Großer Druck und dürftige Beweislage

Brandstifterprozess

Der Druck auf alle Beteiligten ist groß: Das Verfahren am Landgericht Münster gegen den mutmaßlichen Brandstifter, der in Ellewick, Lünten und Ottenstein eine Serie von Bränden gelegt haben soll, geht in die Verlängerung. Der Angeklagte hat sein Geständnis widerrufen, ein Psychiater soll seine Gesundheit begutachten. Und die Beweislage ist nicht gut.

VREDEN

, 06.04.2016, 18:37 Uhr / Lesedauer: 3 min
Ende September war  ein Feuer in der Landwirtschaftlichen Werkstatt an der Lindenallee in Ellewick ausgebrochen. Die Beweise reichten nicht, um diesen Brand aus der Serie mit in die Anklage gegen Bernd S. aufzunehmen. Näheres dazu teilt die Staatsanwaltschaft mit Blick auf den laufenden Prozess nicht mit.

Ende September war ein Feuer in der Landwirtschaftlichen Werkstatt an der Lindenallee in Ellewick ausgebrochen. Die Beweise reichten nicht, um diesen Brand aus der Serie mit in die Anklage gegen Bernd S. aufzunehmen. Näheres dazu teilt die Staatsanwaltschaft mit Blick auf den laufenden Prozess nicht mit.

Die vier angesetzten Verhandlungstermine reichen dem Gericht nicht für die Beweisaufnahme. Eigentlich hätte am Freitag, 8. April, das Urteil verkündet werden sollen. Doch das ist nun auf den 18. April vertagt worden. Ob die Staatsanwaltschaft die Klage wegen der besonders schweren Brandstiftungsfälle in den Gaststätten Denno und Sahlmer aufrecht erhalten wird, steht in den Sternen.

"Die Kammer hat angeregt, dass die Staatsanwaltschaft diese Vorwürfe fallen lässt", bestätigte am Mittwoch auf Anfrage Gerichtssprecher Dr. Daniel Stenner, "vor dem Hintergrund, dass die Beweislage sehr, sehr dürftig ist."

Fünf Brandstiftungen zugegeben

Als Bernd S. am 19. Oktober verhaftet wurde, waren sich alle sicher, dass er der Schuldige ist. Fünf Brandstiftungen hatte der 32-Jährige im Polizeiverhör zugegeben. Vor der Großen Strafkammer am Landgericht in Münster muss sich der Mann für weitere drei Einbrüche im Zusammenhang mit Brandstiftung oder versuchter Brandstiftung verantworten (wir berichteten). Die Brandserie riss nach der Festnahme ab - ein Indiz dafür, dass der Angeklagte der gesuchte Täter ist. Soweit so gut für die Betroffenen, die monatelang vor dem "Feuerteufel" zitterten.

Am zweiten Verhandlungstag am 30. März war bekannt geworden, dass die Polizei zunächst einen Unschuldigen in Verdacht hatte, den Brand in der Fahrzeughalle in Ottenstein gelegt zu haben. Der Gronauer, der vor Gericht als Zeuge auftrat, beklagte sich nicht nur über den falschen Verdacht: "Die Polizei hat mich richtig schlecht behandelt", sagte er.

Technischer Defekt?

Die Staatsanwaltschaft tut sich offensichtlich schwer mit dem Fall. Am Montag musste der Brandsachverständige einräumen, dass der Brand in der Gaststätte Denno auch durch einen technischen Defekt ausgelöst worden sein könnte (wir berichteten). Der Gerichtssprecher dazu: "Das Geständnis des Mannes bezog sich nicht auf diese Gaststätte. Den Rest des Geständnisses hat er sowieso widerrufen." Was bleibe, sei "nichts weiter als ein örtlicher und zeitlicher Zusammenhang", so Stenner. "Das reicht nicht aus für eine Verurteilung."

Vor Gericht schweigt sich der Angeklagte bislang aus. Am Freitag will er sich äußern, wie er ankündigte. "Da wird er aber nicht viel sagen", erklärte am Mittwoch sein Anwalt, Christof Petzelt. Sein Fazit: "Die dicksten Brocken sind weg." S. habe das Geständnis widerrufen mit der Begründung, er habe nur gestanden, "weil ich freigelassen werden wollte." Einen Freispruch erwarte er sicher nicht, sagte Petzelt, aber die zur Last gelegten Einbrüche und Zündeleien haben juristisch weniger Gewicht als die Brände, bei denen Menschenleben in Gefahr waren.

Psychiatrisches Gutachten

Nun soll noch ein psychiatrisches Gutachten Auskunft über die Schuldfähigkeit des Mannes geben. Dem sieht Petzelt mit Sorge entgegen, denn die Unterbringung in einer forensischen Einrichtung sei "so ziemlich das Schlimmste, was einem Deutschen passieren kann." Er habe seinem Mandanten daher empfohlen, so wenig wie möglich zu sagen.

Im Interview mit der Münsterland Zeitung hatte Kripo-Chef Thomas Vortkamp am Rand der Pressekonferenz zur Verhaftung des Angeklagten bestätigt, dass die Ermittler den Druck aus der Bevölkerung gespürt hätten. "Unbedingt", erklärte Vortkamp. Es habe viel Zuspruch und Unterstützungsangebote gegeben. "Das hilft, kann aber auch belasten."

Keine Stellungnahme

Zum Verlauf der Ermittlungen und etwaigen Pannen dabei wollten sich weder der Gerichtssprecher noch der Pressesprecher der Kreispolizei am Mittwoch äußern. "Da nehmen wir keine Stellung", sagte Frank Rentmeister mit Hinweis auf den laufenden Prozess.

Auch bei der Staatsanwaltschaft hieß es am Mittwoch: "Laufende Prozesse kommentieren wir grundsätzlich nicht", so Oberstaatsanwalt Stefan Lechtape. Er erklärte indes, dass "mehrere Fälle" schon vor Anklageerhebung eingestellt worden seien, "weil die Beweislage nicht so wasserdicht war."

Fakten

Schon bei der Erhebung der Anklage fiel auf, dass nicht alle Brände der Serie zur Verhandlung gekommen sind: Der Brand der „Partyhütte“ am 18. August in Lünten, das Feuer in der Landmaschinen-Werkstatt in Ellewick vom 27. September und der letzte Brand der Serie auf einem Bauernhof in Ellewick am 17. Oktober.

Zwei Tage nach dem letzten Brand in Ellewick wurde der mutmaßliche Täter festgenommen, nachdem er per DNA-Abgleich identifiziert werden konnte. Der Angeklagte hatte beim Garagenbrand in Lünten am 30. September Wäschestücke hinterlassen, in denen die Kripo Körperzellen sicherstellen konnte. Zu diesem Anklagepunkt will sich der 32-jährige Bernd S. am Freitag, 8. April, vor dem Landgericht äußern.

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