Neue Anforderungen an Seepferdchen und Co.: 25 Meter „paddeln" reichen Kindern nicht mehr

mlzSchwimmausbildung

40 Jahre alt war die Prüfungsordnung für Schwimmabzeichen. Nun wurde diese überarbeitet – die Kriterien wurden angezogen. Über die Auswirkungen sprachen wir auch mit dem Vredener Badleiter.

Vreden

, 05.02.2020, 17:00 Uhr / Lesedauer: 3 min

Wer erinnert sich nicht zurück an die Kindheit, als man endlich ins Wasser springen und 25 Meter schwimmen – oder zumindest den gegenüberliegenden Beckenrand erreichen – konnte. Noch eben nach einem Ring getaucht und ein paar Baderegeln aufgesagt – dafür gab es das Seepferdchen. Voller Stolz ging es vom Schwimmbad nach Hause – und die Mutter musste das Abzeichen sogleich auf den Badeanzug oder die Badehose nähen. Ein äußeres Merkmal, dass man schwimmen kann. Ein aufregender Prozess – und für Prüflinge ein Moment, an den einige mit Freude, andere auch mit Grauen zurückdenken.

Heute ist die Lage vielfach eine andere: Eine repräsentative Forsa-Umfrage hat für Deutschland folgende Situation gezeigt: 59 Prozent der Zehnjährigen sind demnach keine sicheren Schwimmer. Und das Ertrinken ist immer noch eine der häufigsten unfallbedingten Todesursachen bei Kindern. Auch Gründe, warum die Prüfungsordnung nach über 40 Jahren zum 1. Januar 2020 angepasst wurde.

„Kinder müssen mehr fürs Abzeichen tun"

Dass „Kinder nun mehr tun müssen, um die Schwimmabzeichen zu bekommen", das bestätigt Schwimmmeister Mario Menkehorst beim Blick auf die neue Prüfungsordnung. Das gelte für Erwachsene natürlich gleichsam. Schon beim Ablegen des Seepferdchens in Brustlage wird verlangt, dass ins Wasser ausgeatmet wird. Und das „ohne Schwimmbrille" – genauso wie beim Tauchen. Und ab dem Bronze-Abzeichen muss nachgewiesen werden, dass die Schwimmarten in Bauch- und Rückenlage mit Wechsel während des Schwimmens beherrscht werden.

Neue Anforderungen an Seepferdchen und Co.: 25 Meter „paddeln" reichen Kindern nicht mehr

Badleiter Mario Menkehorst . © Markus Gehring

„Wir haben uns im Team schon damit auseinandergesetzt, obwohl ja noch eine einjährige Übergangsfrist gilt. Auch für uns Abnehmer wird es insgesamt anspruchsvoller, wir müssen genau hinschauen", erklärt der Badleiter in Vreden. So müsse schon beim Seepferdchen sichergestellt werden, dass das Wasser an allen Stellen tiefer ist als der Schwimmer selbst groß. „Wer Bronze schafft, der kann auch schwimmen", so seine Meinung.

Sabine Friesicke-Rewer, Schwimmtrainerin beim TV Vreden und stellvertretende Vorsitzende im Schwimmkreis Westmünsterland, weiß, wie wichtig eine gute Schwimmausbildung gerade für Kinder ist. Entsprechend sieht sie die Novelle der Prüfungsordnung positiv. „25 Meter Schwimmen reichen nicht aus, um eine Schwimmfähigkeit nachzuweisen. Viele schaffen das gerade einmal“, erklärt sie.

Kindern fehlt es oft an grundlegenden Fähigkeiten

Auch grundsätzlich hätten Kinder heute oftmals mehr Probleme – vor allem in Sachen Koordination, Körperspannung und Ausdauer. Viele könnten heute nicht mehr auf Schwimmbrettern sitzen oder einfach im Wasser gleiten. Andere hätten Probleme damit, den Kopf beim Schwimmen unter Wasser zu halten. Dinge, die die neue Prüfungsordnung nun ausdrücklich verlangt. „Früher war vieles selbstverständlicher“, erklärt Friesicke-Rewer, die seit Anfang der 90er-Jahre bereits das Schwimmen lehrt.

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Dass man die Messlatte immer individuell anlegen sollte, ist die Meinung von Rita Buss, Fachwartin Kinderschwimmausbildung beim DLRG-Ortsverein Vreden. Vielfach keine Altersfrage. Sie ist hinsichtlich der neuen Kriterien „ein wenig zweigeteilt“, wie sie sagt: „Kinder werden heute nicht stärker.“

Bronze-Abzeichen gewinnt an Bedeutung

Insbesondere seien viele Kinder heute ängstlicher, gerade was das Tauchen und Springen angehe. „Ich kenne Vierjährige, die schwimmen locker Bahnen. Sie bekommen den Kopf aber nicht unter Wasser.“ Waren es früher zwölf Stunden für einen Kinderschwimmkurs, so sind es heute schon 15 oder 18. „Auch das reicht für einige im Grunde noch nicht.“

Aus Erfahrung könne sie sagen, dass heute erst mit dem Bronze-Abzeichen – früher Freischwimmer – eine Schwimmfähigkeit nachgewiesen sei. Das entspricht auch der neuen Prüfungsordnung. Wenn ein Kind die 25 Meter schaffe und dazu noch das Tauchen hinbekomme, dann solle man diesem „das Seepferdchen gönnen". Es gelte ausdrücklich der Hinweis, dass auch dann das Kind nicht ohne Aufsicht (der Eltern) zum Baden gelassen werden darf.

Eltern haben eine Verantwortung

Apropos Eltern: Abseits der Abnahme von Abzeichen erhöhe allein eines die Sicherheit im Wasser: Praxis. „Wir erleben es immer wieder, dass Sechsjährige noch nie ein Hallenbad von innen gesehen haben. Oder dass Kinder einen Sommer lang im Pool zu Hause geschwommen sind, um dann zu meinen, sie könnten sich einfach frei im Hallenbad im größeren Becken bewegen." Mario Menkehorst weist eindringlich darauf hin, dass allein die Praxis zu Routine verhelfen kann. Vielen Kindern merke man an, ob sich die Eltern mit ihnen beschäftigen.

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Sabine Friesicke-Rewer ergänzt: Auf Nachfrage, ob ihr Kind schwimmen könne, antwortete einst eine Mutter, dass das Kind im Januar das Seepferdchen abgelegt habe. „Nun war es September. Das Kind sprang ins Becken und ging unter, so dass ich dem nachgehen musste. Es stellte sich heraus, dass das Kind seit Januar nicht mehr geschwommen hatte.“ Da seien die Eltern gefordert: „Wir können doch froh sein, dass es in der Region noch so viele Schwimmbäder gibt, dass in den Schulen Schwimmunterricht erteilt wird. Kinder müssen die Chance haben, zu schwimmen.“

Neue Prüfungsordnung nach über 40 Jahren

Seit 1977 galt die bekannte Prüfungsordnung. In einem über fünf Jahre dauernden Prozess hat der Bundesverband zur Förderung der Schwimmausbildung (BFS) zusammen mit der Kultusministerkonferenz der Länder (KMK) nun einige Änderungen beschlossen. Sie traten am 1. Januar 2020 in Kraft. Für das laufende Jahr gilt eine Übergangsfrist, in der auch die alten Pässe und Urkunden noch verwendet werden dürfen. „Nach über 40 Jahren war es an der Zeit, das System kritisch zu hinterfragen und an aktuelle Entwicklungen anzupassen”, schreibt BFS-Vorsitzende Helmut Stöhr im Vorwort der neuen Prüfungsordnung. Ziel des 2013 initiierten Prozesses sei es gewesen, „die Definition des ‘Sicher Schwimmen Könnens’ zu präzisieren und in den Prüfungsbedingungen abzubilden.” Als Standard für sicheres Schwimmen gilt ab sofort das Bronze-Abzeichen mit den gestiegenen Anforderungen. Auch namentlich gibt es eine Anpassung. Das bisherige „Deutsche Jugend-Schwimmpass” heißt nun “Deutscher Schwimmpass”. Er gilt für Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.

Die wichtigsten Änderungen im Überblick

Seepferdchen
  • Ab sofort müssen der Sprung vom Beckenrand und die 25 Meter Schwimmen in einer Abfolge erfolgen.
  • Das Schwimmen in Bauch- oder Rückenlage muss nun in der „Grobform“ beherrscht werden.
  • Entscheidet sich der Prüfling für das Schwimmen in Bauchlage, muss ab sofort erkennbar ins Wasser ausgeatmet werden.
Bronze
  • Der Sprung vom Beckenrand muss kopfwärts erfolgen – bisher reichte ein einfacher Sprung vom Beckenrand.
  • Es folgt ein Dauerschwimmen über 15 Minuten, bei dem mindestens 200 Meter zurückgelegt werden müssen. Bisher konnte man nach 200 Meter Schwimmen aus dem Wasser steigen, wenn man dies in weniger als 15 Minuten geschafft hatte.
  • Neu ist: Der Schwimmstil ist nicht mehr beliebig. 150 Meter müssen in Bauch- oder Rückenlage und die weiteren 50 Meter in der anderen Körperlage geschwommen werden. Der Wechsel erfolgt während des Schwimmens ohne Festhalten.
  • Eine Schwimmart muss erkennbar sein.
  • Beim Sprung vom Startblock oder Ein-Meter-Brett wird ein Paketsprung verlangt (bisherige Formulierung: “Sprung aus einem Meter Höhe”).
Silber
  • Auch hier gibt es jetzt ein Dauerschwimmen. Die Prüflinge müssen 20 Minuten am Stück schwimmen und dabei mindestens 400 Meter zurücklegen. Bisher war eine Strecke von 400 Metern in höchstens 25 Minuten gefordert.
  • Ob 300 Meter in Bauch- und 100 Meter in Rückenlage absolviert werden oder andersrum, ist ab sofort freigestellt. Der Wechsel zwischen Bauch- und Rückenlage erfolgt während des Schwimmens ohne Festhalten.
  • Eine Schwimmart muss erkennbar sein.
  • Das Zehn-Meter-Streckentauchen erfolgt mit einem Abstoß.
Gold
  • Die neue Prüfungsordnung sieht ein Dauerschwimmen über 30 Minuten vor, bei dem mindestens 800 Meter zurückgelegt werden müssen (650 Meter in Bauch- oder Rückenlage und 150 Meter in der anderen Körperlage). Bisher waren 600 Meter in höchstens 24 Minuten verlangt.
  • 50 Meter Brustschwimmen in höchstens 1:15 Minuten (bisher: 1:10 Minuten).
  • Zehn-Meter-Streckentauchen ohne Abstoß (bisher: 15 Meter mit Abstoß).
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