Historische Klassenfahrt: Vredener Schüler haben besondere Erinnerungen an den Mauerfall

mlz30 Jahre Mauerfall

Drei Monate nach dem Mauerfall haben Zehntklässler aus Vreden eine Klassenfahrt nach Berlin gemacht. Sie erzählen von Reportern, Menschenmassen und einem leeren Ostberlin.

Vreden

, 13.11.2019, 12:01 Uhr / Lesedauer: 3 min

Mit Räuberleiter auf die Berliner Mauer klettern, darauf herumlaufen und hüpfen, Steine herausklopfen und durch das Brandenburger Tor spazieren: Historische Momente haben die Zehntklässler auf ihrer Klassenfahrt erlebt – im Februar 1990, drei Monate nach dem Mauerfall.

Die Walbertschüler haben damals die unmittelbaren Folgen des historischen Moments erlebt. Wie besonders das ist, wird ihnen allerdings erst jetzt so wirklich bewusst – 30 Jahre nach dem Mauerfall.

Mit Räuberleiter auf die Berliner Mauer

Zwischen Weingläsern, Bierflaschen und Brezeln liegen Fotoalben mit Schwarz-Weiß-Aufnahmen auf dem Tisch. Bettina Boyer, Nicola Hollad, Mechthild Ostendarp, Karin Claßen, Markus Willing, Christoph Willing, Martina Breuers, Heinrich Terbrack und Klassenlehrer Hubert Wessels schwelgen in Erinnerungen.

Historische Klassenfahrt: Vredener Schüler haben besondere Erinnerungen an den Mauerfall

Die ehemaligen Klassenkameraden schwelgen mit Klassenlehrer Hubert Wessels (l.) in Erinnerung. © Victoria Thünte

Heinrich Terbrack reicht ein Foto herum: 13 Jugendliche sitzen auf der Berliner Mauer, zwei stehen davor. Bettina Boyer deutet auf eine Person: „Das bin ich. Ich kam nicht hoch“, erinnert sie sich lachend. „Die war ja auch bestimmt 3,50 Meter hoch“, erwidert Christoph Willing.

Erfahrungen als Mauerspechte gesammelt

Die Mauer ist zerlöchert, von den bunten Graffiti und Aufschriften ist kaum noch etwas zu sehen. Die Mauerspechte haben schon ihre Spuren hinterlassen. Auch Hubert Wessels hat den Meißel an die Mauer gesetzt. „Das Werkzeug lag da aus. Und so eine Gelegenheit kann man sich doch nicht entgehen lassen“, meint der damalige Klassenlehrer.

Historische Klassenfahrt: Vredener Schüler haben besondere Erinnerungen an den Mauerfall

Hubert Wessels hat sich als Mauerspecht versucht. © Privat

Die Schüler klopften damals ebenfalls an den Steinen herum. Christoph Terbrack dreht heute ein kleines Stück Stein zwischen den Fingern herum. „Das ist von der Mauer, das habe ich selber rausgeschlagen. Da hat man erst einmal gemerkt, wie steinhart sie war.“

Steinhart und lange unüberwindbar. Was die Schüler auf ihrer Klassenfahrt erlebt haben, wäre drei Monate vorher noch vollkommen undenkbar gewesen. „Uns war schon bewusst, dass wir da gerade was machen, was irgendwie besonders ist“, sagt Karin Claßen. „Aber die historische Bedeutung stand in dem Moment nicht im Mittelpunkt.“

Historische Bedeutung stand nicht im Fokus

Vielmehr freuten sich die Schüler über eine Klassenfahrt in die Großstadt. Das erste Mal Straßenbahn fahren, shoppen in den großen Kaufhäusern, tanzen in der Disco. „Damals habe ich meinen ersten Döner gegessen“, erinnert sich Heinrich Terbrack.

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Die Klassenfahrt war schon lange vor dem Mauerfall im November 1989 geplant. „An den Plänen haben wir dann auch nichts geändert, als die Mauer fiel“, erzählt Lehrer Hubert Wessels. Darüber wurde nicht einmal nachgedacht. Auch im Unterricht wurden die Schüler nicht auf die Situation vorbereitet – heute wohl undenkbar.

Damals aber war den 16- bis 18-Jährigen die Bedeutung des Ganzen nicht richtig bewusst. „Ostdeutschland war ein anderes Land, das kannten wir gar nicht anders“, erzählt Nicola Hollad. Gebaut wurde die Mauer 1961. „Was auf der anderen Seite der Mauer war, war bis dahin einfach nicht so wichtig“, beschreibt Heinrich Terbrack die Sicht der Jugendlichen damals.

Deutliche Unterschiede zwischen Osten und Westen

Die Ausnahmesituation in Berlin ist aber doch allen in Erinnerung geblieben. Die Menschenmassen vor der Mauer in Westberlin. Die Reporter aus aller Welt mit ihren Kameras. Der Gestank des Zweitakt-Gemischs der Trabis in der Luft. Die leeren Straßen und Geschäfte in Ostberlin.

„Da stand ein Polizist auf der Kreuzung und regelte den Verkehr, obwohl gar kein Verkehr da war“, erzählt Hubert Wessels. „Während im Westen alles laut und bunt und verrückt war, war im Osten alles trist und grau und traurig. Da konnte man sich schon vorstellen, warum die Leute dort weg wollten“, meint Karin Claßen.

Kuriose Erlebnisse in Ostdeutschland

Die Fahrt durch die Mauer wurde für alle zu einem besonderen Erlebnis. Denn während von Osten nach Westen plötzlich Reisefreiheit galt, wurde in die andere Richtung noch streng kontrolliert. „Die kamen in den Bus rein und plötzlich waren wir mucksmäuschenstill. Uns wurde eingetrichert, dass wir da keine Späße machen sollten“, erinnert sich Bettina Boyer. Markus Willing ergänzt: „Wir mussten unsere Ausweise neben unsere Gesichter halten zur Gesichtskontrolle.“

Das Ziel der Schulklasse: Neuruppin ist Ostdeutschland. Dort ist der Dichter Theodor Fontane geboren. „Da war gar nix los, absolut tote Hose“, erinnert sich Christoph Willing. Doch hier haben die Schüler auch einige Ost-Erlebnisse gesammelt.

Historische Klassenfahrt: Vredener Schüler haben besondere Erinnerungen an den Mauerfall

Hubert Wessels hat ein großes Stück von der Mauer aus Berlin mitgenommen. © Victoria Thünte

Zum Beispiel mussten sie erleben, dass die einzige Tankstelle, die Diesel verkaufte, um 15 Uhr schloss. Das Westgeld durfte der Tankwart eigentlich nicht annehmen – tat es aber trotdem heimlich und ließ es in der Hosentasche verschwinden. Vor einem Supermarkt hatten Mütter ihre Kinderwagen samt Kinder abgestellt, während sie einkaufen gingen. „Da hat sich niemand Sorgen gemacht, das fanden wir schon damals seltsam“, erzählt Karin Claßen.

Und auch wenn man nur einen Schokoriegel kaufen wollte: Er musste in einen Korb gelegt und zur Kasse gebracht werden, sonst gab es Ärger.

Ein historischer Gang durch das Brandenburger Tor

Heute ist ein Foto unter dem Brandenburger Tor das klassische Andenken an Berlin. Vor dem Mauerfall stand das Wahrzeichen Berlins im Osten und war von keiner der beiden Seiten der Mauer zu erreichen. Es konnte nur aus der Ferne bewundert werden.

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Dass die Walbertschüler bei ihrer Klassenfahrt also durch das Brandenburger Tor laufen konnten, war das Größte überhaupt. „Ein erhabenes Gefühl. Etwas, mit dem man nie gerechnet hatte, war Wirklichkeit. Wir sind immer wieder hindurch gelaufen, überwältigt von der Größe“, beschreibt Hubert Wessels diesen Moment.

Wenn die Vredener heute an diese Klassenfahrt zurückdenken, wird ihnen bewusst, was sie da eigentlich erlebt haben. „Je älter wir werden, desto besonderer wird es“, sagt Bettina Boyer. Wenn die Kinder danach fragen, wenn Dokumentationen im Fernsehen laufen oder wenn der Jahrestag des Mauerfalls gefeiert wird, dann denken sie an diese Klassenfahrt.

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