Die ersten beruflichen Erfahrungen sammelte Nina Wöhrmann in Guinea-Bissau, einem kleinen Land südlich des Senegal. Die Lüntenerin führt hier ein Interview mit einheimischen Frauen über das Thema Genitalverstümmelung. © privat
Humanitäre Hilfe

Humanitäre Hilfe ist für Lüntenerin Nina Wöhrmann eine Lebensaufgabe

Nina Wöhrmann ist Expertin für humanitäre Hilfe. Seit 20 Jahren ist die Lüntenerin weltweit in Krisengebieten unterwegs. Heute berät und trainiert sie Mitarbeiter von Hilfsorganisationen.

Ihre Basisstation ist Lünten. Von dort aus ist Nina Wöhrmann um die halbe Welt gereist. Nicht, um am Strand zu liegen oder in Metropolen zu shoppen, sondern um Menschen zu unterstützen, die in Not geraten sind. Die Lüntenerin ist Expertin für humanitäre Hilfe. Ihr Einsatz fängt dort an, wo Naturkatastrophen oder (Bürger)-Kriege existenzbedrohende Spuren hinterlassen haben.

Schon früh hat sie sich dafür entschieden, diese Richtung einzuschlagen, erzählt die 41-Jährige: Nach dem Abi 1998 am Georgianum in Vreden ging sie direkt für ein Projekt sozialer Arbeit nach Namibia. „Das war mit ausschlaggebend für mein Studium“, sagt Nina Wöhrmann. Sie schrieb sich an der Uni Münster für den Magisterstudiengang Ethnologie (Völkerkunde) ein, den Regionalschwerpunkt setzte sie auf Subsahara/Afrika. „Ich habe einfach Interesse an Menschen anderer Kulturen, daran, wie sie leben“, erklärt sie.

Nina Wöhrmann in ihrer „Basisstation
Nina Wöhrmann in ihrer „Basisstation” zu Hause in Lünten. Die Figuren hat sie aus Guinea-Bissau mit ins Westmünsterland gebracht. © Anne Winter-Weckenbrock © Anne Winter-Weckenbrock

Sie hätte bei diesem Studium einen wissenschaftlichen Weg einschlagen können, an der Uni bleiben oder in einem Museum arbeiten, forschen. „Ich habe ziemlich schnell gemerkt: Ich bin Praktikerin, ich will raus“, sagt die Lüntenerin und lacht. Praktika führten sie nach Tansania und Ruanda. Der Bereich Entwicklungsarbeit stand seinerzeit vorne an. Sich einsetzen für andere – das fand sie erfüllend, merkte sie schnell.

„Und dann hatte ich sehr viel Glück mit meinem Berufseinstieg“, blickt die 41-Jährige zurück: Nach der Magisterarbeit 2004 ging sie zunächst auf eine einjährige Reise mit eigenem Fahrzeug durch Afrika. Geworden sind es vier Jahre – auch weil sie während der Reise in Kontakt zur Organisation „Plan International“ kam. Sie arbeitete dann für diese in Guinea-Bissau. Dort forschte sie zu Genitalverstümmelung, was auch Thema ihrer Magisterarbeit gewesen war. Wie gehen verschiedene Ethnien im Land damit um, welche Begründungen für Genitalverstümmelung werden angegeben? Diese Fragen galt es für die Kinderrechtsorganisation zu beantworten.

Humanitäre Hilfe ist eine Lebensaufgabe

Von der Entwicklungszusammenarbeit, die mit Projekten auf eine langfristige Veränderung zum Guten zielt, zog es die Praktikerin bald zur Not-und Katastrophenhilfe. „Dieser Bereich ist auf akute Unterstützung , auf überlebenssichernde Maßnahmen angelegt, das liegt mir eher“, erklärt sie. Nach einer achtmonatigen Weiterbildung war 2008 ihr erster Einsatz in Haiti. Von drei Hurricanes hintereinander war das Land heimgesucht worden. Dort war die Lüntenerin für die Organisation Humedica vor Ort, kümmerte sich um eine medizinische Basisversorgung der Bevölkerung und um die Verteilung von Lebensmitteln.

Nina Wöhrmann im Jahr 2008 in Haiti. Das Land war von drei Hurricanes hintereinander heimgesucht worden, an die in Not geratenen Menschen wurden Lebensmittel ausgeteilt. Unter Bewachung von bewaffneten UN-Soldaten,
Nina Wöhrmann im Jahr 2008 in Haiti. Das Land war von drei Hurricanes hintereinander heimgesucht worden, an die in Not geratenen Menschen wurden Lebensmittel ausgeteilt. Unter Bewachung von bewaffneten UN-Soldaten, “Das ist in Ausnahmefällen leider nötig”, so die Lüntenerin. © Jean-Marie Duval © Jean-Marie Duval

Wie verkraftet man das? Nina Wöhrmann zeigt Fotos von ihren Einsätzen, die sie im Laufe der Zeit in die Demokratische Republik Kongo, nach Niger, in den Libanon, nach Syrien, Jordanien, in die Ukraine oder in die Türkei geführt haben.

Zum Beispiel die Lebensmittelverteilung: Da stehen UN-Soldaten mit Maschinengewehren im Anschlag und bewachen diese. „Das ist leider in Ausnahmefällen nötig“, sagt die Lüntenerin. Und man wisse auch, „dass nie alles ausreicht“.

„Man muss eine gewisse Persönlichkeit mitbringen, um damit klar zu kommen“

Es sei in ihrem Beruf wie bei Ärzten und Krankenschwestern, die tagtäglich mit vielen Schicksalen konfrontiert seien. „Man muss eine gewisse Persönlichkeit mitbringen, um damit klar zu kommen.“ Es gebe ja auch Erfolgserlebnisse, weil man konkret wortwörtlich Überlebenshilfe leisten kann. „Und man braucht ein gutes soziales Netzwerk, Familie und Freunde“, betont Nina Wöhrmann.

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Nina Wöhrmann leistet Hilfe in Krisengebieten

Oft sind Länder, in denen Menschen sowieso unterhalb der Armutsgrenze leben und in denen die Regierungen nicht stabil sind, von Krisen und Katastrophen betroffen. Nina Wöhrmann hat erfahren, dass es in ihrem Job ohne Diplomatie und Verhandlungsgeschick nicht geht. Sie hat mit lokalen Autoritäten genauso zu tun wie mit Ministern, Militär oder Polizei.

Manchmal wird mit Hilfe von zwei Dolmetschern verhandelt

Sie agiert vor Ort natürlich mit Dolmetschern. Manchmal sogar mit mehreren. „In Myanmar musste ich letztes Jahr immer mit zwei Dolmetschern arbeiten“, nennt sie ein Beispiel. Bei Konflikten wie denen in Myanmar zwischen der buddhistischen Hauptbevölkerung und der muslimischen Minderheit, den Rohingya ist das nötig, um sicherzugehen.

Im Libanon führte Nina Wöhrmann im Jahr 2016 für Mitarbeiter einer Organisation ein Seminar zum Qualitätsmanagement in der Humanitären Hilfe durch. © privat © privat

Auf der Basis ihrer reichlichen Erfahrung mit dem strukturierten Helfen hat sich Nina Wöhrmann im Jahr 2013 selbstständig gemacht, ist seither freiberufliche Beraterin und Trainerin. Sie bildet Personal von Organisationen weiter. Es geht dann um Qualitätsmanagement, „weil Gutes tun nicht immer gut ist, wenn es nicht gut gemacht ist“, erklärt Nina Wöhrmann. Wichtig sei zum Beispiel die Bedarfserhebung, auch direkt nach einer Katastrophe. Die Lüntenerin gibt weiter, „wie man dafür sorgt, dass Hilfe da ankommt, wo sie hin soll“.

Auf den Einsätzen ist es wenig gemütlich

Das „Pendeln zwischen den Welten“, der Idylle in Lünten und der Not im Krisengebiet, gehört zu ihrem Leben dazu. Auf den Einsätzen ist es wenig gemütlich, bestätigt die Lüntenerin schmunzelnd. „Privatsphäre kann man zu Hause lassen.“ Mit verschiedensten Menschen auf engem Raum zusammen leben und arbeiten, das müsse man schon können. Da gilt ihr Motto, das auch bei der außergewöhnlichen Studienfachwahl galt: „Man muss mit Herzblut und Motivation dabei sein, dann geht das.“
Und ebenso bei der nächsten Aufgabe, die Nina Wöhrmann angegangen ist: Als „Naturmensch“ hat sie sich zur Waldpädagogin weitergebildet. Und sieht sogar eine Verbindung: Viele Naturkastastrophen lösen Krisen aus, und der Klimawandel ist auch hierzulande spürbar.

Über die Autorin
Redaktion Ahaus
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Anne Winter-Weckenbrock

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