Sabine Wassing, Ruth Lansing, Simone Willing und Doris Wintershoff haben vor zehn Jahren die Gruppe Lichtschimmer gegründet. © Privat
Trauernde Eltern

Gruppe Lichtschimmer: „Unsere verstorbenen Kinder sind immer noch da“

Vier Vredener Frauen haben vor zehn Jahren die Gruppe Lichtschimmer für trauernde Eltern gegründet. Sie alle teilen dasselbe Schicksal und wollen, dass ihre toten Kinder nie vergessen werden.

Moritz, Lunas, Torben und Hanna sind tot. Aber sie sind noch immer Teil ihrer Familie. Ihre Eltern leben weiter und halten die Erinnerung an die verstorbenen Kinder lebendig. „Für uns sind sie immer noch da, wie die anderen Kinder auch“, sagt Simone Willing.

Sie ist neben Doris Wintershoff, Ruth Lansing und Sabine Wassing eines der Gründungsmitglieder der Gruppe Lichtschimmer. Vor zehn Jahren haben die vier Frauen zum ersten Mal einen Gedenkabend in der Vredener Stiftskirche organisiert. Seitdem ist das Angebot für Eltern verstorbener Kinder stetig gewachsen.

Damals gab es keine Angebote für trauernde Eltern in Vreden

„Wir teilen alle dasselbe Schicksal“, sagt Doris Wintershoff. Hanna kam im Oktober 2006 als ihr drittes Kind zur Welt. Sie hatte Trisomie 18, eine schwere Chromosomenkrankheit. Sie starb im Alter von acht Monaten.

Doris Wintershoff und ihr Mann suchten in dieser Zeit nach Unterstützung für trauernde Eltern. „Aber hier in der Region gab es einfach nichts“, sagt sie. Das Paar fuhr deswegen regelmäßig nach Coesfeld, um sich mit anderen Betroffenen auszutauschen.

Sabine Wassing und ihr Mann machten sich nach ihrem Verlust sogar regelmäßig auf den Weg nach Rheine. Ihr Sohn Moritz starb im Oktober 1996 am plötzlichen Kindstod. Auch wenn das schon 24 Jahre her ist: „Es ist nach wie vor präsent.“ Damals fuhr die Vredenerin regelmäßig eine Stunde, um in einer Gruppe trauernder Eltern Halt zu finden.

Erster Gedenkabend stößt auf riesige Resonanz

Die beiden Frauen treffen sich irgendwann in Vreden auf dem Friedhof, wo ihre Kinder bestattet wurden. Sie kommen ins Gespräch, entdecken ihre Gemeinsamkeiten. Auf ähnliche Weise entsteht der Kontakt zu Ruth Lansing und Simone Willing, die ebenfalls aus Vreden kommen. Sie sind sich einig: „Es kann doch nicht sein, dass Eltern für Hilfe bei ihrer Trauerverarbeitung so weit fahren müssen.“

Seit 2014 ist die Gedenkwand auf dem Friedhof ein Anlaufpunkt für trauernde Eltern.
Seit 2014 ist die Gedenkwand auf dem Friedhof ein Anlaufpunkt für trauernde Eltern. © Richard Nienhaus © Richard Nienhaus

Die vier nehmen Kontakt auf zum damaligen Pfarrer Guido Wachtel, der sofort offen ist für die Idee. Am 12. Dezember 2010, dem Weltgedenktag für alle verstorbenen Kinder, gibt es in Vreden zum ersten Mal ein sogenanntes Kerzenleuchten. Hunderte kleine Flammen erleuchten die Stiftskirche. „Der Andrang war riesig. Die ganze Stiftskirche war voll und das ist bis heute jedes Jahr so“, berichtet Doris Wintershoff.

Gesprächsabende mit Trauerbegleiterin und Seelsorger

Die Resonanz gibt den Frauen Mut. Sie wollen noch mehr Angebote für trauernde Eltern schaffen – zum Beispiel einen Gesprächsabend. „Wir waren uns aber nicht sicher, ob wir das leisten können. Wir sind ja schließlich auch nur Laien. Unsere eigene Betroffenheit qualifiziert uns ja noch nicht dazu, für eine ganze Gruppe da zu sein“, sagt Sabine Wassing.

In Kläre Winhuysen, ausgebildete Trauerbegleiterin, und Pfarrer Guido Wachtel finden sie unterstützende Partner und so gibt es 2012 zum ersten Mal einen Gesprächsabend für Eltern, die ein Kind verloren haben. „Wir weinen viel miteinander. Aber es wird auch immer wieder gemeinsam gelacht“, sagt Sabine Wassing. Simone Willing ergänzt: „Wir haben immer ein bestimmtes Thema, um den Einstieg ins Gespräch zu erleichtern. Dazu bereiten wir auch Materialien vor und sorgen dafür, dass am Ende jeder etwas mit nach Hause nimmt.“

Beim Gesprächsabend gibt es immer ein Thema und Anschauungsmaterial.
Beim Gesprächsabend gibt es immer ein Thema und Anschauungsmaterial. © Privat © Privat

Ihr Sohn Lunas ist 2008 während der Geburt gestorben. Bei der Entbindung gab es Probleme, ein Notkaiserschnitt kam zu spät für den kleinen Jungen. „Im Alltag geht das Thema oft unter. Es wird immer nur nach den lebenden Kindern gefragt. Aber für uns sind sie immer noch da. Da tut es gut, in so einer Runde über die Kinder zu sprechen und ihre Namen zu nennen“, berichtet Simone Willing.

Zwei neue Gedenkorte für trauernde Eltern in Vreden

Deswegen hat die Gruppe unter anderem auch einmal einen Kalligraphie-Abend organisiert, an dem die Eltern den Namen ihrer Kinder in Schönschrift aufgeschrieben haben. Auch Kreativabende mit Tonarbeiten, einer Floristin oder einer Maltherapeutin gab es schon.

Die Gruppe Lichtschimmer hat zudem dafür gesorgt, dass trauernde Eltern in Vreden zwei neue Orte der Erinnerung haben. Auf dem Felicitasaltar in der Stiftskirche liegt eine ganz besondere Altardecke. „Wir haben dort 140 Namen von verstorbenen Kindern eingestickt“, erzählt Doris Wintershoff. Die heilige Felicitas ist die Patronin für Eltern, die ein Kind verloren haben.

Auf der Altardecke auf dem Felicitasaltar in der Stiftskirche sind 140 Namen von verstorbenen Kindern eingestickt.
Auf der Altardecke auf dem Felicitasaltar in der Stiftskirche sind 140 Namen von verstorbenen Kindern eingestickt. © Richard Nienhaus © Richard Nienhaus

Auch der Name Torben steht darauf. Der Sohn von Ruth Lansing ist 2004 an den Folgen eines häuslichen Unfalls gestorben.

Der zweite Gedenkort, der unter Mitwirkung der Gruppe entstanden ist, ist eine Gedenkwand auf dem Friedhof. Auf die Sandsteinblöcke stellen zahlreiche Angehörige Kerzen und kleine Engel. Dort treffen die vier Initiatoren auch immer wieder ältere Menschen. „Früher gab es kaum Möglichkeiten, über so einen Verlust zu sprechen. Sie tragen das manchmal seit Jahrzehnten mit sich herum“, weiß Doris Wintershoff.

Trauer begleitet die Eltern ein Leben lang

Dabei sind nicht alle Kinder auch im Kindesalter verstorben. „Es ist ganz egal, wie alt das Kind war und wann es gestorben ist, wir gehen alle denselben Weg. Ob das Kind noch in der Schwangerschaft, mit 3 oder 30 stirbt: Es ist dieselbe Trauer. Es bleibt immer dein Kind“, sagt Simone Willing.

Die Trauer begleite die Eltern ein Leben lang. „Viele fragen sich: Ist das normal? Ja, das ist normal. Trauer ist der richtige Weg, nicht Verdrängung“, macht Ruth Lansing ganz deutlich. Die Gruppe Lichtschimmer sorgt deswegen dafür, dass Moritz, Lunas, Torben, Hanna und all die anderen Kinder nie vergessen werden.

Die Gruppe Lichtschimmer

  • Die Gruppe bietet vierteljährlich Gesprächsabende an, begleitet von einer Trauerbegleiterin und einem Seelsorger der Kirchengemeinde. Es ist eine offene Gruppe, jeder kann kommen. Der nächste Treffen findet voraussichtlich im März statt.
  • Es ist egal, wie alt das Kind war oder wie lange das Kind bereits verstorben ist. Die Gruppe ist zudem an keine Religion oder Konfession gebunden.
  • Der „Worldwide Candle Lighting“ Gedenkabend findet immer am zweiten Sonntag im Dezember in der Stiftskirche statt.
  • Wer den Namen eines verstorbenen Kindes auf die Altardecke sticken lassen möchte, kann sich an die Gruppe Lichtschimmer wenden.
  • Doris Wintershoff: Tel. (02564) 34349, Ruth Lansing: Tel. (02564) 2118, Simone Willing: Tel. (02564) 391239, Sabine Wassing: Tel. (02564) 4189. Mail: Lichtschimmer-Vreden@web.de
Über die Autorin
Redakteurin
Als gebürtige Vredenerin habe ich mich aus Liebe zur Region ganz bewusst für den Job als Lokaljournalistin in meiner Heimat entschieden. Mein Herz schlägt für die Geschichten der Menschen vor Ort. Ich möchte informieren, unterhalten und überraschen.
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Victoria Garwer

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