Nicht-Friseur aus Syrien eröffnet zweiten Friseursalon in Vreden

mlzNeuanfang in Vreden

Enes Nawaf ist vor neun Jahren mit seiner Familie aus Syrien geflüchtet. Ein Zufall hat ihn jetzt zu seinem zweiten Friseursalon in Vreden geführt – obwohl er gar kein Friseur ist.

von Christin Lesker

Vreden

, 23.01.2020, 12:00 Uhr / Lesedauer: 2 min

Im Fenster hängen bunte Luftballons, die Schermaschine brummt, die Kunden unterhalten sich angeregt. Zum 1. Januar hat Enes Nawaf mit „Eleganz-Haar Aras“ an der Wessendorfer Straße seinen zweiten Friseursalon in Vreden eröffnet. Und das ist nicht selbstverständlich, denn der 40-Jährige ist erst vor neun Jahren mit seiner Frau und drei Kindern mit einem Lkw-Schlepper aus Syrien nach Deutschland geflüchtet.

Gescheiterte Flucht

Schon 2008 habe Enes Nawaf gespürt, dass es Zeit ist, Syrien zu verlassen. „Ich habe einmal versucht zu flüchten, aber keine Chance“, erinnert er sich. Damals sei er in die Türkei gegangen, um mit einem Schlepper nach Deutschland zu kommen. Aber die Schlepper hielten ihn mit falschen Versprechen hin. „Immer hieß es heute, morgen, heute, morgen geht es los. Aber es ging nichts.“ Deshalb ist er zurück in sein Heimatland Syrien gegangen. Zwei Jahre später beim zweiten Fluchtversuch im Januar 2011 gelang ihm und seiner Familie dann doch die Flucht.

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„In Syrien ist es sehr schlecht. Jede Stadt hat Krieg, Millionen Leute flüchten“, beschreibt er die Situation. 80 Prozent der Städte seien kaputt. Und der Bürgerkrieg dauere schon viel zu lange. „Neun Jahre ist sehr, sehr lang. Das ist mehr als der Zweite Weltkrieg“, macht Enes Nawaf klar.

Deutschland als große Chance

„Zuhause sitzen geht nicht. Ich denke das ist normal für jeden Menschen“, erklärt Enes Nawaf seinen Ehrgeiz zu arbeiten. Er sieht hier Chancen, die er in seinem Heimatland nicht hatte. „Syrien ist gut, weil man bei seiner Familie ist, aber Mensch kann dort nicht so wie hier in Deutschland arbeiten“, macht er in noch etwas gebrochenem Deutsch klar. Deshalb hat er seit seiner Ankunft zum Beispiel auf dem Schrottplatz und bei einer Bocholter Firma Geld verdient.

Nicht-Friseur aus Syrien eröffnet zweiten Friseursalon in Vreden

Enes Nawaf ist froh in Deutschland zu sein. Anders als in Syrien, kann er hier endlich arbeiten. © Markus Gehring

Nachdem er mit seiner Familie in Dortmund Asyl beantragt hat, kam er 2011 nach Bocholt. Dort leben die Nawafs seitdem und wollen auch nicht wieder weg. „Bocholt ist sehr schön, auch meine Kinder wollen Bocholt nicht mehr verlassen“, sagt er und grinst. Die Möglichkeit, einen Friseursalon in Vreden zu übernehmen kam ganz unverhofft. Ein Bekannter von Enes Nawaf hat den Starfriseur in Vreden und einen weiteren Salon in Alstätte geführt.

Weil dieser Bekannte sich mehr auf den Salon in Alstätte konzentrieren wollte, hat Enes Nawaf angeboten, den Laden in Vreden zu übernehmen. „Ich bin kein Friseur, ich bin nur Chef“, erklärt er. Seitdem kommt er fast jeden Tag aus Bocholt nach Vreden. Den zweiten Salon „Eleganz-Haar Aras“ hat er nicht übernommen.

„Den haben wir von Null aufgebaut.“ Und das eigentlich nur als Notlösung. „Ich habe den Laden gemietet und wollte eine Shisha-Bar eröffnen“, erklärt Enes Nawaf. Die Stadt aber wollte keine Shisha-Bar. Da war der Mietvertrag schon unterschrieben, deshalb baute er einen weiteren Friseur-Salon.

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Etwas Eigenes aufbauen

„Laminat, Strom, Streichen. Das habe ich alles mit meinem Cousin und einem Freund selber gemacht.“ In drei Monaten haben die drei den Laden umgebaut. Sein Cousin kam 2015 nach Deutschland und arbeitet als ausgebildeter Friseur beim „Starfriseur.

An dem Tag, an dem die Redaktion Enes Nawaf besucht, schneidet Friseur Issa Mohamed einem Kunden nach dem anderen die Haare. Trotzdem meint Enes Nawaf: Bis jetzt kommen nur „mittel viele“ Kunden in den neuen Salon. „Im Frühling wird es sicher mehr“, hofft der 40-Jährige. Aber schon jetzt ist nicht zu übersehen, wie es ihn freut, etwas Eigenes aufgebaut zu haben. „Ich möchte einfach nur arbeiten. Ich wünsche mir, dass meine Töchter weiter so gut klarkommen und dass meine Familie gesund bleibt.“ Und die Familie steht voll hinter Enes Nawaf. „Meine vier Töchter sind stolz auf mich“, erklärt er mit einem breiten Lächeln.

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