Dr. Christoph Holtwisch wird den Schreibtisch im Bürgermeisterbüro zum Monatsende räumen. © Victoria Garwer
Rathaus Vreden

Christoph Holtwisch geht nach elf Jahren und elf Tagen als Bürgermeister

Die Amtszeit des Vredener Bürgermeisters Dr. Christoph Holtwisch neigt sich dem Ende zu. Kurz vorher spricht er über prägende Krisen, bleibende Erinnerungen und Dinge, die er bereut.

Auf den Tag genau seit elf Jahren ist Dr. Christoph Holtwisch am Mittwoch, 21. Oktober, der Bürgermeister von Vreden. Wenn er das Amt zum Monatswechsel an seinen Nachfolger Tom Tenostendarp übergibt, werden es elf Jahre und elf Tage sein.

An seinen ersten Tag als Bürgermeister im Jahr 2009 erinnert sich Christoph Holtwisch nicht mehr im Detail. Nur so viel: „Das Bürgermeister-Büro habe ich erst nach zwei oder drei Tagen bezogen.“ Bis dahin blieb er in dem Büro gegenüber, in dem er die zweieinhalb Jahr zuvor als Erster Beigeordneter der Stadt gearbeitet hatte.

„Es gab noch keinen Nachfolger, deswegen habe ich in den ersten Monaten beide Jobs parallel gemacht. Das war extrem arbeitsintensiv und sehr fordernd“, berichtet Christoph Holtwisch. Umso mehr freute es ihn, als Bernd Kemper im April 2010 als Erster Beigeordneter anfing und bis heute blieb.

Start und Abschied liegen jeweils mitten in einer Krise

Eines verbindet diese Zeit damals mit der heute: Christoph Holtwisch ist in einer Krise gekommen und er geht in einer Krise. „2009 war Vreden zum ersten Mal in die Haushaltssicherung gerutscht und die Ausgleichsrücklage war bei Null“, erinnert sich der 46-Jährige an seine Anfänge vor elf Jahren.

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Bürgermeister Christoph Holtwisch

Kein idealer Start, aber auch eine Situation voller Möglichkeiten. „Dadurch war es etwas einfacher, einiges auf den Prüfstand zu stellen“, meint er. Die ersten Jahre haben die Verwaltung und die Politik vor allem konzeptionell gearbeitet und überlegt, in welche Richtung sich Vreden entwickeln soll. Erst als die finanziellen Möglichkeiten besser wurden, ging es unterstützt durch viele Fördermittel an die Umsetzung.

„Jetzt sind wir gut aufgestellt. Die Ausgleichsrücklage liegt bei über 25 Millionen Euro. Das ist ein guter Puffer für schwierige Jahre“, zieht Christoph Holtwisch Bilanz. Und die werden wohl kommen, Stichwort Corona-Pandemie.

Coronavirus und Flüchtlingswelle waren prägende Ereignisse

Das Virus prägt natürlich auch die letzten Wochen und Tage als Bürgermeister. „Eigentlich wollte ich 2020 alles noch einmal besonders bewusst erleben, Schützenfeste, Kirmes-Eröffnung. Alles ein letztes Mal, aber daraus wurde ja nichts.“ Auch seine offizielle Verabschiedung und das Mitarbeitertreffen im Rathaus werden ausfallen.

In der Mitte seine Amtszeit gab es ebenfalls eine prägende Krise: die Flüchtlingswelle im Jahr 2015. In dieser Zeit machte Christoph Holtwisch überregional Schlagzeilen wegen eines Brandbriefes an die Bezirksregierung, in dem er erklärte, keine weitere Flüchtlinge aufnehmen zu wollen, weil die Kapazitätsgrenze in Vreden erreicht sei. Doch auch diese Situation meisterte die Stadt. „Am Ende sind wir aus jeder Krise gestärkt hervor gegangen“, sagt der Jurist.

Die positiven Erinnerungen überwiegen deshalb. Im Gedächtnis bleiben ihm natürlich die großen Projekte wie das Kult, der Jugendcampus, die Schmitz-Erweiterung oder der Rathausumbau. Aber auch kleine Veränderungen fallen ihm beim Gang durch Vreden ins Auge, zum Beispiel der Bücherschrank oder ökologische Maßnahmen in der Natur.

Christoph Holtwisch: „Natürlich habe ich Fehler gemacht“

Was bereut der Bürgermeister denn im Rückblick auf die letzten elf Jahre? „Fehler macht man immer und natürlich habe auch ich Fehler gemacht“, meint er. Zum Beispiel wenn er Chancen nicht gesehen habe oder es kommunikativ nicht geschafft habe, den Rat oder die Bürger von seinem Standpunkt zu überzeugen – was zum Glück nur selten geschehen sei.

Zwei Punkte nennt er dabei. Erstens: der Schulcampus. Der Rat stimmte noch für die von der Verwaltung favorisierte Variante, doch die Bürger entschieden sich beim Bürgerentscheid anders. „Ich glaube immer noch, dass die große Lösung eine Chance für Vreden gewesen wäre. Aber das ist Demokratie und das ist auch völlig in Ordnung“, meint Christoph Holtwisch. Inzwischen ist eine neue Variante beschlossen und soll bald umgesetzt werden.

Zweitens: das Bierbaum-Gelände. Der Bürgermeister hatte für den Kompromiss aus E-Center und Wohnungen geworben, doch der Rat stimmte mit einer ganz knappen Mehrheit dagegen. „Ich glaube, darüber wurde nicht zum letzten Mal diskutiert“, vermutet Christoph Holtwisch. „Vreden kann es nicht leisten, eine so große Brachfläche liegen zu lassen, und der Eigentümer wird nicht gänzlich von seiner Vorstellung abrücken.“ Er sei gespannt, wie es bei diesem Thema weitergeht.

Das Gute an einer Demokratie sei ja, dass man Entscheidungen auch korrigieren kann. Ein Beispiel: 2018 stimmte der Rat zu, dass auf der Vredener Kirmes Einwegbecher genutzt werden sollen. Nach massiven Protesten der Bürger wurde dieser Beschluss zurückgenommen. Inzwischen gibt es in Vreden sogar ein generelles Verbot von Einweggeschirr bei Veranstaltungen.

Nächste Station: Professor an einer Hochschule

Seine letzte große Amtshandlung wird die Ratssitzung am Donnerstag, 29. Oktober, sein. „Das wird für mich sicher nicht unemotional“, ahnt der Bürgermeister. Denn die gute Zusammenarbeit mit dem politischen Umfeld, mit den Rathausmitarbeitern und mit den vielen Ehrenamtlichen ist es, was ihm besonders in Erinnerung bleiben wird. „Als Bürgermeister kommt man mit extrem unterschiedlichen Menschen ins Gespräch und diese Vielfalt bringt einen auch als Mensch selber weiter“, meint der 46-Jährige.

Genau das werde er vermissen, sagt er. „Das ist das weinende Auge.“ Und was ist das lachende Auge? „Dass ich direkt wieder eine sehr spannende, anspruchsvolle und fordernde Tätigkeit aufnehmen werde.“ Christoph Holtwisch wird künftig als Professor für Staatsrecht und öffentliches Bau- und Planungsrecht an der Hochschule für Polizei und öffentliche Verwaltung NRW in Duisburg/Mülheim arbeiten.

Sein Wohnort soll in der Widukindstadt bleiben. „Vreden ist eine schöne Stadt. Das habe ich nicht immer nur beruflich so gesagt, das meine ich auch privat.“ Zur Vredener Kommunalpolitik werde er sich künftig aber schon aus Respekt vor den neuen Akteuren nicht mehr öffentlich äußern.

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Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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