längst nicht alles kann dauerhaft im Archiv der Stadt landen, was dort landen könnte. Dazwischen steht die Auswahl.

VREDEN

, 16.01.2016, 05:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Und ein kleiner Raum im Erdgeschoss eines unauffälligen Gebäudes an der Gartenstraße in Vreden. Ein größerer Schreibtisch für Mitarbeiterin Birgit Kemper, ein weiterer Tisch für Besucher, einige wenige Schränke. Zwei Türen führen von dort weiter in zwei Räume mit vielen Regalen: Der eine funktioniert im Grunde wie ein Eingangskorb. Nur in größerem Maßstab: Dorthinein kommen all die Akten und Papiere, die in der Stadtverwaltung ein bestimmtes Alter erreicht haben und vielleicht ins Langzeitgedächtnis der Stadt wandern könnten.

Das findet sich in dem zweiten Raum, ebenfalls mit großen Regalreihen gefüllt, auf ihnen in Reih und Glied Akten, Bücher, Zeitungsbände und vieles mehr, was künftigen Generationen einen wertvollen Aufschluss über das geben könnte, was ihre Vorfahren einst bewegte.

Leben in allen Facetten

"Im Archivgut spiegelt sich das ganze Leben in all seinen Facetten wider." Birgit Kemper findet hochspannend, womit sie es in ihrer Arbeit zu tun hat. Manchmal stößt sie sogar auf entfernte Verwandte - wenn sie einem Familienforscher dabei hilft, seinen Stammbaum zu komplettieren, hat die gebürtige Vredenerin auch schon mal einen gemeinsamen Urahnen entdeckt.

"Das ist eines der Gebiete, die bei uns gefragt sind", berichtet Hubert Krandick. Das Archiv fällt in seine Zuständigkeit als Leiter des Fachbereichs Schule, Sport und Kultur. Er liebt es, sich mit Geschichte zu befassen. Er freut sich daher auch über jeden, der den Weg ins Archiv findet: Historiker mit wissenschaftlichen Fragestellungen ebenso wie Oberstufenschüler, die für eine Facharbeit recherchieren wollen, Menschen auf der Suche nach ihren familiären Wurzeln - ein breites Feld.

Anfragen aus aller Welt

"Bei der Familienforschung hat sich durch das Internet einiges verändert", berichtet Krandick. Aber es sorgte auch dafür, dass es Anfragen aus dem Ausland gibt. Nicht nur Amerikaner haben sich schon gemeldet, sondern beispielsweise auch jüdische Familien aus Israel. In Sachen Familienforschung klopfen aber auch zahlreiche Niederländer an die Tür des Archivs.

Das städtische Gedächtnis dient aber auch der eigenen Verwaltung immer wieder. Denn viele Entscheidungen und Entwicklungen lassen sich heute noch beim Einblick in die alten Unterlagen gut nachvollziehen. Bauunterlagen bleiben so dauerhaft erhalten, Behördenanfragen, Meldedaten aus der Vergangenheit.

Lückenhafte Altbestände

Doch der Blick in die Historie erfährt auch manche Brüche. Denn die darin zusammengefassten Altbestände der früheren Gemeinden Ammeloe und Vreden sind nicht vollständig erhalten. Die Stadtbrände von 1811 und 1857 raubten Unterlagen, andere fielen der Bombardierung der Stadt im März 1945 zum Opfer. Komplett und ausführlich vorhanden sind hingegen Zeugnisse all dessen, was nach 1945 in der Widukindstadt an öffentlich Bedeutsamen geschehen ist. Dazu zählt nicht nur Schriftliches, sondern auch Tausende von Fotos.

Das Stadtarchiv dient auch als Aufbewahrungsort für das Fotoarchiv des Heimatvereins. Hofarchive werden dort für die Nachwelt erhalten, der Schützenverein St. Georg hat dem städtischen Archiv seine alten Unterlagen anvertraut, ebenso manche Schulen. Manches hat inzwischen an Bedeutung verloren, was in den Zeiten vor dem Internet eine gesuchte Quelle war: die Sammlung preußischer Gesetze ab 1815 etwa. Quellen von bleibendem zeithistorischen Wert sind die Zeitungsblätter, die mit Vredener Inhalten erschienen sind.

Umzug ins kulturhistorische Zentrum

Eine kleine Zeitenwende steht nun allerdings dem Stadtarchiv selbst bevor. Das sogenannte historische Archiv der Stadt soll künftig seinen Platz im neuen Kulturhistorischen Zentrum finden, im Kult. Damit dürfte all jenes Archivgut die Adresse innerhalb Vredens wechseln, was aus der Zeit vor dem Zweiten Weltkrieg stammt. "Dort werden sich dann ausgebildete Fachleute um die Bestände kümmern", blickt Krandick voraus.

Im Stadtarchiv selbst wird immer noch genug zu tun bleiben. Denn der Zufluss an Material hört ja nicht auf. Was eben noch ein aktueller Vorgang war, könnte schließlich morgen schon ein Fall fürs Archiv sein. Das Stadtarchiv, Gartenstraße 4, ist mittwochs von 14.30 bis 18 Uhr für den Publikumsverkehr geöffnet. Für Besucher steht ein PC-Arbeitsplatz bereit, der Familienforschern die Recherche ermöglicht. Mitarbeiterin Birgit Kemper hilft bei Fragen weiter.

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