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Daniel Babilon (43) möchte mit Sea Watch Flüchtlinge aus Seenot retten – darf aber nicht

mlzSeenotrettung

Daniel Babilon hatte bereits zwei Einsätze für die Organisation Sea Watch, die Flüchtlinge aus Seenot rettet. Doch beide Male durfte das Schiff aus politischen Gründen nicht auslaufen.

Vreden

, 13.04.2019 / Lesedauer: 5 min

Daniel Babilon hat in Westafrika Solaranlagen gebaut. Er hat in einem Flüchtlingscamp an der serbischen Grenze gearbeitet. Er hat mehrmals die Sahara durchquert. Er wollte mit der Organisation Sea Watch Flüchtlinge in Seenot retten. Doch die Politik kam dazwischen. Gleich zweimal durfte das Schiff nicht aus dem Hafen auslaufen.

„Ich bin wahnsinnig enttäuscht über die politische Situation. Das frustriert und macht extrem wütend. Vor allem, wenn man dann hört, dass wieder Menschen ertrunken sind, und man selber mit einer motivierten Mannschaft im Hafen festsitzt“, sagt Daniel Babilon, der 15 Jahre lang in Lünten gelebt hat.

„Wir wurden aus politischen Gründen festgehalten“

Sein erster Einsatz als Schiffstechniker für die Organisation Sea Watch beginnt im Juni 2018. Von Malta aus soll das Schiff Sea Watch 3, das unter niederländischer Flagge fährt, auslaufen. Doch das wird wochenlang nicht passieren. Die maltesische Regierung verbietet das, weil es Unklarheiten bei der Zulassung gebe. Das Nachrichtenmagazin „Spiegel“ berichtet im August 2018: „Dabei weiß die maltesische Regierung bereits seit einer Woche, dass das Schiff über alle nötigen Zulassungen verfügt.“ Das gehe aus einem Untersuchungsbericht hervor.

So erzählt es auch Daniel Babilon. „Wir wurden aus politischen Gründen festgehalten. Man versucht, die zivile Seenotrettung zu blockieren. Wir kriegen viele Dinge mit, und das möchte man nicht“, schildert er seinen Eindruck.

Daniel Babilon (43) möchte mit Sea Watch Flüchtlinge aus Seenot retten – darf aber nicht

Die Crew-Mitglieder sind sich einig, dass der Hafen in Libyen, wo Bürgerkrieg herrscht, kein sicherer Hafen ist. Daniel Babilon ist auf dem Bild unten in der Mitte zu sehen. © Paul Lovis Wagner

Die Organisation Sea Watch ist seit 2014 zwischen Libyen und Italien im Einsatz. Dort verläuft eine der Hauptrouten für Flüchtlinge. „Die kleinen Schlauchboote sind häufig völlig überladen, haben zu wenig Motorleistung und zu wenig Sprit an Bord. Die Menschen tragen auch oft keine Schwimmwesten“, erzählt Daniel Babilon. Die ehrenamtlichen Crew-Mitglieder der Sea Watch 3 halten nach Booten in Seenot Ausschau und geben diese Informationen an die zuständigen Stellen weiter. Die Behörden entscheiden, ob die Organisation die Rettungsmaßnahme übernehmen soll oder ob zum Beispiel ein anderes Schiff näher dran oder besser geeignet ist.

Flüchtlinge erzählen Unfassbares

Doch während des Einsatzes von Daniel Babilon kommt es gar nicht erst zu so einer Situation, da das Schiff nicht auslaufen darf. Die Zeit nutzt der 43-Jährige unter anderem dafür, sich auf Malta mit Flüchtlingen zu unterhalten. Er bekommt unfassbare Geschichten zu hören. Ein junger Flüchtling erklärt ihm, warum er seine Heimat verlassen hat: „Entweder ich werde ermordet, oder ich werde Kindersoldat.“ Die ganze Familie, häufig auch das gesamte Dorf, kratzt in so einem Fall die Ersparnisse zusammen, Ziegenherden oder Land wird verkauft, um wenigstens einem Familienmitglied eine bessere Zukunft zu ermöglichen.

Die Flucht führt die Menschen durch die Sahara. Daniel Babilon weiß: „Die Wüste ist erbarmungslos.“ Er selbst hat die Sahara bereits mehrmals durchquert, allerdings mit hochmoderner technischer Ausrüstung. Die Flüchtlinge hingegen sind mit Schleppern unterwegs, die sie nicht selten mitten in der Wüste aussetzen.

Entführt, gefoltert und erpresst

„Das Schema ist dann immer gleich. Sie werden von Banden gekidnappt und in Libyen in dunklen Verliesen angekettet. Dann werden die Familien erpresst, damit sie die Überfahrt nach Italien bezahlen. Nicht selten sind abgetrennte Gliedmaßen das Druckmittel“, gibt Daniel Babilon die Erzählungen der Flüchtlinge wieder. Dutzendfach habe er ähnliche Schilderungen gehört.

„Wir sehen bei den Geretteten oft Verletzungen, die beweisen, dass sie auf das Boot geprügelt wurden.“
Daniel Babilon

„Wenn die Familien dann die Überfahrt bezahlt haben, werden sie mitten in der Nacht ohne Vorwarnung aus dem Verlies geholt und auf das Boot getrieben. Viele sehen, dass das Ding nicht schwimmtauglich ist, und versuchen alles, um nicht auf das Boot zu müssen. Wir sehen bei den Geretteten oft Verletzungen, die beweisen, dass sie auf das Boot geprügelt wurden“, schildert Daniel Babilon.

„Den Schleppern ist egal, wenn Menschen ertrinken“

Kritiker sind der Meinung, dass die Schlepper darauf vertrauen, dass die Flüchtlinge von privaten Organisationen wie Sea Watch gerettet werden. Wenn es die nicht geben würde, würden nicht so viele Menschen den Seeweg nehmen. Daniel Babilon entgegnet: „Den Schleppern geht es nicht darum, dass die Menschen in Europa ankommen. Ihnen geht es um das Geld. Es ist ihnen egal, wenn Menschen ertrinken.“

Zahlen, die belegen sollen, dass in den Zeiten, in denen nicht so viele Rettungsorganisationen unterwegs sind, auch weniger Menschen ertrinken, kann er nicht ernst nehmen. „Es ertrinken mit Sicherheit nicht weniger Menschen, es bekommt nur keiner mit. Die Boote sind so klein, dass sie auf keinem Radar auftauchen. Wenn niemand vor Ort ist, erfährt es also auch keiner“, meint er.

Solaranlagen in Westafrika gebaut

Rückblick: Im Jahr 2004 macht sich Daniel Babilon mit seiner damaligen Lebensgefährtin mit einem Lkw auf den Weg nach Kapstadt. „Aber da sind wir nie angekommen“, erzählt der 43-Jährige. Die Reise endet in Guinea-Bissau, einem kleinen Staat südlich des Senegals. „Wir hatten einfach das Bedürfnis, die Menschen dort näher kennenzulernen und wollten uns in der Entwicklungshilfe engagieren“, erinnert sich Daniel Babilon.

Er macht sich in dem westafrikanischen Land als Elektriker selbstständig. Eine funktionierende Stromversorgung ist dort kein Alltag. „Wir haben zum Beispiel für Schulen Solaranlagen mit Speicher gebaut“, sagt Daniel Babilon. Weil es in dem Land nur wenige Schulen gibt, läuft der Unterricht in verschiedenen Schichten, je nach Altersklasse. Unterricht früh am Morgen oder spät am Abend ist keine Seltenheit. Dafür wird Licht gebraucht. Doch Strom gibt es ohne eigene Anlage zum Teil nur einige Stunden pro Woche.

Arbeit im Flüchtlingslager in Serbien

Nach vier Jahren kehrt Daniel Babilon zurück nach Lünten. Die Zeit hat einen bleibenden Eindruck hinterlassen: „Ich habe viel mitbekommen, was die europäische Politik in Westafrika anrichtet. Ein Großteil des Geldes aus der Entwicklungshilfe zum Beispiel fließt zurück nach Europa, weil davon Experten bezahlt werden, die in Hotels von Europäern untergebracht werden.“

Daniel Babilon (43) möchte mit Sea Watch Flüchtlinge aus Seenot retten – darf aber nicht

Daniel Babilon hofft, dass er bei seinem nächsten Einsatz in See stechen darf. © Paul Lovis Wagner

Daniel Babilon möchte sich weiter engagieren. 2015 arbeitet er in einem Flüchtlingslager an der Grenze zwischen Serbien und Mazedonien. Genau in dieser Zeit werden die Grenzen entlang der Balkanroute für einen Großteil der Flüchtlinge geschlossen. „Keines der Länder war darauf vorbereitet, Menschen zu beherbergen“, beschreibt Daniel Babilon die Lage. Es müssen Camps aufgebaut werden, eigene Kliniken und eine Essensversorgung. Nach diesem Einsatz ist dem 43-Jährigen klar, dass er sich weiter für Flüchtlinge einsetzen möchte. „Ich habe gemerkt, dass ich in diesem Bereich vor Ort sehr sinnvolle Arbeit leisten kann.“

Niederländische Regierung verhindert zweiten Einsatz

Doch auch bei seinem zweiten Einsatz für die Organisation Sea Watch im März 2019 kann er keine Flüchtlinge vor dem Ertrinken retten. Diesmal sitzt das Schiff in Marseille fest. Nach Wartungsarbeiten an der Sea Watch 3 verhindert die niederländische Regierung ein Auslaufen des Schiffes, weil technische Anforderungen nicht erfüllt werden. Das Schiff sei nicht dazu geeignet, um Menschen aus Seenot zu retten. Um das begründen zu können, wurde sogar eine neue Verordnung erlassen.

„Wir haben uns ja nicht ausgesucht, Menschen an Bord zu nehmen und schon gar nicht, sie über Wochen zu beherbergen“, sagt dazu Daniel Babilon. Vielmehr sei es nach internationalem Seerecht Pflicht, Menschen in Seenot zu retten. Auf Dauer dürfe das aber nicht die Aufgabe von privaten Organisationen bleiben. „Das ist eigentlich eine staatliche und europäische Aufgabe“, meint Daniel Babilon.

Vermutlich Ende Mai wird Daniel Babilon zu seinem nächsten Einsatz für die Organisation Sea Watch aufbrechen. Er hofft, dass ihm dann nicht wieder politische Auseinandersetzungen im Wege stehen.

Die Organisation Sea Watch

  • Das Projekt Sea Watch ist im Jahr 2014 aus einer Initiative von vier Familien aus Brandenburg entstanden. Inzwischen engagieren sich knapp 500 Ehrenamtliche aus der ganzen Welt bei der Organisation.
  • Die Arbeit der Organisation wird nach eigenen Angaben zu 100 Prozent aus Spenden finanziert. Für das Retten der Personen bekommt Sea Watch kein Geld.
  • Wohin die aus Seenot geretteten Menschen gebracht werden, entscheidet die Rettungsleitstelle, die für das Gebiet zuständig ist. Das internationale Seerecht schreibt vor, dass die Geretteten nur in einen sicheren Hafen gebracht werden dürfen. Es muss zum Beispiel der Zugang zu medizinischer Versorgung und Schutz vor Verfolgung gegeben sein. Da Tripolis in Libyen kein sicherer Hafen ist, ist also verboten, die geretteten Flüchtlinge dorthin zurück zu bringen.
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