Fahrradhändler baut „kontaktlosen Mitarbeiter“ – nicht nur wegen Corona

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Bei Fahrrad Lansing können Kunden ihr Fahrrad nun komplett kontaktlos abgeben. Die Idee ist nicht erst mit dem Coronavirus entstanden. Es geht auch um Online-Konkurrenz und Fachkräftemangel.

Vreden

, 02.04.2020, 19:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Wer bei Fahrrad Lansing seinen Drahtesel reparieren lassen möchte oder Ersatzteile braucht, muss ab sofort keinen persönlichen Kontakt mehr zu einem Mitarbeiter haben. „Wir haben uns einen ‚kontaktlosen Mitarbeiter‘ gebaut, die SerBOX“, sagt Inhaber Hermann Lansing.

Das Konzept ist eigentlich ganz einfach: Die Kunden können ihr Fahrrad in einem Raum abstellen, es mit einer speziellen Vorrichtung an der Wand anketten und einen Zettel mit den Reparatur-Wünschen ausfüllen. Der Zettel kommt dann zusammen mit dem Fahrradschlüssel in einen Briefkasten. Der Kunde bekommt eine Nachricht, wenn alles fertig ist, kann die Rechnung online begleichen und das Rad aus dem Raum wieder abholen.

Idee ist schon älter als das Coronavirus

Die Idee zu diesem Projekt ist schon viel älter als das Coronavirus. „Wir arbeiten bereits seit zwei Jahren daran“, sagt Hermann Lansing. Mit dem System will er zum einen den Kunden rund um die Uhr seinen Service anbieten. „Viele sind ja während unserer Öffnungszeiten selbst arbeiten und können deswegen nicht vorbeikommen.“

Der Kunde kettet das Fahrrad an der Wand an und wirft dann den Auftragszettel und den Fahrradschlüssel in den Briefkasten.

Der Kunde kettet das Fahrrad an der Wand an und wirft dann den Auftragszettel und den Fahrradschlüssel in den Briefkasten. © Victoria Garwer

Er hofft, dass er damit auch dem Online-Handel Konkurrenz machen kann. Denn auch Teile wie Klingeln, ein Fahrradhelm oder Werkzeug können die Kunden bald bei ihm bestellen und dann jederzeit in der Service-Box abholen.

Zum anderen könnte das System eine Lösung beim Thema Fachkräftemangel sein. Denn im Moment sind die Mitarbeiter gerade nachmittags zu Feierabend-Zeiten damit beschäftigt, Fahrräder anzunehmen oder wieder abzugeben. „Das dauert dann manchmal schon lange und gleichzeitig will noch jemand eine Beratung zu einem Neukauf. Da kann das neue System eine Entlastung sein“, so Hermann Lansing.

Coronavirus hat die Entwicklung beschleunigt

Das Projekt wird vom Forschungszentrum Jülich gefördert. Hermann Lansing hat für die SerBOX bereits einen Gebrauchsmusterschutz bewilligt bekommen und möchte bald den Patentantrag stellen. Das System will er auch anderen Einzelhändlern zur Verfügung stellen: „Es funktioniert ja genauso zum Beispiel mit Baumaschinen oder Uhren.“

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Eigentlich sollte die Box bei Fahrrad Lansing erst im Oktober in Betrieb genommen werden. Doch dann kam das Coronavirus. „Gerade jetzt ist eine kontaktlose Übergabe von Fahrrädern und Teilen ja die ideale Lösung“, findet Hermann Lansing. Deswegen hat das Team in den letzten zwei Wochen den alten Abstellraum im Eiltempo umgebaut.

Die Einzelteile für die Schlösser stammen aus der Eigenproduktion. Nur drei Teile sind laut Hermann Lansing dazugekauft, den Rest hat er am Computer selber entworfen und dann mit dem 3D-Drucker gedruckt.

Der Kunde kettet das Fahrrad an der Wand an und wirft dann den Auftragszettel und den Fahrradschlüssel in den Briefkasten.

Der Kunde kettet das Fahrrad an der Wand an und wirft dann den Auftragszettel und den Fahrradschlüssel in den Briefkasten. © Victoria Garwer

Acht Stellplätze sind in dem videoüberwachten Raum schon fertig. Doch noch ist alles ein bisschen provisorisch. Im Moment müssen die Kunden noch per Whatsapp oder Telefon Bescheid sagen, dass sie vor der Tür stehen und ein Fahrrad abgeben oder abholen möchten. Hermann Lansing kann dann vom Laden aus die Tür öffnen.

Fahrrad Lansing will Service vollautomatisch anbieten

In Zukunft soll aber alles vollautomatisch laufen. Die Kunden laden dann eine App herunter, mit der sie selber die Tür entriegeln können. „Das funktioniert aber nur, wenn gleichzeitig der Fußschalter vor Ort gedrückt wird, damit das System weiß, dass auch wirklich jemand davor steht“, erklärt Hermann Lansing.

Diese App soll Ende der nächsten Woche fertig sein. Dann ist der Service 24 Stunden am Tag und sieben Tage die Woche verfügbar.

Bald sollen sich die Türen zur Service-Box auch per App öffnen lassen.

Bald sollen sich die Türen zur Service-Box auch per App öffnen lassen. © Victoria Garwer

Und Hermann Lansing hat noch weitere Zukunftspläne. In dem Raum will er einen kleinen Arbeitsplatz einrichten mit professionellem Werkzeug. Auf einem Monitor würde dann die passende Anleitung zum jeweiligen Problem laufen. „Viele wollen kleine Reparaturen selber erledigen, wissen aber nicht so richtig wie“, meint Hermann Lansing.

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Jetzt startet er das Projekt aber erst einmal mit der Grundausstattung. Denn der Einzelhändler ist auf die Einnahmen aus der Reparatur angewiesen. Den Verkaufsraum musste er wegen der Corona-Auflagen schließen.

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