Bewegende Zeitzeugen-Interviews verschlagen dem Publikum die Sprache

mlzGrenzerinnerungen

22 Zeitzeugen haben an ihre ganz persönlichen Erfahrungen aus dem Zweiten Weltkrieg und der NS-Zeit erinnert. Komprimiert auf 75 Minuten ist der beeindruckende Film „Grenzerinnerungen“ entstanden.

Vreden

, 28.09.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Als der Film zu Ende ist, bleibt es im Saal der Gaststätte Grenszicht kurz hinter der Grenze zwischen Zwillbrock und Eibergen mucksmäuschenstill. Kein Applaus, keine Gespräche. Dabei hätte der Film eigentlich großen Applaus verdient: Zwei Jahre lang haben Bert Smeenk und Jahra Esser von der Stiftung „Ik vraag me af“ aus Eibergen im Grenzgebiet zwischen Deutschland und den Niederlanden Erinnerungen an die NS-Zeit und den Zweiten Weltkrieg gesammelt. 22 Zeitzeugen haben sie dazu befragt und gefilmt.

PARTNER UND FINANZIERUNG

  • Beteiligt an dem Videoprojekt sind die Stiftung „Ik vraag me af“ aus Eibergen, das Erfgoedcentrum Ackterhoek en Liemers in Doetichem, der Heimat- und Altertumsverein der Vredener Lande und das Institut für Niederländische Philologie an der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster.
  • Finanziert wird das Projekt jeweils zur Hälfte von Interreg Deutschland-Nederland der Europäischen Union und der Provinz Gelderland.

Herausgekommen ist der knapp 75-minütige Film „Grenzerinnerungen“. Ein Schlaglicht auf die Erlebnisse von Menschen, die nahe der Grenze zwischen Deutschland und den Niederlanden leben und die diese schreckliche Zeit hautnah miterlebt haben. In den Interviews werden die unterschiedlichen Perspektiven deutlich: Ob als Reserveoffizier in den Reihen der Wehrmacht oder als Kind auf einem der Höfe dies- und jenseits der Grenze.

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„Gerade jetzt, wo Hetze gegen Andersdenkende und Minderheiten wieder zunimmt, ist es wichtig, die Erinnerungen dieser Menschen zu bewahren“, sagt Bert Smeenk kurz bevor der Film beginnt. Wie Recht er damit hat, wird im Abspann deutlich: Drei der Zeitzeugen, die sich an dem Projekt beteiligt haben, konnten die Premiere nicht mehr miterleben. Sie sind in der Zwischenzeit gestorben.

Premiere auf drei Vorführungen aufgeteilt

Es ist an diesem Sonntag die zweite Premieren-Vorführung des Films. Dreimal wird er in der Gaststätte Grenszicht am Sonntag gezeigt. Vor jeweils rund 50 Personen. Mehr ist wegen der Coronabeschränkungen nicht möglich.

Jeweils nur knapp 50 Zuschauer durften die drei Premierenvorstellungen verfolgen. Wegen des Coronavirus war ein größeres Publikum nicht zugelassen. Eine Vorführung vor größerem Publikum ist aber vorgesehen, sobald die Beschränkungen es wieder zulassen.

Jeweils nur knapp 50 Zuschauer durften die drei Premierenvorstellungen verfolgen. Wegen des Coronavirus war ein größeres Publikum nicht zugelassen. Eine Vorführung vor größerem Publikum ist aber vorgesehen, sobald die Beschränkungen es wieder zulassen. © Stephan Rape

Sie erleben die Geschichten, die man sich heute kaum noch vorstellen kann. Lina Memelink-Endeman beispielsweise berichtet vor der Kamera, wie ihr Vater das Pferd der Familie im Elternschlafzimmer auf dem Hof versteckte. „Es hat meinen Eltern zwar vor das Bett geschissen“, sagt die Frau mit einem verschmitzten Lächeln, doch zumindest habe die Wehrmacht das Tier nicht mitnehmen können.

Bernhard Robers erlebte seine Jugend in Vreden. Auch er kennt den Zwang in Jungvolk und HJ. „Führer, Volk, Vaterland – das waren für uns doch böhmische Dörfer“, sagt er in dem Film. Auch nach dem Krieg erlebte er noch Repressalien, weil sein Vater nicht in die Partei eintreten wollte. „Diese Nazischeiße wollen wir nicht wiederhaben“, macht er ganz deutlich.

Auch die anderen Zeitzeugen berichten von den Wirren des Kriegs, von Angst und Hass, aber auch von der Menschlichkeit: Von dem deutschen Soldaten etwa, der seine Familie bei einem Bombardement in Köln verloren hatte und dann die zweieinhalb Jahre alte Schwester von Jan und Ab Lensink auf dem Knie schaukelte. „Da ist uns aufgefallen, verdammt, das sind ja auch Menschen“, sagen die Brüder.

Jahra Esser (2.v.l.) und Bert Smeenk haben die Interviews geführt und gefilmt. Leonie Holweg (l.), Vorsitzende der Stichting „Ik vraag me af“, und Bert Smeenks Lebensgefährtin Petra Waning freuten sich mit dem Duo über die gelungenen Premieren unter besonderen Umständen.

Jahra Esser (2.v.l.) und Bert Smeenk haben die Interviews geführt und gefilmt. Leonie Holweg (l.), Vorsitzende der Stichting „Ik vraag me af“, und Bert Smeenks Lebensgefährtin Petra Waning freuten sich mit dem Duo über die gelungenen Premieren unter besonderen Umständen. © Stephan Rape

Immer wieder betonen die deutschen Zeitzeugen, dass sie vom Ausmaß der Schrecken in der NS-Zeit damals keine Ahnung gehabt hätten. In Zwillbrock etwa habe es damals weder Zeitung noch Radio gegeben. Der Küster habe nach dem Gottesdienst davon berichtet, dass der Zweite Weltkrieg ausgebrochen sei.

Eineinhalb Stunden Material pro Person

Die Zeitzeugen hätten noch viel mehr zu erzählen: „Wir hatten aus jedem Interview rund eineinhalb Stunden Material“, sagt Bert Smeenk. Für den Film wurde das Material auf 75 Minuten gekürzt.

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Eigentlich sollte der Film „Grenzerinnerungen“ pünktlich zum 75-jährigen Jubiläum der Befreiung vom NS-Regime und dem Ende des Zweiten Weltkriegs fertig werden. Eine große Präsentation war geplant. „Mindestens 180 Personen hätten den Film sehen sollen“, sagt Bert Smeenk. Doch auch das wurde natürlich durch das Coronavirus unmöglich.

Wie es jetzt genau mit dem Film weiter geht, kann er noch nicht sagen. Klar ist jetzt schon, dass der Film in verschiedenen Archiven aufbewahrt und für Studienprojekte zur Verfügung gestellt werden soll. Bert Smeenk möchte aber auch eine große, öffentliche Vorführung noch nicht endgültig abschreiben. „Dafür müssen wir aber erst die weiteren Entwicklungen abwarten“, sagt er.

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