Der Vorschlag von Elternvertretern, das Corona-Schuljahr kollektiv zu wiederholen, stößt in Vreden auf Ablehnung. © picture alliance/dpa
Vredener Schulen

Corona-Schuljahr kollektiv wiederholen? – „Das ist realitätsfern“

Keine Versetzung, stattdessen eine Ehrenrunde für alle Schüler. Das ist der Vorschlag von Elternvertretern in NRW. In Vreden sieht man das äußerst kritisch. Aus unterschiedlichen Gründen.

In den vergangenen Tagen geisterte ein gleichermaßen unkonventioneller wie kurioser Vorschlag durch die Republik. Zugespitzt formuliert: eine Ehrenrunde für alle Kinder und Jugendlichen – unabhängig davon, welche Schulform sie besuchen.

Dieter Cohnen von der Landeselternschaft der Gymnasien in NRW sagte zum Beispiel gegenüber dem WDR: „Der Schulstoff kann nicht mehr nachgeholt werden. Das gesamte Jahr zu wiederholen, sehen wir durchaus positiv.“ Der Gegenwind ließ nicht lange auf sich warten. Auch in Vreden hält man von dieser Idee offenbar wenig. Aus unterschiedlichen Gründen.

„Stößt in der Praxis an seine Grenzen“

Tobias Beck, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, sagt zwar grundsätzlich: „Ich kenne die Argumente für die kollektive Wiederholung des Schuljahres und kann sie zu Teilen nachvollziehen.“ Er schiebt aber gleich hinterher: „In der Praxis stößt dieser Vorschlag schnell an Grenzen. Von daher halte ich ihn für realitätsfern.“

Tobias Beck, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, kann die Argument für die Wiederholung des Schuljahrs nachvollziehen. Glaubt aber nicht, dass es praktisch umsetzbar ist.
Tobias Beck, Vorsitzender der Stadtschulpflegschaft, kann die Argument für die Wiederholung des Schuljahrs nachvollziehen. Er glaubt aber nicht, dass es praktisch umsetzbar ist. © privat © privat

Als Beleg nennt er zum Beispiel die Grundschulen. „Was machen wir dann mit den neuen Erstklässlern? Allein logistisch wäre das eine riesige Herausforderung.“ Außerdem müsse man auch an die Kinder und Jugendlichen denken: „Sehen das wirklich alle als Chance oder vielleicht doch eher als Bestrafung?“ Man stoße auch denjenigen vor den Kopf, die sich aktuell bereits mit Bewerbungen oder dem Wechsel auf eine andere Schule beschäftigten.

Beschluss würde Fachkräftemangel zuspitzen

Auch Markus Thesing, Regionaldirektor der Sparkasse und im Vorstand der Wirtschaftsvereinigung Vreden, sieht die Diskussion äußerst kritisch. „Wenn ein Jahr keine Auszubildenden auf den Markt kommen, wird sich der Fachkräftemangel, den wir schon vor Corona hatten, noch weiter zuspitzen.“ Auch im vergangenen Sommer sei es einigen Vredener Unternehmern nicht gelungen, alle Lehrstellen zu besetzen. „Auf Dauer kann das die Wettbewerbsfähigkeit gefährden.“

Er wisse zwar als Vater auch, dass der Distanzunterricht nicht immer einfach sei, „und sicher irgendwo Defizite entstehen“. Aber als Arbeitgeber ist er sich sicher, „dass man das überbrücken kann“. Schließlich sei das eine Corona-Jahr nur ein Bruchteil der Schulzeit. Daher glaubt er auch nicht, dass die diesjährigen Abschlussklassen irgendwelche Benachteiligungen erfahren werden.

„Die Unternehmen sind in der Lage, das eigenständig zu bewerten. Die Schulnote ist ja sowieso nur ein Aspekt von vielen.“ Bei der Sparkasse müssen potenzielle Azubis zum Beispiel einen Test absolvieren. „Und natürlich ist auch das persönliche Gespräch entscheidend“, so Markus Thesing.

Widerspruch zu Äußerungen von Ministerin

Genau wie der stellvertretende Vorsitzende der Wirtschaftsvereinigung glaubt auch Tobias Beck nicht daran, dass die Landesregierung ernsthaft darüber nachdenkt, das Schuljahr kollektiv zu wiederholen. Das stünde auch im Widerspruch zur Aussage von Schulministerin Yvonne Gebauer. „Sie hat zuletzt klar gesagt, dass genug Präsenzunterricht stattgefunden hat, um Halbjahreszeugnisse ausstellen zu können“, so der Vorsitzende der Stadtschulpflegschaft. „Warum sollte man die Kinder nicht dann auch versetzen können?“

Handlungsbedarf sieht Beck trotzdem: „Distanzunterricht ist mit Präsenzunterricht nicht zu vergleichen. Das sage ich auch als Vater von zwei Kindern.“ Obwohl es bei ihm zu Hause relativ gut laufe, sehe er auch, dass andere Familien sich deutlich schwerer mit dem Homeschooling tun. Auch deshalb habe die Stadtschulpflegschaft eine Umfrage gestartet (wir berichteten). Er glaubt: „Die Chancenungleichheit nimmt durch den Distanzunterricht zu.“ Das zeige sich auch an den Rückmeldungen, die die Stadtschulpflegschaft aktuell von Vredener Eltern erreichen.

Tobias Becks Vorschlag: „Sobald die Kinder und Jugendlichen dauerhaft in die Schule zurückkehren, muss man genau schauen, wo der Schüler oder die Schülerin gerade steht. Und dann braucht es individuelle Förderung, bei der auch die Schulsozialarbeiter mit im Boot sein sollten.“

Schulleiter hat für Vorschlag kein Verständnis

Dr. Jürgen Klomfaß, Leiter des Gymnasiums Georgianum, lässt erst gar keinen Zweifel daran aufkommen, wie er zum Thema kollektive Wiederholung des Schuljahres steht: „Diese Überlegungen, die da angestellt werden, kann ich nicht nachvollziehen. Da kann ich auch für das gesamte Kollegium sprechen.“ Im ersten Halbjahr habe der Präsenzunterricht bis auf wenige Wochen normal stattfinden können, daher gebe es auch keine besonderen Defizite. „Mit dem Stoff sind wir gut durchgekommen.“

Für Dr. Jürgen Klomfaß überwiegen bei der Zeugnisübergabe die praktischen Gründe.
Für Dr. Jürgen Klomfaß überwiegen bei der Zeugnisübergabe die praktischen Gründe. © Stephan Rape © Stephan Rape

Man müsse zum Beispiel bedenken, dass Praktika oder Klassenfahrten, die sonst angestanden hätten, ausgefallen sind. „Also hatten wir teilweise sogar mehr Zeit als sonst“, so Klomfaß. Auch mit dem Distanzunterricht fahre zumindest seine Schule aktuell sehr gut. „Alle sind zufrieden: Eltern, Schüler und Kollegen. Das liegt auch an der digitalen Ausstattung, über die wir verfügen.“

Seine einzige Befürchtung sei, dass das Ministerium jetzt beschließen könnte, zu einem Hybrid-Modell zurückzukehren. „Das würde es für uns sehr schwierig machen. Wenn die Schüler teilweise zu Hause und teilweise in der Schule sind, leidet die Unterrichtsqualität.“

Über den Autor
1991 in Ahaus geboren, in Münster studiert, seit April 2016 bei Lensing Media. Mag es, Menschen in den Fokus zu rücken, die sonst im Verborgenen agieren.
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Johannes Schmittmann

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